Regierungsfeindlich, unzufrieden und gegen Einwanderung

Zwischen Brexit-Befürwortern und Trump-Anhängern gibt es viele Parallelen. Was sie gemeinsam haben – und was sie unterscheidet.

Haben einiges gemeinsam: Donald Trump und Boris Johnson, verewigt als Strassenkunst. (Bild: Getty Images)

Haben einiges gemeinsam: Donald Trump und Boris Johnson, verewigt als Strassenkunst. (Bild: Getty Images)

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Wenn morgen über den Brexit abgestimmt wird, dürften auch Amerikaner, insbesondere Trump-Anhänger, gespannt über den grossen Teich blicken. Denn sie verstehen die Anliegen der Befürworter eines EU-Ausstiegs Grossbritanniens nur allzu gut. Zwischen den beiden Gruppen gibt es mehrere Gemeinsamkeiten. Das sind die drei augenscheinlichsten:

  • Für einen Umbruch: Sowohl Brexit-Befürworter als auch Trump-Fans sind unzufrieden mit dem Weg, den ihr Land eingeschlagen hat. Sie sehen sich deshalb als Teil einer Art Protestbewegung, die sich gegen den Kurs der Regierung und gegen das Etablierte wendet und einen Neuanfang einleiten soll.
  • Antieinwanderung: In Trumps Kampagne und in der Brexit-Kampagne spielt das Thema Immigration eine entscheidende Rolle. Beide Gruppen wollen mit ihrer Unterstützung die befürchtete übermässige Einwanderung in ihr Land verhindern. Durch den EU-Ausstieg soll die Selbstbestimmung Grossbritanniens in Grenzfragen garantiert werden.
  • Gleiche Wählerbasis: Personen, die für den Brexit sind oder die Trump wählen, sind in der Regel Arbeitnehmer mit mittleren oder niedrigen Einkommen, Kleinunternehmer oder Selbstständige. Zudem ist die Wählerbasis sowohl des Brexit als auch von Trump im Durchschnitt eher älteren Semesters.

Dass die beiden Gruppen Parallelen aufweisen, hat auch viel mit den Personen hinter den jeweiligen Kampagnen zu tun: mit Donald Trump und Boris Johnson, der das Aushängeschild der Brexit-Kampagne ist und ebenfalls gerne Präsident beziehungsweise britischer Premierminister werden würde. Wegen ihrer blonden Haarpracht wurden sie schon oft miteinander verglichen, aber die beiden verbindet nicht nur äusserlich vieles.

«Der Donald Trump von London.»Das Wirtschaftsmagazin «Fortune» über Boris Johnson

Es beginnt schon beim politischen Aufstieg der beiden. Wie Donald Trump wurde auch Boris Johnson nicht ernst genommen, als er 2007 seine Kandidatur für die Wahl zum Londoner Bürgermeister im darauffolgenden Jahr ankündigte. In der eigenen Partei hatte er anfänglich keinen Rückhalt, Trump ging es gleich. Beide waren in erster Linie für ihre Auftritte im TV bekannt, wo sie mit fragwürdigen Aussagen für Empörung sorgten. «Wenn Sie Tory wählen, wird Ihre Frau grössere Brüste bekommen. Und Ihre Chancen werden steigen, einen BMW M3 zu besitzen», warb Johnson einst für seine Partei.

Entgegen allen Erwartungen setzten sich Johnson und Trump aber durch. Ersterer wurde Bürgermeister Londons, Letzterer wird wohl als republikanischer Nominierter um das US-Präsidentenamt kämpfen. Sie sind zwei atypische Politiker mit Celebrity-Status und gleichzeitig Freigeister und Rebellen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und mehr mit Witz und Charme als mit rationalen Argumenten punkten. Beide sind aber gerissener, als sie zu sein vorgeben, und wissen genau, was sie tun. Sie präsentieren sich beziehungsweise ihre Kampagne als Alternative zum Kurs, den ihr Land und die Regierung eingeschlagen haben.

«Der einzige Grund, warum ich gewisse Teile New Yorks nicht besuchen würde, ist das Risiko, Trump zu begegnen.»Boris Johnson

Trump machte einst gar Werbung für den Brexit, als er sagte, dass Grossbritannien «besser dran wäre» ohne die EU, welche für die Flüchtlingskrise verantwortlich sei. Damit sprach er aber just einen Unterschied zwischen seiner Kampagne und derjenigen für den Brexit an. Denn während sich die Unzufriedenheit bei den Trump-Anhängern auf die politische Elite in Washington konzentriert, richtet sich die Abneigung der Brexit-Befürworter nicht nur gegen die Regierung zu Hause, sondern vor allem auch gegen die Bürokraten in Brüssel.

Was die beiden Bewegungen zudem unterscheidet, ist die Haltung ihrer Wortführer zu freiem Handel in der Wirtschaft. Trump lehnt diesen ab und befürwortet protektionistische Massnahmen. Die Pro-Brexit-Kampagne hingegen will freien Handel mit Ländern inner- und ausserhalb der EU, ohne selbst Teil von ihr zu sein. Würde man Boris Johnson fragen, würde dieser wohl auch die Unterschiede zwischen Brexit und Trump hervorheben, auf den er nicht gut zu sprechen ist. Trump habe «eindeutig den Verstand verloren», sagte der damalige Bürgermeister Londons, als der Amerikaner behauptet hatte, Teile Londons seien so radikalisiert, dass Polizisten dort um ihr Leben fürchteten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.06.2016, 17:59 Uhr

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