Ehemann lässt Merkel im Regen stehen

Die Deutschen wählen heute einen neuen Bundestag. Jetzt hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Stimme abgegeben.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Sonntagnachmittag im Berliner Bezirk Mitte ihre Stimme bei der Bundestagswahl abgegeben. Die Kanzlerin kam in Begleitung ihres Ehemanns Joachim Sauer, der vor dem Wahllokal schützend den Regenschirm über sie hielt, wie ein AFP-Reporter berichtete.

Bundeskanzlerin Merkel hat gewählt. (Video: Reuters)

Merkel trug einen roten Blazer zu schwarzem T-Shirt und schwarzer Hose. Leicht lächelnd steckte sie ihre Wahlunterlagen in die Urne. Die Kanzlerin bewirbt sich bei der Bundestagswahl um eine vierte Amtszeit - sie ist seit dem 22. November 2005 im Amt.

Ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz hatte bereits am Sonntagvormittag in seiner Heimatstadt Würselen bei Aachen gewählt. Trotz schlechter Umfragewerte präsentierte er sich zuversichtlich. Vor dem Wahllokal machte er das Victory-Zeichen. Am Abend wurde er in Berlin erwartet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gab ebenfalls am Vormittag in Berlin seine Stimme ab.

Schulz hofft auf Unentschlossene

Viele Wähler seien bis zuletzt unentschlossen, wen sie wählen sollen, sagte Schulz. «Ich glaube, auch heute am Wahltag gibt es nach wie vor Bürgerinnen und Bürger, die überlegen, was sie mit ihrer Stimme machen.» Er sei zuversichtlich, dass viele der Unentschlossene ihre Stimme seiner Partei geben. «Ich bin optimistisch, dass die SPD mit einem guten Resultat aus diesem Wahlkampf herauskommt.»

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir grüsste bei seiner Stimmabgabe im Berliner Bezirk Kreuzberg vormittags gut gelaunt wartende Journalisten, Wahlhelfer und andere Wähler und verliess das Wahllokal danach kommentarlos.

Stimmabgabe in Dirndl und Lederhosen. (Video: AFP)

Wählen ist «vornehmste Bürgerpflicht»

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief die Deutschen auf, sich in jedem Fall an der Abstimmung zu beteiligen. «Wahlrecht ist Bürgerrecht. Für mich ist es in einer Demokratie vornehmste Bürgerpflicht. Gehen Sie zur Wahl!», schrieb das Staatsoberhaupt in der «Bild am Sonntag».

«Wer nicht wählt, lässt nur andere über die Zukunft unseres Landes entscheiden», warnte Steinmeier. Es sei vielleicht noch nie so spürbar wie jetzt gewesen, dass es in Wahlen «auch um die Zukunft der Demokratie und die Zukunft Europas» gehe. Wahlleiter Dieter Sarreither schloss sich dem Aufruf an. Mit ihrer Stimmabgabe könnten die Menschen «Einfluss auf künftige politische Entscheidungen in Deutschland nehmen».

AfD an dritter Stelle

Rund 61,5 Millionen Deutsche sind am heutigen Sonntag aufgerufen, einen neuen Bundestag zu wählen. Sie können sich unter bundesweit 42 Parteien und 4828 Bewerbern entscheiden.

Die Union unter Kanzlerin Angela Merkel dürfte die erneut mit Abstand stärkste Fraktion werden. Im neuen Parlament werden durch die Rückkehr der FDP und den erstmaligen Einzug der rechtspopulistischen AfD voraussichtlich sechs statt bisher vier Fraktionen vertreten sein. Die Zahl der Abgeordneten könnte von 630 auf bis zu etwa 700 steigen.

Letzte Umfragen sahen die Union zwischen 34 und 36 Prozent. Die SPD stand bei 21 bis 22 Prozent. Die AfD lag zwischen 11 bis 13 Prozent, die Linke kam auf 9,5 bis 11, die FDP auf 9 bis 9,5 Prozent. Die Grünen standen demnach bei 7 bis 8 Prozent.

