Zum Hauptinhalt springen

Rachida Dati will den Crackhügel weghaben

Die frühere französische Justizministerin kandidiert als Bürgermeisterin von Paris.

Ein unerwarteter Aufstieg: ­Rachida Dati. Foto: Reuters
Ein unerwarteter Aufstieg: ­Rachida Dati. Foto: Reuters

Vergangene Woche buhlten die Kandidaten für das Pariser Bürgermeisteramt in einer Fernsehdebatte um die Gunst der Zuschauer, und jeder der Eingeladenen sollte ein Foto zeigen, das sie oder er mit Frankreichs Hauptstadt verbindet. Alle zeigten etwas Schönes – ein Café, den Hügel von Montmartre, das Ufer der Seine. Alle, nur Rachida Dati nicht. Dati zeigte den «Crackhügel». Einen heruntergekommenen Park am nördlichen Rand der Stadt, in dem alle sozialen Probleme der Stadt zusammenkommen. Drogendealer, Obdachlose und Flüchtlinge kauern zwischen kleinen Zelten. Der Crackhügel ist zum Symbol einer Stadt geworden, die immer teurer wird und die Schwachen sich selbst überlasst. Beziehungsweise, um in der Logik Datis zu bleiben, zum Symbol einer Stadt, in der die Bürger sich nicht mehr sicher fühlen.

Als Rachida Dati vergangenen November zur Paris-Kandidatin der Republikaner gekürt wird, hat sie eher etwas von einer Untoten. Ihre Parteikollegen redeten über die 54-Jährige ungefähr so schlecht, wie der Rest des Landes über die gesamte Partei. Die Republikaner und Dati schienen vor allen Dingen gemeinsam zu haben, dass ihre beste Zeit längst hinter ihnen lag.

2007 wurde Nicolas Sarkozy Präsident und stellte Dati an die Spitze des Justizministeriums. Es waren die Bling-Bling- und Piff-Paff-Jahre. Sarkozy feierte mit Milliardären, Dati posierte in Designerkleidern. Sarkozy versuchte, einen Abschieberekord aufzustellen, Dati schlug vor, bereits 12-Jährige zu Haftstrafen zu verurteilen. Inzwischen, 13 Jahre später, ist kaum noch Platz für die Republikaner.

Ihre Wähler sind noch da

Konservative Ideen werden von Präsident Emmanuel Macron vertreten, radikal-nationalistische von seiner Kontrahentin Marine Le Pen. So weit die Theorie. Die Praxis: Nur weil die Partei tot ist, sind ihre Wähler nicht verschwunden. Und in Paris wirkt es, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sich jemand zu ihrer Vorkämpferin erklärt.

Innerhalb von fünf Monaten hat sich Dati in den Umfragen von 13 Prozent auf 24 Prozent hochgearbeitet. Das Meinungsforschungsinstitut Ifop führte sie einmal sogar schon auf Platz eins, vor der amtierenden Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Wer Dati am kommenden Sonntag wählt, hat genug von dem Versprechen, Paris könne eine grüne Stadt werden. Der will nicht neue Velowege, sondern nicht mehr im Stau stehen. Ob sie Fahrrad fahre, wurde Dati in der TV-Debatte der Kandidaten gefragt. «In den Ferien, ja, aber sicherlich nicht auf der rue de Rivoli», antwortete Dati, und es klang, als sei Velofahren ein Angriff auf die Würde des Pariser Grossstadtbürgers. Ja, Dati hat sich schon mal auf dem Fahrrad fotografieren lassen. Aber nein, sie verunstaltete dabei nicht ihre Frisur mit einem Helm.

Rachida Dats Vater war Maurer aus Marokko, die Mutter Hausfrau aus Algerien, die Kinder teilen sich die Matratzen auf dem Fussboden einer Sozialwohnung.

Die Geschichten, die man über Dati hört, haben sich nicht geändert, seit ihr Wahlkampf zur Erfolgstour geworden ist. Neu ist nur der Ton, in dem man sie erzählt. Dati setzt sich durch, das sagt jeder, der sie kennt. Lange klang das eher nach Ellenbogen, jetzt klingt es nach Überlegenheit. Die Lebensgeschichte der Juristin wirkt dabei wie eine Langfassung der Ereignisse der letzten Monate: ein Aufstieg, mit dem niemand gerechnet hat.

Dati wurde als zweites von zwölf Kindern geboren. Der Vater Maurer aus Marokko, die Mutter Hausfrau aus Algerien, die Kinder teilen sich die Matratzen auf dem Fussboden einer Sozialwohnung. Kontakte, die Kinder der Pariser Bourgeoisie en passant bekommen, knüpft Dati selber. Sie sammelt Förderer und Ämter (Justizministerin, Europaabgeordnete, Bürgermeisterin des siebten Arrondissements von Paris). Ausserhalb Frankreichs wurde sie berühmt, als sie 2009, fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter, wieder ihre Arbeit als Ministerin aufnahm. Als sei nichts passiert. Über den Vater des Kindes schwieg sie lange, inzwischen zahlt der Unternehmer Dominique Desseigne Unterhalt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch