«Rechte machen eine Talkshow spannend»

Der deutsche Publizistikwissenschaftler Uwe Krüger erklärt, weshalb die Konflikte um die Begriffe Fake-News, Lügenpresse, Mainstream und soziale Medien schärfer werden.

Der politische Kampfbegriff «Lügenpresse» stammt aus dem 19. Jahrhundert, mit den Pegida-Demonstrationen hat er sich jüngst wieder verbreitet. Foto: Daniel Naupold (AFP)

Der politische Kampfbegriff «Lügenpresse» stammt aus dem 19. Jahrhundert, mit den Pegida-Demonstrationen hat er sich jüngst wieder verbreitet. Foto: Daniel Naupold (AFP)

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Nach dem US-Wahlkampf befürchten deutsche Parteien vor den Wahlen zunehmende Propaganda von rechts mit Lügen, sogenannten Fake-News. Was halten Sie von dieser Sorge?
Vom Gerede um Fake-News oder ein angeblich «postfaktisches Zeitalter» halte ich gar nichts. Ich unterscheide lieber nach Sachverhaltsaussagen – die können richtig oder falsch sein – und nach Deutungsaussagen, die plausibel oder nicht plausibel sein können. Um Letztere kann und muss man sich streiten. Die Kampagne gegen Fake-News wird von Akteuren vorangetrieben, die mitunter selbst desinformieren, wenn es ihren Zielen dient. Ich erinnere etwa an die Begründung des Irakkriegs 2003 durch die US-Regierung. Ich sehe da keinen kategorischen Unterschied zu Propaganda, wie sie beispielsweise aus Russland kommt.

Sollte man statt neumodisch von ­Fake-News eher von alter Propaganda sprechen?
Was Propaganda ist und was nicht, ist schwer zu definieren. In jedem Fall sprechen wir von politischer Kommunikation mit dem Ziel, Leute zu überzeugen und Macht zu gewinnen. Dafür werden mitunter Sachverhalte falsch dargestellt oder unliebsame Sachverhalte verschwiegen. Ich würde die aktuelle Diskussion so charakterisieren: Wir sehen eine Kampagne des politisch-medialen Establishments gegen Akteure ausserhalb des Establishments, die mit falschen Sachverhaltsaussagen, Halbwahrheiten und Emotionalisierung operieren. Dabei hantiert das Establishment durchaus auch mit Gefühlen und willkürlich ausgewählten Fakten.

Beispiel?
Die Berichterstattung über den Umsturz in der Ukraine 2014 war in Deutschland ausgesprochen einseitig: Alles, was den gewählten Präsidenten Janukowitsch diskreditierte, wurde hervorgehoben, der Einfluss des Westens und die Rolle der Rechtsextremen unter den Demonstranten dagegen mehr oder weniger beschwiegen. In Moskau war die Gewichtung genau umgekehrt.

Ist Fake-News vor allem ein ­Kampfbegriff des Establishments gegen politische Aussenseiter?
Es ist jedenfalls eher der Kampf eines Deutungsmusters gegen ein anderes als das Ringen von Wahrheit gegen Lüge. Realität kann man auf verschiedene Weise sehen. Im Moment stellen wir fest, dass eine internationalistische liberale Elite eine Gegenelite abwehrt, die autoritäre und nationalistische Werte vertritt. Diese Gegenelite – Trump, Brexit, Le Pen, Alternative für Deutschland – steigt auf, das Establishment wehrt sich dagegen.

In Europa geht die Angst um, dass Russland den Aufstieg der anti-liberalen Kräfte mit verdeckter Propaganda unterstützt. Zu Recht?
Dass Russland hier mitmischt, ist plausibel. Doch die Debatte kommt mir scheinheilig vor. Russische Einflussnahme auf die US-Wahlen wird wie ein Sakrileg ­diskutiert. Zugleich ist so gut wie nie die Rede von all jenen früheren Fällen, in denen amerikanische Akteure hemmungslos in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten eingegriffen haben – von verdeckter Unterstützung bis hin zum Putsch.

