Rechtspopulisten verklären Jörg Haider zum Mythos

Der fesche Volksverführer aus Kärnten hat vorgemacht, wie man mit Aggressivität und Hemmungslosigkeit Aufmerksamkeit erregt.

Jörg Haider war ein von Geltungssucht Getriebener. Foto: Keystone

Jörg Haider war ein von Geltungssucht Getriebener. Foto: Keystone

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Österreich ist im Gedenkmodus: Zum zehnten Todestag von Jörg Haider, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2008 mit 142 Stundenkilometern auf dem Tacho und 1,8 Promille Alkohol im Blut mit seinem Auto von der Strasse abkam, wird reichlich postmortaler Trubel veranstaltet. Funk, Fernsehen und Gazetten sind gut gefüllt mit Rück- und Ausblicken. Da wuchert ein Mythos, der verwunderlich, aber kein Wunder ist.

Denn dieser fesche Volksverführer aus dem Kärntner Bärental darf tatsächlich als der Urvater all jener Rechtspopulisten gelten, die heute nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa und darüber hinaus ihr Unwesen treiben. An Haider messen sich viele, und viele müssen sich messen lassen. Wenn irgendwo das rechte Personal nicht vom Fleck kommt bei den Wahlen, dann heisst es stets, es fehle ihnen halt «ein Haider». Unter dem Strich ist das ein bisschen viel der Ehre für den österreichischen Egomanen, der nicht nur ein Antreiber war, sondern auch ein Getriebener – getrieben von Geltungssucht, einer stets gärenden Persönlichkeit und einem Nazi-Elternhaus.

Gewiss, er hat die ehemalige 5-Prozent-Partei FPÖ gross gemacht, hat 1999 mit 26,9 Prozent den bis heute gültigen Wahlrekord aufgestellt und die rechten Aussenseiter in die Regierungsverantwortung gebracht. Aber er hat danach auch all das, was er aufgebaut hat, eigenhändig wieder eingerissen, war für Regierungskrisen, Wahlabstürze und für die Spaltung der Partei verantwortlich.

All das lässt sich weniger politisch als vielmehr psychologisch deuten. Sein Handeln hatte nicht immer mit der Ratio, sondern viel mit Emotionen zu tun – aber genau darin liegt ja auch Haiders eigentliches Erbe. Denn er hat vorgemacht, wie man mit Aggressivität und Hemmungslosigkeit Aufmerksamkeit erregt, wie man durch Regelverstösse und Tabubrüche nach oben kommt, wie man zugleich Feindbilder schürt und den eigenen Opfermythos pflegt. Ach ja: und wie man dabei auch noch bella figura macht.

Doch dass die Saat aufging und die Epigonen heute überall nach vorn drängen, ist gewiss nicht nur Haiders zweifelhaftes Verdienst. Geschuldet ist das eher einem politischen Klimawandel, den die Populisten nicht bewirkt, sondern nur genutzt haben. In den globalisierten Gesellschaften werden Krisen meist als Grosskrisen erlebt, vom Bankencrash bis zur Flüchtlingswelle. Das löst Ängste aus, und davon leben all die Rattenfänger, die Sicherheit versprechen und alte Stärke.

So sind zehn Jahre nach Jörg Haiders Unfalltod die Rechtspopulisten in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dafür sind die Gesellschaften oft weit nach rechts gerückt. Heute sitzen Haiders Erben nicht nur in Österreich, sondern auch in zahlreichen anderen EU-Ländern an den Schalthebeln der Macht, in fast allen sind sie im Parlament vertreten. Im Verbund hetzen sie gegen den Brüsseler «Bunker», den sie aufzubrechen drohen.

Da hat sich eine Front formiert, die enorme destruktive Kräfte entfalten kann. Haider mag von solchen Zusammenschlüssen schon geträumt haben, als er 2002 einmal Vertreter rechter Parteien aus anderen europäischen Ländern zum Kennenlernen nach Kärnten einlud. Damals war das eher ein Spielchen, aussenpolitisch irrlichterte Haider ohnehin durch die Welt und umschmeichelte gern auch mal Saddam Hussein oder Muammar al-Ghadhafi. Die Populisten von heute haben dagegen fast alle einen gemeinsamen Paten gefunden: Wladimir Putin, den russischen Präsidenten.

Von solchen Strukturen waren die Rechten zu Haiders Zeiten noch weit entfernt. Das Spielfeld ist heute viel grösser – und auch die Gefahr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.10.2018, 22:00 Uhr

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