Salvini gibt den Chef der «schwarzen Internationalen»

Wahlkampfabschluss der europäischen Rechtsextremen in Mailand: Gastgeber Matteo Salvini hatte auf 100'000 Anhänger gehofft. Es kam ein Fünftel davon.

Unter den geladenen Rednern waren auch Geert Wilders (Niederlande) und Marine Le Pen (Frankreich). Foto: Luca Bruno (Keystone)

Unter den geladenen Rednern waren auch Geert Wilders (Niederlande) und Marine Le Pen (Frankreich). Foto: Luca Bruno (Keystone)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Vielleicht lag es am Regen, er war vorausgesagt. Vielleicht lag es auch an den plötzlichen Schatten, die aus Österreich herüberragten. Oder an beidem. Die Piazza del Duomo jedenfalls, so etwas wie das Wohnzimmer Mailands, Ort grosser sportlicher Feiern und politischer Kundgebungen, wurde nicht voll. Obschon ein Mailänder gerufen hatte: Matteo Salvini.

100'000 Anhänger waren erwartet worden zum Gipfel der Souveränisten und extremen Rechten. Italiens Innenminister von der rechtsnationalistischen Lega hatte das Treffen zum Kampagnenende vor den Europawahlen organisiert. Busse und Sonderzüge waren gechartert worden für den Samstag, alles gratis. Am Ende kamen nur etwa 20'000.

Fast komplett war dagegen das Feld der geladenen Redner, elf insgesamt. Marine Le Pen war da, die Chefin des Rassemblement National, früher Front National, die von einem «historischen Tag» sprach: «Europa erhebt das Haupt», sagte sie.

Gekommen war auch Geert Wilders, der Chef der niederländischen Freiheitspartei, der sein Programm für einmal auf Italienisch vortrug: «Basta Islam!» Die Alternative für Deutschland hatte ihren Europaabgeordneten Jörg Meuthen geschickt, der auf die «arroganten Technokraten» und «Eliten» in Brüssel schimpfte, die man nun auf politischem Weg zu Fall bringen wolle.

Strache verabschiedete sich gerade aus der Politik, als sie in Mailand eine «neue Ära» ausriefen. 

In Mailand traten ausserdem Nationalisten aus Dänemark, Belgien, Finnland, Estland, Bulgarien, Tschechien und der Slowakei auf, je mit kurzen Einlagen. Auch die FPÖ entsandte einen Vertreter, allen Wirren zum Trotz. Dem Europaabgeordneten Georg Mayer fiel die undankbare Aufgabe zu, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Natürlich war geplant gewesen, dass Heinz-Christian Strache vorbeischauen würde, der bisherige Star der Partei, ein Pfeiler dieses Bündnisses, das sich «Europäische Allianz der Völker und Nationen» nennt. Strache aber verabschiedete sich gerade aus der Politik, als sie in Mailand eine «neue Ära» ausriefen. Mayer erwähnte Strache mit keinem Wort.

Wahlbündnis noch ohne Spitzenkandidat

Die Redner schien es nicht zu stören, dass am Pult «Prima l’Italia» stand, Italien zuerst. Der ganze Widerspruch dieser «schwarzen Internationalen», wie die italienische Presse den Verbund nennt, in einem Bild.

Dieselben Parteien aus dem Norden und Osten Europas sind nämlich jeweils besonders unnachgiebig, wenn die Italiener in Brüssel um mehr Kulanz beim Budgetieren bitten. Gemein ist ihnen die harte Haltung gegen Immigranten, gegen Muslime und die angebliche Arroganz der Eliten. Das zeigte sich auch daran, dass sich die «Superfraktion», die im neuen Parlament entstehen soll, auf keinen Spitzenkandidaten einigen konnte.

Salvini aber ist ihr Held des Moments, der Rechtspopulist mit dem grössten Zuspruch und dem grössten politischen Einfluss in einem wichtigen Land Europas.

Salvini gab den Papst den Pfiffen seiner Fans frei.

Jetzt, nach Straches Sturz, wächst die Rolle des italienischen Vizepremiers. Seine Lega, die in Umfragen bei 30 Prozent der Wahlabsichten liegt, wird von allen Parteien des Bündnisses wohl am meisten Parlamentarier stellen. Er sprach als Letzter, als Hauptakt. In der Hand hielt Salvini einen Rosenkranz, den er auch mal küsste.

«Ich bin bereit, mein Leben zu geben für Italien», sagte er und empfahl sich und alle Anwesenden dem «unbefleckten Herzen» Marias. Es ist nicht das erste Mal, dass Salvini, der nicht als sonderlich gläubiger Mensch bekannt ist, sich bei der Religion bedient, um sein Image zu runden.

Dann gab er den Papst den Pfiffen seiner Fans frei. «Mit unserer Regierung haben wir Tatsachen geschaffen. Ich sage das auch zu Papst Franziskus, der gerade heute wieder von der Notwendigkeit sprach, die Toten im Mittelmeer zu verhindern.» Ein Teil der Piazza buhte, als wäre der Papst ein politischer Gegner. «Die Regierung», sagte Salvini, «stellt die Zahl der Toten im Mittelmeer auf null – mit Stolz und christlichem Geist.»

Gäste wie Komparsen

Die These, wonach seine Abschottungspolitik die Flüchtlingsdramen verringere, ist hoch umstritten. Es kommen zwar tatsächlich weniger Schiffe an, seitdem Italien die Häfen schliesst und die NGOs behindert. Doch die Gefahren sind unterdessen gestiegen, weil weniger Retter zwischen Libyen und Italien kreuzen.

Proportional, sagen internationale Organisationen und Menschenrechtsvereinigungen, kommen heute mehr Migranten um beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, als je zuvor. Einfach mit weniger Zeugen. Das meint der Papst, wenn er die Politik des Innenministers kritisiert, ohne ihn je beim Namen zu nennen.

Salvinis Auftritt galt vor allem der italienischen Wählerschaft, die er nach den jüngsten Korruptionsaffären in der Partei neu mobilisieren wollte. Die internationalen Gäste wirkten dabei wie Komparsen. So war auch der Gegengipfel in den Strassen Mailands in erster Linie gegen Salvini gerichtet.

Zorro hoch über der Piazza

Tausende marschierten im Namen des Antifaschismus. An den Balkonen hingen Spruchbänder. «Mehr Brücken, weniger Mauern», konnte man da zum Beispiel lesen. Andere handelten von den 49 Millionen Euro an öffentlichen Geldern, die Salvinis Partei in den vergangenen Jahren auf offenbar mysteriöse Weise verschwinden liess.

Die grösste Öffentlichkeit aber wurde einem Gewerkschafter zuteil, der sich in ein Hotelzimmer hoch über der Piazza del Duomo einmietete und sich in ein Karnevalskostüm hüllte: Zorro – samt Hut und Maske. Eine Stunde lang fuchtelte er da oben mit einem Plastikdegen, im Fokus aller Fernsehkameras. Eine lustige Anspielung auf die jüngste Biografie Salvinis, eine Lobhudelei, in welcher der Innenminister erzählt, wie ihm im Kindergarten seine geliebte Zorro-Puppe gestohlen worden sei.

Nach einer Stunde zwang die Polizei den Zorro im Hotel dazu, seine Parodie zu beenden. Sein Spruchband wurde eingerollt und entfernt, darauf stand: «Bleiben wir menschlich.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt