Putin will den Klimawandel für seine Machtpolitik nutzen

Der Kreml hat angekündigt, bisher unzugängliche Regionen der Arktis zu erschliessen.

Wladimir Putin will bis 2025 80 Millionen Tonnen Fracht über die Nordostpassage und an der arktischen Küste entlang schicken – ein ambitioniertes Ziel. Foto: Keystone

Wladimir Putin will bis 2025 80 Millionen Tonnen Fracht über die Nordostpassage und an der arktischen Küste entlang schicken – ein ambitioniertes Ziel. Foto: Keystone

Die russische Hauptstadt erlebt den wärmsten Dezember seit mehr als 130 Jahren. Und auch wenn der Kreml den Klimawandel selten thematisiert, rechnet er für eines seiner wichtigsten Projekte längst mit wärmerem Wetter: Er möchte die russische Arktis besser erschliessen, nutzen und kontrollieren. Vor allem möchte Russland sich dort einen strategischen Vorteil sichern.

Ende Dezember unterschrieb Regierungschef Dmitri Medwedew den neuen Arktis-Plan. Mit seiner Hilfe möchte die russische Regierung die Nordostpassage bis 2035 ausbauen, den Seeweg durch den Arktischen Ozean, der an der russischen Nordküste entlangführt. Das Eis des Nordpols machte das Gebiet früher nahezu undurchdringlich. Nun gibt das Tauwetter Küsten frei, es lässt Länder quasi näher aneinanderrücken. Es geht um Ressourcen, um Fisch, Erdöl, Gas, Zink, Uran und seltene Erden. Es geht auch um Handel.

Seit 2007 steckt die russische Flagge am Nordpol im Meeresgrund. Ein Symbol für einen ­Anspruch.

Nicht nur Russland hat das erkannt. Donald Trumps Anliegen, Grönland zu kaufen, hat einen nicht so abwegigen Hintergrund. Die USA könnten die Insel gut gebrauchen, als Quelle für Bodenschätze und als arktischen Stützpunkt (zum Kommentar). China bezeichnet sich neuerdings als «eine fast arktische Nation», obwohl Peking weit weg liegt vom Polarkreis.

Seit 2007 steckt die russische Flagge am Nordpol im Meeresgrund. Ein Symbol für einen ­Anspruch. Russland investiert wie kein anderes Land in seine arktische Infrastruktur, rüstet sein Militär dort auf, baut Häfen und erneuert Infrastruktur, die nach der Krise der sowjetischen Wirtschaft zerfallen ist.

Alternative zum Suezkanal

Ein Zehntel aller Investitionen in Russland fliesst derzeit in die Arktis, sagte Präsident Wladimir Putin im April. Damals kündigte er den 2035-Plan für die riesige Region an. Dabei scheint sich der Kreml derzeit auf die Nordostpassage zu konzentrieren. Die Route könnte Europa mit Asien verbinden und für Handelsschiffe eine Alternative zum Suez­kanal bieten.

Die Nordostpassage spart also Zeit und Geld, jedenfalls theoretisch. Russlands Vorteil: Der Grossteil der Strecke liegt innerhalb der russischen Wirtschaftszone. Wer sie befahren möchte, braucht die Zustimmung der Behörden und muss häufig russische Eisbrecher um Hilfe bitten. Aussenminister Sergej Lawrow hat es einmal so formuliert: «Die Nordostpassage ist Russlands nationale Transportarterie.» Die Idee, dort eine Art internationale Zone mit gleichen Rechten für alle zu schaffen, schmetterte er ab: «Man kommt in ein Land und hält sich an die Regeln dort.»

Wenn es um die Arktis geht, benutzt Putin häufig das Wort «Kooperation». Und meint wohl: unter russischer Leitung.

Nun müssen die Schiffe nur noch kommen. Doch bisher ist die Route auch in den eisfreien Monaten beschwerlich. 2018 haben laut russischen Behörden etwa 800 Schiffe die Durchfahrt beantragt. Fahren können sie dort nur mit Eisklasse, also mit verstärktem Rumpf, und meist in Begleitung eines Eisbrechers. Trotzdem hat Putin ein ambitioniertes Ziel ausgegeben: 80 Millionen Tonnen Fracht will er bis 2025 über diese Route schicken.

Bisher transportieren die ­Eisbrecher vor allem Flüssiggas nach Europa und China. Die Nordostpassage profitiert dabei von einem weiteren arktischen Grossprojekt: Auf der russischen Halbinsel Jamal produziert das russische Unternehmen Novatek seit 2017 Flüssigerdgas, mit ­Beteiligung aus Frankreich und China. Putin weiss, dass Russland auf Partner angewiesen ist, um dieses Gebiet zu erschliessen. Wenn es um die Arktis geht, benutzt er kein Wort so häufig wie «Kooperation». Und meint wohl: unter russischer Leitung.

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