Porträt: Der Air-Berlin-Übervater trotzte dem Ernst der Lage

Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold kehrte zu seiner Airline zurück, als niemand mehr die Verantwortung tragen wollte.

Stieg als Gepäckverlader am Flughafen seiner Heimatstadt Düsseldorf ins Flugbusiness ein: Joachim Hunold.

Stieg als Gepäckverlader am Flughafen seiner Heimatstadt Düsseldorf ins Flugbusiness ein: Joachim Hunold.

(Bild: Reuters Tobias Schwarz)

An der Aktionärsversammlung im letzten Juni kehrte Joachim Hunold an die Spitze der Air Berlin zurück, die er einst gegründet hat. Als Notlösung. Das Management wurde komplett ausgewechselt, nachdem die Airline letztes Jahr 2 Millionen Euro Verlust eingefahren hatte – jeden Tag. Die angehäuften 1,2 Milliarden Euro Schulden übersteigen das Eigenkapital. Der Verwaltungsratspräsident und seine Stellvertreter traten in der Folge zurück. Hunold übernahm zuerst interimistisch, dann fix. Denn ein anderer Kandidat für die Stelle wurde nicht gefunden.

Der heute 67-jährige Hunold ist das Gegenteil des zugeknöpft-korrekten deutschen Managertyps. Nach 20 Semestern brach er sein Rechtsstudium ohne Diplom ab. Er arbeitete als Roadie für den Deutschrocker Marius Müller-Westernhagen. Als Gepäckverlader am Flughafen seiner Heimatstadt Düsseldorf stieg er ins Flugbusiness ein. Nach der Wende übernahm er Air Berlin von ihren amerikanischen Gründern. Das war 1991. Innert zehn Jahren machte Hunold sein Baby gross: Die Gesellschaft flog Scharen ferienhungriger Berliner im «Mallorca Shuttle» an die Sonne. Weitere Destinationen rund ums Mittelmeer kamen rasend schnell dazu.

Ritter des «Ordens wider den tierischen Ernst»

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte Hunold 2005 einen unangepassten Aufsteiger und Gewerkschaftshasser, attestierte ihm aber auch, dass er bald der schärfste Konkurrent für die Lufthansa werden könnte. 2006 ging die Air Berlin an die Börse. Mit dem neuen Geld kam die Hybris. Air Berlin wollte alles sein, alles anbieten: Charter, Shuttle, Interkontinentalflüge – quasi die «eierlegende Wollmilchsau» der Luftfahrt.

Und alles schien zu gelingen – sogar die Wahl zum Ritter des «Ordens wider den tierischen Ernst» des Aachener Karnevalsvereins. Dass Hunold die Karnevalssitzung dann zu einem Werbespot für sich und seine Airline umfunktionierte, passte: Das Komitee hatte ihm den Ritterschlag dafür gewährt, «dass es auch heute noch Männer gibt, die den Mut haben, ein Typ zu sein».

Hunold stieg 2007 bei Belair ein

Hunold wurde auch für die Schweiz relevant, denn 2007 übernahm Air Berlin Teile der Schweizer Ferien-Fluggesellschaft Belair – jene Airline die 2001 von Hotelplan aus der ehemaligen Swissair-Tochter Balair gegründet wurde. Bis 2009 übernahmen die Deutschen die Belair komplett, zusammen mit anderen Gesellschaften wie der deutschen LTU oder der österreichischen Niki.

Überheblichkeit, Kaufrausch und schliesslich die Finanzkrise machten Hunolds Karriere aber ein Ende. 2011 legte er alle Ämter nieder. Mit der Air Berlin ging es danach weiter bergab, bis zum katastrophalen Jahr 2016:

Der Aktienkurs, zu den besten Zeiten auf knapp über 20 Euro, ist heute zwischenzeitlich auf 0,40 Euro eingebrochen.

Vor wenigen Monaten wurde er schliesslich zum neuen Verwaltungsratspräsident des Unternehmens, das er vor 15 Jahren vorübergehend zur zweitgrössten Fluggesellschaft Deutschlands gemacht hatte. «Wir prüfen nun alle Optionen», sagte er seinen Aktionären noch, nachdem diese ihn im Juni auf den Thron gehievt hatten. Weil nun die Unterstützung der Geldgeber von Etihad Airways wegfällt, blieb Hunold nur noch eine Möglichkeit für sein Baby: Die Insolvenz.

(*Dieser Artikel wurde am 16. Juni 2017 erstmals publiziert und am 15. August 2017 aktualisiert.)

ese/anf

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