Putin ist zurück und lässt bereits wieder seine Muskeln spielen

Russlands Präsident hat eine Überprüfung der Gefechtsbereitschaft von Streitkräften angeordnet. Damit beendete er die Spekulationen über seinen Verbleib.

Noch etwas blass trat Wladimir Putin (l.) gestern mit dem kirgisischen Präsidenten Atambajew vor die Medien. Foto: Keystone

Noch etwas blass trat Wladimir Putin (l.) gestern mit dem kirgisischen Präsidenten Atambajew vor die Medien. Foto: Keystone

Julian Hans@juli_anh

Da war er wieder. Nur ein wenig blass wirkte Russlands Präsident Wladimir Putin, als er am Montagmittag neben seinem kirgisischen Kollegen Almasbek Atambajew vor die Presse trat. So wie jemand, der gerade eine gewöhnliche Grippe überstanden hat. Die beiden trafen sich in St. Petersburg, um über die Integration der ehemaligen Sowjetrepublik in die Eurasische Wirtschaftsunion zu beraten.

Das russische Fernsehen hatte über die Begegnung bereits am Freitag berichtet, drei Tage bevor sie zustande kam – offenbar ein Versehen beim Versuch, Putins lange Abwesenheit zu überspielen. Dass der russische Präsident seit dem Besuch von Italiens Premierminister Matteo Renzi am 5. März nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten war, hatte in Moskau wilde Spekulationen ausgelöst, die von seinem Tod über eine Palastrevolution bis zur Geburt eines Kindes durch eine Geliebte alle Schattierungen von bunt abdeckten.

Atomwaffen für die Krim

Am Montag nun sagte Putin lakonisch: «Ohne Gerüchte wäre es langweilig.» An diesem Freitag werde er seine eigentlich für vergangene Woche geplante Reise nach Kasachstan antreten, teilte der Kreml mit. Die kurzfristige Absage des Besuchs hatte in der vergangenen Woche die Spekulationen über Putins Verfassung ausgelöst.

Dafür, dass es nicht langweilig wird, sorgte Putin derweil auch auf anderem Weg. In einer zweieinhalbstündigen Dokumentation, die das staatliche Fernsehen am Sonntagabend anlässlich des Jahrestages des Krim-Referendums ausstrahlte, bekannte Putin, er sei seinerzeit auch bereit gewesen, die Annexion notfalls mit Atomwaffen zu verteidigen.

Es sei zunächst nicht klar gewesen, wie die Welt auf die Übernahme der Halbinsel reagieren würde. Daher habe er während der ersten Zeit «direkte Befehle» an die Streitkräfte erteilen müssen. Auf die Frage, ob er in diesem Zusammenhang auch bereit gewesen sei, die Kernwaffen des Landes zu aktivieren, sagte Putin: «Wir waren dazu bereit.» Russlands Atomwaffen befänden sich jedoch ohnehin jederzeit in voller Gefechtsbereitschaft.

Spezialkräfte ohne Hoheitsabzeichen

Während der Operation auf der Krim, an der Tausende russische Spezialkräfte in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen teilgenommen hatten, hatte Moskau stets eine Beteiligung bestritten. Seitdem hat Putin nach und nach eingeräumt, dass russisches Militär dort im Einsatz war – allerdings nur, «um die freie Willens­äusserung der Bevölkerung zu ermöglichen».

Die Dokumentation mit dem Titel «Die Krim – der Weg in die Heimat» stellt Putin nun als raffinierten Oberbefehlshaber dar, der die Ereignisse steuerte. «Wissen Sie, worin unser Vorteil bestand?», fragt Putin darin rhetorisch, «Dass ich mich persönlich um die Sache gekümmert habe.» Dass im Osten der Ukraine heute ebenfalls reguläre russische Einheiten kämpfen, streitet die russische Führung indes weiter ab.

Der verbalen Drohung wurde zum Wochenbeginn auch mit konkreten Handlungen Nachdruck verliehen, indem Russland weitere Militärübungen startete. Putin ordnete eine Überprüfung der Gefechtsbereitschaft von Streitkräften im westlichen Wehrbezirk sowie bei der Nordflotte und den Luftlandetruppen an. Insgesamt seien 38 000 Soldaten, mehr als 40 Schiffe, etwa 15 U-Boote und 110 Flugzeuge betroffen, sagte Verteidigungsminister Sergei Schoigu der Agentur Interfax.

EU ist empört

Die Anweisung des Oberbefehlshabers Putin sei um acht Uhr früh Moskauer Zeit in Kraft getreten. Heimathafen der Nordflotte ist Seweromorsk nahe der Grenze zu Norwegen. Hauptquartier des Westbezirks ist St. Petersburg. Zudem nimmt ein russisches Schiff im Kaspischen Meer an Übungen teil.

Die Europäische Union verurteilte am Montag die illegale Annexion der Krim und warnte Russland davor, weiter neue Truppen und Waffen auf die Halbinsel zu verlegen. Ein Jahr nach dem umstrittenen Referendum prorussischer Kräfte auf der Halbinsel betonte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini, dass die Europäische Union jene Verletzung von internationalem Recht nicht anerkennen werde und weiterhin verurteile. Die EU sei «zutiefst besorgt über die fortgesetzte militärische Aufrüstung und die Verschlechterung der Menschenrechtslage auf der Krim-Halbinsel», erklärte Mogherini.

Die EU will die Krim-Annexion durch Russland weiterhin nicht akzeptieren. Die EU werde ihre Politik auch durch Sanktionen untermauern, teilte Moghe­rini in einer Erklärung mit. Als Reaktion auf die Annexion der Krim haben die Europäische Union und die USA Sanktionen gegen Russland verhängt.

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