Rassismus ist eine Position der Schwäche

Europa ist weniger frei von Diskriminierung, als es scheinen mag. Davon kündet die Bewegung um #MeTwo. Sie bringt uns weiter.

Dunkelhäutige Menschen sind in der Schweiz am häufigsten Opfer von Rassismus. Eine Eritreerin geht mit ihrem Kind in Davos auf den Bus. Bild: Keystone

Dunkelhäutige Menschen sind in der Schweiz am häufigsten Opfer von Rassismus. Eine Eritreerin geht mit ihrem Kind in Davos auf den Bus. Bild: Keystone

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Rassismus regiert. In den USA, in Russland, in Ungarn, in Polen. Nun auch in Italien. Das Gebot, Fremden mit Höflichkeit zu begegnen, gilt nicht mehr. Beschimpfung wird salonfähig – von Latinos, Muslimen, Juden, Schwarzen. Die Welt ist vielen Weissen zu komplex geworden, scheinbar einfache Antworten sind gefragt. Rassisten haben sie parat: Ein Weltmeisterteam scheitert in der Vorrunde? Schuld ist «der Türke», der die nationale deutsche Fussballeinheit geradezu sabotiert hat.

Dabei hatten wir doch gedacht, dass die Gesellschaft viel weiter, der Gedanke der Gleichberechtigung heute fest verankert sei. Antidiskriminierungsgesetze, Fachstellen für Rassismus­bekämpfung, Büro für Gleichstellung von Mann und Frau, Büro für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, Pride-Festivals, Integrations­kurse, Meldestelle für antisemitische Vorfälle – ein enormer staatlicher und nicht staatlicher Apparat wacht über die Menschenrechte.

Aber die Gerechtigkeit ist fragiler, als wir dachten. Die Harmonie trügt. Der deutsch-türkische Fussballer Mesut Özil hat mit seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft eine Flut von Wortmeldungen ausgelöst, in denen Betroffene vom alltäglichen Rassismus in Deutschland berichten, der unter der toleranten Oberfläche lauert. Auch in der Schweiz. Von der die Website des Reiseführers Lonely Planet warnend berichtet, dass dort die Polizei für «racial profiling» ­berüchtigt sei, also gezielt Menschen kontrolliere, die fremd aussehen. Schweizer Polizei- und Tourismussprecher reagierten mit empörter Zurückweisung.

Alltagsrassismus in der Schweiz

In dieser Zeitung erzählten diese Woche schwarze Schweizer, wie ihnen im Alltag immer wieder mit Rassismus begegnet wird – von Leuten, die ihnen einfach so in die krausen Haare greifen; von Entscheidungen über eine Ausbildung aufgrund der Hautfarbe und nicht des Könnens. Einige dieser Verhaltensweisen mögen unbedarft und harmlos sein, viele sind grob diskriminierend, gezielt verletzend.

Dabei ist gerade die Willensnation Schweiz ein Land, das sich auf die Überwindung von Grenzen beruft. Unsere Bundesräte tragen Namen wie Sommaruga, Parmelin und Maurer – bunte Namen. Aus der Sicht holländischer «Käseköpfe» sind alemannische Thurgauer, lombardische Ticinesi und jurassische Vaudois allesamt «dunkel». Den «Urschweizer» gibt es nicht, Bürger mit Schweizer Pass haben praktisch alle Migrationshintergrund. Und mehr als 20 Prozent der Bevölkerung sind formal Ausländer.

Trotzdem ist die stärkste Partei des Landes so gross geworden, weil sie Ressentiments politisch bewirtschaftet, Stimmung macht gegen «schwarze Schafe», Minarette, Burkas. Für die offen rassistische Alternative für Deutschland (AfD), die auch Mesut Özil verteufelt, ist die SVP ausdrücklich ein Vorbild, dem sie nacheifert.

Je beleidigender, desto besser

Das Trommelfeuer von Hass und Erniedrigung ist mit den sozialen Medien heftiger geworden. Donald Trump macht es täglich vor. Und Millionen einfache Nutzer machen es dem Präsidenten nach, poltern und brüllen. Je schriller, grober, beleidigender, desto besser. Gegenstimmen sollen nicht mehr hörbar sein. In Ländern wie Ungarn oder Russland mit ihren gleichgeschalteten Medien wird es für Vertreter von Menschenrechten tatsächlich immer schwieriger, überhaupt zu Wort zu kommen. So hörig wünscht sich Trump auch ­die US-Medien.

Aber Twitter und Facebook sind nicht nur Netze der Hetze. Sie können auch genutzt werden, um Fortschritt zu ­verteidigen und Rechte einzuklagen. Mit dem Hashtag #MeTwo wird über Alltagsrassismus berichtet, in Anlehnung an die #MeToo-Bewegung, mit der Frauen gegen sexuelle Belästigung und Ausbeutung vorgehen.

Rassismus ist der Versuch, sich selbst über andere zu stellen.

Der enorme Erfolg bei der Bekämpfung übergriffiger Männer ist auch im Umgang mit Rassisten möglich. Die gesetzliche und gesellschaftliche Grundlage dafür gibt es – noch. Und Rassisten agieren ja aus einer Position der Schwäche heraus. Rassismus ist der Versuch, sich selbst, die «eigene Volksgruppe», über andere zu stellen. Dahinter steckt ein Gefühl der Bedrohung, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Fremden.

Xenophobie mag «eine ethnologische Konstante» sein, wie Ijoma Mangold diese Woche in der «Zeit» schreibt. Die Neugierde allerdings ist ebenso eine Konstante – und eine viel stärkere Kraft. Ohne sie gäbe es die menschliche Zivilisation nicht. Abschottung und Rassismus können die Dynamik des Neuen nicht stoppen. Dialog und Offenheit werden sich gegen Gebrüll und Rückzug behaupten. Veränderung ist anstrengend, aber auch spannend. Das Fremde und die Fremden bleiben faszinierend.

Aus dieser Perspektive ist auch die Schweiz spannend und faszinierend. Und die Rassisten sind hier noch eine kleine Minderheit. Es herrschen keine amerikanischen, ungarischen, italienischen Verhältnisse. Dass das so bleibt, dafür lohnt es sich zu kämpfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2018, 20:40 Uhr

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