Putins Wut auf den Westen

Der Aufmarsch an der Grenze zur Ukraine und die Sanktionen gegen die EU und die USA belegen, dass Russland künftig jede Strafmassnahme vergelten wird – egal, wie viel das kostet.

Moskau ist derzeit nicht in der Stimmung, die Ukraine zu retten: Russlands Präsident Wladimir Putin. (6. Augsut 2014)

Moskau ist derzeit nicht in der Stimmung, die Ukraine zu retten: Russlands Präsident Wladimir Putin. (6. Augsut 2014)

(Bild: EPA/Kreml/MIKHAIL KLIMENTIEV)

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Schon vor Wochen hat Russland einen Einsatz von «Friedenstruppen» in der Ostukraine angedroht, um die Brüder dort zu schützen. Inzwischen hat sich die Lage der Menschen dramatisch verschlechtert. Die Grossstädte Luhansk und Donezk werden seit Wochen von der ukrainischen Armee stranguliert. Die Verwaltung von Luhansk zeichnet ein dramatisches Bild: Die Stadt ist ohne Strom und Wasser, Lebensmittel werden knapp und immer teurer, Medikamente gehen aus, es gibt kein Benzin mehr, der Abfall liegt auf der Strasse. Mehr als die Hälfte der Menschen hat die Stadt verlassen, geblieben sind jene, die sich eine Flucht nicht leisten können, wie Alte oder Familien. Beim Beschuss von Wohngebäuden in den Städten durch Raketen wurden bereits Dutzende Menschen getötet.

Doch nun schweigt Moskau. Zwar wurden laut Angaben der Nato erneut Zehntausende kampfbereite russische Soldaten an die ukrainische Grenze verlegt. Doch bisher gibt es keine konkreten Hinweise darauf, dass die zusammengezogenen Truppen auch ins Nachbarland einmarschieren werden, wie die Nato düster warnt. Vielmehr scheint es sich erneut um eine Drohgebärde zu handeln, diesmal allerdings weniger in Richtung Kiew als in Richtung der EU und der USA.

Eine Strafe fürs eigene Volk

Moskau ist derzeit nicht in der Stimmung, die Ukraine zu retten. Viel mehr geht es darum, sich gegen den Westen und die eingeleiteten Sanktionen zu verteidigen und dafür zu sorgen, dass das Volk statt polnischen Äpfeln, französischem Käse oder amerikanischen Pouletschenkeln wieder russische Buchweizengrütze isst. Die gegen den Westen verhängte Importsperre von Nahrungsmitteln wird sich nicht nur für einzelne europäische Länder, sondern auch für viele Russen wie eine Strafmassnahme anfühlen. Doch das nimmt Russlands Präsident Wladimir Putin, dessen Beliebtheitswerte noch immer steigen, in Kauf, um der Welt zu zeigen, dass sich Russland zu wehren weiss. Die russische Regierung machte auch klar, dass man in Zukunft gedenkt, jeden Schlag des Westens zu vergelten – egal, wie viel das Russland kosten wird. Die antiwestliche Stimmung im Land hat sich in den letzten Wochen dramatisch verschärft. Fast drei Viertel der Russen empfinden die USA als feindlich oder sehr feindlich gesinnt – der höchste Wert seit 20 Jahren. Zwei Drittel denken das Gleiche über die Europäer.

Die Gegensanktionen belegen, dass Putin nichts an seinem Ukraine-Kurs zu ändern gedenkt und die Unterstützung der Rebellen trotz westlichem Druck weiterführen wird. Das hat er bereits nach dem Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs über der Ostukraine deutlich gemacht. Damals hätte er sich ohne Gesichtsverlust gegen seine Handlanger stellen und ihnen die Unterstützung aufkündigen können. Der Westen hätte ihn nach einer solchen Geste wohl wieder halbwegs in Freundschaft aufgenommen, zu Hause hätte er sich als Kämpfer für die gerechte Sache präsentieren können. Doch Putin hat die Chance verstreichen lassen, denn er ist nicht an einem Frieden in der Ukraine interessiert. Und deshalb wird die ukrainische Armee diesen Krieg auch nicht gewinnen. Die Militärs reden zwar von schnellen Erfolgen, das Territorium der Rebellen ist in den letzten Wochen deutlich geschrumpft. Doch Kiew ist offensichtlich ratlos, wie man Luhansk und Donezk unter Kontrolle bringen kann, wenn die Rebellen Hunderttausende Menschen faktisch als Geiseln halten.

Waffen trotz Blockade

Die Ukrainer wollen die prorussischen Kämpfer zermürben und aushungern. Doch diese nehmen lieber die Zerstörung der Städte und den Tod jener in Kauf, für die sie angeblich kämpfen, als nachzugeben. Denn darben tut nur die Zivilbevölkerung: Der Waffennachschub aus Russland ist trotz Blockade gesichert, die Aufständischen kontrollieren noch immer mehr als 100 Kilometer Grenze zu Russland. Und selbst wenn die ukrainischen Soldaten es einmal schaffen sollten, die Rebellen aus den Städten zu vertreiben, dürften diese die Ukraine mit Guerillaangriffen weiter am Rande des politischen und wirtschaftlichen Kollapses halten. Eine offene Intervention seiner Truppen in der Ostukraine hat Putin deshalb gar nicht nötig.

Allerdings führt der Schlagabtausch um die Sanktionen nun drastisch vor Augen, dass Russland bereit ist, ohne Rücksicht auf Verluste zurückzuschlagen. Bisher spielt sich der neue Ost-West-Konflikt auf der politischen und der wirtschaftlichen Ebene ab. Doch mit den Soldaten an der Grenze zur Ukraine signalisiert Wladimir Putin, dass Russland bei Bedarf auch militärische Gegenschläge nicht ausschliesst.

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