Woher stammt eigentlich der Begriff Lügenpresse?
Das Wort wurde in Deutschland erstmals um 1840 herum verwendet, damals zur Diskreditierung der Presse im verfeindeten Frankreich. Während des Ersten Weltkriegs diente er ebenfalls dazu, die ausländische Presse anzugreifen. Die Nazis wendeten den Vorwurf zudem gegen die einheimische liberale, linke und jüdische Presse. Seit den 2000er-Jahren ist das Wort in neonazistischen Kreisen gängig. Weiter verbreitet hat es sich erst wieder ab Ende 2014, mit der Pegida-Bewegung und der AfD.

Ist an dem Vorwurf etwas dran?
Ich gehe davon aus, dass es vielen Leuten, die den Begriff benutzen, gar nicht um Lügen im engeren Sinne geht, also nicht um absichtsvoll falsche Sachverhaltsaussagen. Ihnen geht es eher um Einseitigkeiten, die sie wahrnehmen, und um «Frames», die nicht ihrem Weltbild oder ihren Interessen entsprechen: also um Rahmen und Deutungsmuster, die nicht ihre sind.

Der Begriff Lüge suggeriert etwas anderes.
Ja, darum halte ich den Begriff in einer ernsthaften Debatte auch für unbrauchbar. Klüger wäre es, über den Vorwurf der Mainstream-Medien zu sprechen. Wenn man das Wort Mainstream nicht polemisch verwendet, sondern analytisch, ist es recht fruchtbar.

Wie definieren Sie Mainstream?
Zunächst spreche ich nicht von Mainstream-Medien, sondern von Medien-Mainstream. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. In den meisten grossen Medien haben zuweilen auch vom Mainstream abweichende Darstellungen Platz. Dies ändert aber meist nicht viel daran, dass es dominierende Meinungen gibt. Mainstream meint beschreibend zunächst nur, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Themen und Deutungen dominieren, wobei sich im Zeitverlauf die Richtung auch ­ändern kann.

Wie entsteht Medien-Mainstream?
Indem Journalisten sich aneinander orientieren. Und, fundamentaler, indem sie sich am Diskurs der politischen Eliten orientieren. Grosse Medien bilden meist Elitenhandeln und -denken ab – und beeinflussen dieses mitunter auch. Deshalb entspricht die Meinungsspanne in den grossen Medien oft ungefähr der Meinungsspanne im Parlament.

Die rechtspopulistischen Bewegungen bleiben aussen vor.
Ja. Aber mit dem Einzug der AfD in die Parlamente beginnt sich das zu ändern. Entsprechend werden deren Inhalte künftig auch häufiger in den Abendnachrichten vorkommen.

Gleichzeitig arbeitet sich der Medien-Mainstream ja geradezu obsessiv an den neuen Rechten ab.
Das stimmt, aber er tut es meist in rein delegitimierender, abwertender Weise.

In den Talkshows von ARD und ZDF sind AfD-Politiker seit eineinhalb Jahren allgegenwärtig. Sind das nicht ernsthafte Versuche, in Dialog zu treten?
Ich glaube, hier geht es weniger um Verstehen als darum, Quote zu machen. Rechte polarisieren zwar das Publikum, bringen dafür aber ihre eigenen Fans mit. Zudem wird es dank ihnen spannender. Es gibt ja für eine Talkshow nichts Schlimmeres, als wenn sie wie eine Grosse Koalition wirkt. Auf Podien gab es dagegen viele Versuche, die Rechten auszugrenzen: im Bestreben, ihnen keine Bühne zu bieten.

Ein Fehler?
Ausgrenzung polarisiert die Debatte nur noch mehr und begünstigt Radikalisierung.

Bei welchen Themen klaffen Elitemeinung und Meinung der Bevölkerung am meisten auseinander?
In der Frage der Einwanderung und dem Verhältnis zu Russland. Studien zeigen, dass die deutschen Eliten praktisch einhellig für Einwanderung eintreten, während die Bevölkerung 50:50 gespalten ist. Ähnlich ist es beim Verhältnis zu Amerika beziehungsweise Russland. Die deutschen Eliten sind transatlantischer eingestellt als die Bevölkerung. Solche Klüfte zwischen Elite und Bevölkerung sind logischerweise der Ort, wo es kracht – politisch und medial.

