Was Schulz im TV-Duell gegen Merkel falsch machte

Warum nur schafft es der SPD-Herausforderer nicht, die Kanzlerin aus der Reserve zu locken?

Laut Umfragen hat die Kanzlerin mehr überzeugt: Angela Merkel im Streitgespräch mit Martin Schulz. (Video: Tamedia/AFP)
Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Es war der Showdown zweier blau gekleideter Spitzenpolitiker in einem Studio, das mit seinem türkisblauen Hintergrund selber einem Aquarium glich. Die Fragesteller der vier grossen deutschen TV-Stationen Sandra Maischberger, Maybrit Illner, Peter Kloeppel und Claus Strunz gaben sich grösste Mühe, die Kanzlerin und ihren Herausforderer mit harten, in rasantem Tempo vorgebrachten Fragen dazu zu zwingen, Farbe zu bekennen.

Doch im einzigen direkten Duell der beiden zeigte sich vor allem, dass Angela Merkel, die Christdemokratin, und Martin Schulz, der Sozialdemokrat, sich politisch so nahe stehen, dass sie nach der Bundestagswahl bestimmt erneut eine gemeinsame Regierung bilden könnten.

Umfrage in Singen: Wer liegt nach dem TV-Duell vorne? (Video: SDA)

«Schulz weiss es eigentlich besser ...»

Immer wieder nickten Merkel und Schulz, wenn der angebliche Kontrahent argumentierte. Mehr als einmal sprang der SPD-Chef der Kanzlerin rhetorisch bei, wenn sie sich gegen nachbohrende Interviewer wehrte. Merkel erklärte etwa, dass man nach der Genfer Konvention anerkannten Flüchtlingen den Nachzug ihrer Familie gar nicht verwehren könne, selbst wenn man es politisch wollte – und Schulz nahm sie gegen die Einwände der Moderatoren in Schutz, was Merkel mit einem feinen Lächeln quittierte.

Als Schulz es als Fehler bezeichnete, dass Merkel in der Flüchtlingskrise die Europäer nicht früher in ihre Politik einbezogen und für mehr europäische Solidarität gesorgt habe, antwortete Merkel: «Schulz weiss es eigentlich besser ...», und zählte dann die Gespräche auf, die sie Anfang September 2015 mit den Spitzen wichtiger europäischer Länder geführt hatte. Schulz war damals noch Präsident des EU-Parlaments und wusste in der Tat, dass es in der Flüchtlingskrise weder vor dem Sommer noch danach eine Mehrheit für eine konzertierte, solidarische Flüchtlingsaufnahme gegeben hatte – deutsche Bemühungen hin oder her.

Zufrieden nach dem TV-Duell: Angela Merkel gönnt sich ein Glas Weisswein – neben ihr lächelt CDU-Kollegin und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Foto: Keystone

So verlief das Gespräch, in dem eigentlich gestritten werden sollte, bei vielen Themen. Schulz tat sich schwer damit, sich als klare Alternative darzustellen – was naturgemäss die Amtsinhaberin gegenüber dem Herausforderer bevorteilte. Er wehrte sich immer wieder gegen diesen Eindruck, was ihm zwischen den häufigen «Frau Merkel hat Recht» mal besser, mal schlechter gelang.

Punkten konnte er mit der erstmals geäusserten Meinung, Deutschland müsse dafür sorgen, dass die EU die Beitrittsgespräche mit der Türkei abbreche. Merkel blieb dabei, dass man diesen Schritt besser der Türkei überlassen sollte – das sei ja, worauf die Provokationen von Präsident Erdogan abzielten. Diese Zurückhaltung hat in Deutschland angesichts der permanenten Beleidigungen aus Ankara nicht mehr viele Anhänger.

Video: Die Deutschen Kanzler im Schnelldruchlauf

Von Adenauer bis Merkel: Eine nostalgische Videobetrachtung der deutschen Regierungschefs. Video: Lea Koch, TA

Bedrängen konnte Schulz Merkel auch in der Rentenfrage. Der SPD-Chef kritisierte, dass CDU/CSU kein Konzept für die Zukunft vorgelegt hätten, verdächtigte Merkel aber, hinter den Kulissen den Weg für eine Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre vorzubereiten, wie es der Wirtschaftsflügel ihrer Partei fordere. Merkel antwortete, es gebe viele Menschen, die mit 70 Jahren nicht mehr arbeiten könnten. Mit ihr werde es deswegen ein Rentenalter 70 nicht geben. Worauf Schulz Merkel sofort ihr (gebrochenes) Versprechen von 2013 vorhielt, dass es mit ihr eine Autobahnmaut nicht geben werde. Die CSU hatte das Vorhaben schliesslich in den Koalitionsvertrag gedrängt.

Wie schwer sich die beiden Kanzleranwärter taten, scharf und kontrovers Stellung zu beziehen, zeigte sich in der Schlussrunde des 97-minütigen Gesprächs, als sie von den Moderatoren aufgefordert wurden, auf kurze Fragen möglichst nur mit Ja und Nein zu antworten. Schulz wie Merkel brauchten für viele heikle Fragen fast gleich viel Antwortzeit wie zuvor, als das Format sie noch kaum eingeschränkt hatte.

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