Merkel vor vierter Amtszeit

Damit könnte neben einer neuen grossen Koalition aus Union und SPD auch ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen möglich werden. In beiden Fällen wäre Merkel auch die nächste Bundeskanzlerin, sie würde damit bereits in ihre vierte Amtszeit gehen.

Mit besonderer Spannung wird das Abschneiden der AfD erwartet: Erstmals seit den 50er-Jahren könnte eine rechtsnationale Partei in den Bundestag einziehen – und das möglicherweise sogar als drittstärkste Kraft.

Bei der Bundestagswahl 2013 hatte die Union 41,5 Prozent bekommen, die SPD 25,7 Prozent, die Linke kam auf 8,6, die Grünen erreichten 8,4 Prozent. FDP (4,8) und AfD (4,7) scheiterten jeweils an der Fünf-Prozent-Hürde.

Rege Wahlbeteiligung bis Mittag

Bei der deutschen Bundestagswahl deutet sich vielerorts eine höhere Beteiligung als 2013 an. Das geht aus Mitteilungen der Landeswahlleiter zu mehreren Grossstädten hervor. In Hamburg hatten bis 11.00 Uhr 37,4 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Vor vier Jahren waren es nach Angaben des Statistikamtes Nord zu diesem Zeitpunkt erst 35,4 Prozent. In Bremen wählten bis 12.00 Uhr 27,1 Prozent nach 24,9 Prozent 2013. Der Bundeswahlleiter wollte gegen 15.30 Uhr erste nationale Zahlen zur Wahlbeteiligung veröffentlichen.

Auch in München machten die Menschen am Vormittag von ihrem Wahlrecht rege Gebrauch. Bis 12.00 Uhr lag die Wahlbeteiligung einschliesslich der Briefwahl bei 57,1 Prozent, vor vier Jahren waren es zum gleichen Zeitpunkt 44,3 Prozent. Auch aus Nürnberg meldete das Wahlamt ein stärkeres Interesse: Dort gaben einschliesslich Briefwahl 29,6 Prozent der Wähler ihre Stimme ab, 2013 waren es noch 26,4 Prozent. Einen ähnlichen Trend gab es in Baden-Württemberg. In Stuttgart hatten bis 12.00 Uhr 19,6 Prozent der Wahlberechtigten ihre Kreuze gemacht. Das waren 0,5 Prozentpunkte mehr als 2013.

In Potsdam bildeten sich nach Angaben eines Stadtsprechers vielerorts Schlangen vor den Wahllokalen. In Sachsen-Anhalt hatten bis 12.00 Uhr 29,6 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Vor vier Jahren waren es zum gleichen Zeitpunkt 25,8 Prozent. Allerdings meldeten einige Bundesländer auch einen ruhigen Start der Wahl. In Sachsen blieb die Wahlbeteiligung bis zum Mittag im Vergleich zu 2013 unverändert. In Thüringen sank sie sogar auf 24,5 Prozent. 2013 hatten zu diesem Zeitpunkt schon 31,2 Prozent gewählt.

Ergebnis wohl erst in der Nacht

Gewählt werden in 299 Wahlkreisen ebenso viele Direktkandidaten. Weitere 299 Abgeordnete ziehen entsprechend dem Wähleranteil der Parteien über Listen in das Parlament ein, sofern ihre Partei bundesweit über fünf Prozent der Stimmen oder mindestens drei Direktmandate erringt. Hinzu kommen Überhang- und Ausgleichsmandate.

Die Wahllokale öffnen von 8 Uhr bis 18 Uhr. Unmittelbar nach Schliessung der Wahllokale werden die ersten Prognosen veröffentlicht. Mit dem vorläufigen Endergebnis wird erst in der Nacht zum Montag gerechnet. (roy/sep/AFP/SDA)

Erstellt: 24.09.2017, 05:48 Uhr

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