Der deutsche Medien-Mainstream bildet vorwiegend die liberale, internationalistische, transatlantische Sicht ab.
Ebenso der Bundestag, in dem kulturkonservative, nationalistische und russlandfreundliche Stimmen kaum repräsentiert werden. Diese Lücke macht es der Gegenelite leicht, den Eliten und den ihnen verbundenen Medien Ausgrenzung und «Lüge» vorzuwerfen.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Eine grosse. Sie vernetzen Akteure und machen Meinungen öffentlich sichtbar, die zuvor unsichtbar waren: Fremdenfeindlichkeit etwa, Islamhass. So wie es Schweigespiralen gibt – weil ich mit meiner Meinung allein stehe, behalte ich sie eher für mich –, gibt es auch das Gegenteil: Wer sieht, dass andere dieselbe ­Ansicht haben, traut sich eher, sich zu exponieren. So ist zu erklären, dass die Kritik an der Flüchtlingspolitik in den sozialen Medien derart schnell derart ­viral und aggressiv werden konnte.

Wie viel Vertrauen in die etablierten Medien ist verloren gegangen?
In jüngeren, punktuellen Umfragen sagen recht viele Deutsche, dass sie den Medien weniger vertrauen als früher. Interessanterweise stellen Untersuchungen über längere Zeiträume hinweg praktisch keinen Verlust fest. Dennoch hat sich die Debatte verschärft, es wird heute viel aggressiver gegen die Medien polemisiert als vor fünf Jahren.

Zugleich ist die Weltlage höchst konfliktreich und widersprüchlich.
Der Westen scheint auf einmal schwächlich, konkurrierende Mächte steigen auf. Innerhalb westlicher Gesellschaften vertiefen sich Risse zwischen oben und unten oder liberal und nationalistisch. Im Internet sind abseits vom Mainstream eine Vielzahl fundamental anderer Deutungsmuster nur einen Mausklick weit entfernt. In dieser krisenhaften Situation stehen die Medien unversehens selber im Fokus. Das ist kein Zufall. Der Streit über die Politik wird auch als Streit über die Medien ausgetragen.

Wie können etablierte Medien dem Vertrauensverlust begegnen?
Mit mehr Transparenz. Indem sie stärker öffentlich erklären, wie sie zu ihren Themen und Ansichten kommen. Indem sie Blicke hinter die Kulissen gewähren, wo zuvor nur eine glatte Benutzeroberfläche war. Indem sie es Nutzern ermöglichen, Menschen kennen zu lernen, die da arbeiten. Wenigstens ein Teil der Kritiker oder Verächter scheint mir dafür empfänglich.

Und inhaltlich?
Indem man Ängste und andere Weltsichten in die Diskussion integriert. Aus Sicht von kosmopolitischen Eliten, die sich um ihr Auskommen nicht sorgen müssen, lässt sich leicht spotten über Ängste, die Menschen haben, die materiell und mental in einer prekären Situation sind. Aber gesellschaftlicher Dialog entsteht so nicht.

Wie sieht die Herausforderung für Journalisten aus?
Sie sollten stärker reflektieren, in welchen Strukturen, Produktionsroutinen und Wahrnehmungskorridoren sie selbst stecken. Wollen sie der Kritik begegnen, wird es für sie wichtiger, Welten und Milieus wahrzunehmen, die nicht auf ihrem üblichen Weg liegen. Es wäre gut, wenn sie mehr Neugierde, Offenheit und Demut zeigten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 19:42 Uhr

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Uwe Krüger (38) ist in Ostdeutschland aufgewachsen und lehrt als Publizistikwissenschaftler an der Universität Leipzig. 2013 sorgte sein Buch «Meinungsmacht» für eine Kontroverse. Er wies darin nach, wie eng deutsche Meinungsmacher mit den wirtschaftlichen und politischen Eliten verbandelt sind. 2016 erschien sein Buch «Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen» (C. H. Beck). (de)

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