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Ratlos in Athen

Die alte politische Ordnung ist am Sonntagabend kollabiert. Doch der Jubel darüber ist den Griechen im Hals stecken geblieben.

Wie gehts nun weiter? Die Griechen wollen keine strikte Sparpolitik, sondern gezielte Wachstumsanreize. (Aufnahme der Akropolis von September 2011)
Wie gehts nun weiter? Die Griechen wollen keine strikte Sparpolitik, sondern gezielte Wachstumsanreize. (Aufnahme der Akropolis von September 2011)
Keystone

So, jetzt ist er da, der Bankrott: Griechenlands alte politische Ordnung ist Sonntagnacht einfach kollabiert. Und eigentlich müsste man ihm keine Träne nachweinen, jenem System, das Griechenland seit mehr als drei Jahrzehnten mit Korruption und Klientelwirtschaft überzogen hat. Wenn, ja wenn die Griechen sich Gedanken gemacht hätten, was sie denn an seine Stelle setzen. Wenn man wüsste, welche neue Struktur sie an dem Ort jenes morschen, halb verfallenen Gebäudes errichten wollen, das sie am Sonntag so eindrucksvoll in die Luft gejagt haben. Da aber herrscht erst einmal Leere. Und Ratlosigkeit.

Das Menetekel der Neonazis

Viele, die Sonntagnacht frenetisch gejubelt haben, werden sich heute insgeheim fragen: und nun? Sie haben ihrem Zorn über die Alten Luft gemacht, wer möchte es ihnen verdenken. Aber die Zukunft, was wird aus der? Eine Regierungsbildung wird extrem schwierig. Die politische Mitte ist pulverisiert, die extreme Linke und die extreme Rechte gestärkt. In Gefahr ist der politische Frieden in Griechenland, die hasserfüllten Auftritte der Neonazis der «Goldenen Morgenröte» sind ein Menetekel.

Und in welcher Gefahr ist der Euro? Nur jeder dritte Wähler hat für eine der beiden Parteien gestimmt, welche die mit EU und IWF ausgehandelten Sparpakete mittragen. Wenn man die 40 Prozent Wahlverweigerer einrechnet, dann kann man sogar sagen: Nur jeder fünfte Grieche stimmte für die Sparpakete.

Die Frage ist, wie gespart werden soll

Das ist eine Botschaft an Europa. Aber was für eine? In einem deutschen TV-Sender hiess es Sonntagnacht: «Zwei Drittel der Griechen stimmen gegen das Sparen.» Das ist falsch. Es mag Uneinsichtige geben, aber die Mehrheit der Griechen weiss sehr wohl, das da etwas fürchterlich schiefgelaufen ist in ihrem Land, das weit über seine Verhältnisse gelebt hat. Viele der Protestwähler stimmten nicht gegen das Sparen an sich – sie stimmten aber sehr wohl gegen jenes Sparrezept, das man ihnen verordnet hat.

Sie sind gegen eine Sparpolitik, die grosse Teile der Bevölkerung verarmen lässt und gleichzeitig die in ihren Augen wahren Schuldigen – die grossen Steuerhinterzieher, die korrupten Mächtigen – unangetastet liess. Sie sind gegen eine Sparpolitik, welche die Rentner und Angestellten auch deshalb so stark belastet, weil die Politiker sich auf diese Weise um schmerzhafte Strukturreformen – etwa den radikalen Abbau der Bürokratie – drücken konnten. Sie sind gegen eine Sparpolitik, welche die Wirtschaft erstickt und die Mittelschicht auszulöschen droht, ohne ihr gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass ihr Opfer Sinn macht.

Mitschuld von EU und IWF

Gerecht und sinnvoll – ist das zu viel verlangt für eine Politik auch in Zeiten der Krise? EU und IWF tragen Mitschuld daran, dass ihre Griechenlandstrategie so spektakulär gescheitert ist: Solange nur auf dem Papier die Zahlen stimmten, haben sie es den Politikern in Athen zu lange durchgehen lassen, dass diese die wirklich nötigen Reformen nicht anpackten und stattdessen ihre Bürger lieber mit noch einer Steuer quälten. Sie haben auf ein Sparrezept gesetzt, das die griechische Wirtschaft in eine Todesspirale geschickt hat. Sie haben den Eindruck erweckt, die Banken Europas seien ihnen wichtiger als das Volk Griechenlands. Und so ist ihnen dieses Volk von der Fahne gegangen.

Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Griechen sich zum weiteren Sparen verpflichten, aber eines darf man jetzt schon prophezeien: Egal, welche Regierung sich schliesslich aus den Trümmern in Athen erhebt – ohne Nachverhandlungen, ohne wesentlich stärkere Wachstumsanreize für die griechische Wirtschaft werden Berlin und Brüssel ihre Eurorettungspakete nicht halten können.

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