Plötzlich sind sie unerwünscht

Abertausende schwarzer Briten, die in den Nachkriegsjahren auf Einladung Londons mit ihren Familien aus der Karibik kamen, haben keine Papiere. Nun droht ihnen die Ausweisung.

Warten und Zeitung lesen auf der Empire Windrush, im Hafen der britischen Stadt Tilbury am 21. Juni 1948. Foto: Daily Herald Archive (Getty Images)

Warten und Zeitung lesen auf der Empire Windrush, im Hafen der britischen Stadt Tilbury am 21. Juni 1948. Foto: Daily Herald Archive (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Paulette Wilsons Name war der erste, der in dieser üblen Geschichte auftauchte. Wilson kam 1968 mit ihrer Familie von Jamaika ins Vereinigte Königreich. Sie war damals gerade zehn Jahre alt. Die Familie war der Aufforderung Londons an die Bewohner britischer oder ehemals britischer Karibikinseln gefolgt, die Koffer zu packen und ins «Mutterland» zu übersiedeln. Arbeitskräfte wurden benötigt in Grossbritannien, vor allem in den öffentlichen Diensten. Mehr als eine halbe Million Menschen aus der Karibik folgte dem Ruf.

Die Übersiedlungswelle zwischen 1948 und 1971 ging unter dem Namen Windrush in die Geschichte ein. Und wie all diese Zugereisten aus den «West­indies» betrachtete sich auch Paulette Wilson seinerzeit als waschechte Britin. Papiere brauchte sie, da sie mit ihrer Familie kam, keine. Einen eigenen Pass beantragte sie nie. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lebte und arbeitete sie in England. Jamai­­ka sah sie nie wieder. In Grossbritannien war sie zu Hause. Bis sie im vorigen Oktober plötzlich von den britischen Behörden als «illegale Immigrantin» aufgegriffen und nach Heathrow Airport ­geschleppt wurde – zur Abschiebung aus Gross­britannien, zur Deportation in ihr «Ursprungsland».

Neuen Einwanderungsregeln der letzten Jahre zufolge war Paulette Wilson nämlich verpflichtet, sich zweifelsfrei als britische Staatsbürgerin auszuweisen. Das Innenministerium interessierte dabei nicht, unter welchen Umständen sie ins Land gekommen war. Auch nicht, dass sie 34 Jahre lang als Köchin gearbeitet und Beiträge zur britischen Kranken- und Altersversicherung entrichtet hatte. Gipfel der Ironie war, dass sie eine Zeit lang sogar die Damen und Herren Abgeordneten im britischen Parlament bekocht und bedient hatte: dieselben Abgeordneten, gegen deren Gesetze ihre undokumentierte Existenz nun verstiess.

Ausschaffung trotz britischer Kinder

Paulette war nicht die Einzige, die jäh inmitten neuer, rauer Realitäten erwachte. Kurz nach ihrem Fall machte jener eines 60-Jährigen namens Anthony Bryan Schlagzeilen. Bryan, 1965 angereist mit seinem älteren Bruder, in dessen Pass er mit eingetragen war, hatte über 40 Jahre lang als Maler und Dekorateur in der «neuen Heimat» gearbeitet. Voriges Jahr verlor er seinen Job, weil seiner Firma mit einem Mal auffiel, dass er sich nicht ausweisen konnte. Im November rückte die Polizei mit Handschellen vor seiner Wohnung an, um ihn abzuholen und nach Jamaika auszuschaffen. Wie bei Paulette Wilson wurde die Abschiebung buchstäblich in letzter Minute – unmittelbar nach Bekanntwerden der Geschichte – gestoppt.

Andere, von denen eine ungläubige Öffentlichkeit in den letzten Monaten erfuhr, waren etwa der 66-jährige Michael Braithwaite, ein Lehrer für Kinder mit Lernschwierigkeiten, der nach 15 Jahren an seiner Schule entlassen wurde, weil die Schulbehörden mit einem Mal einen illegalen Einwanderer in ihm sahen. Braithwaite war im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern aus Barbados eingereist.

Sarah O’Connor kam im Alter von sieben aus Jamaika herüber. Sie ist heute 57 Jahre alt. Ihr wurde kürzlich sowohl Weiterbeschäftigung wie Sozialhilfe verweigert, weil sie keinen Pass vorweisen konnte. Keine Rolle spielte, dass sie ihre gesamte Schulzeit in Grossbritannien verbracht hatte, Inhaberin eines britischen Führerscheins war und vier britische Kinder hatte.

Nach 40 Jahren rückte die Polizei an, um Bryan auszuschaffen.

Keiner dieser Fälle wäre je ans Licht gekommen, hätte nicht die hellhörige Londoner Zeitung «Guardian» einen nach dem anderen aufgespürt und vor seinen Lesern ausgebreitet. Als die Zeitung das Ausmass des Problems erkannte, nahm die Liste der teils grotesken Leidensgeschichten immer mehr die Form einer zornigen Windrush-Kampagne an. Denn den Zugereisten, die sich alle fest in die britische Gesellschaft integrierten, waren nie Zweifel an ihrer Legitimität gekommen. Während aber jahrzehntelang niemand nach entsprechenden Papieren fragte, änderte sich in den letzten vier Jahren dramatisch die Situation.

2014 nämlich, als die Anti-Fremden-Partei Ukip ihren Zenit erreichte, und 2016, als das Brexit-Referendum Ressentiments aller Art aufrührte, verschärfte die konservative Regierung zweimal die Einwanderungsgesetzgebung drastisch, um ihre Anhänger auf der politischen Rechten bei Laune zu halten. Vermieter, Unternehmer, Banken, öffentliche Einrichtungen und andere Stellen wurden verpflichtet, entsprechende Dokumente zu fordern, bevor Jobs vergeben, Bankkonten eröffnet, Wohnungen vermietet oder öffentliche Leistungen bezogen werden konnten. «A really hostile environment», wirklich harsche Bedingungen für unerwünschte Immigranten, wollte die damalige britische Innenministerin schaffen. Ihr Name war Theresa May.

«Geht endlich heim»

Das war die Zeit, in der May Lieferwagen mit der Aufschrift «Geht endlich heim» durch die Strassen britischer Städte schickte und in der, wie von der rechtsnationalen «Daily Mail» gefordert, Eil-Abschiebungen zur Regierungspraxis wurden. Für Kritiker der Konservativen war das schon damals, wie sie böse sagten, «rohes Fleisch zur Fütterung der Raubtiere». Für die Windrush-Generation aber war es ein schlimmes Erwachen, ein regelrechter Klimaumschwung. Commonwealth-Regierungen, die diesen Umschwung besorgt registrierten, begannen, als die Sache bekannt wurde, nachdrücklich zu protestieren. Guy Hewitt, Barbados’ Hochkommissar (Botschafter) in London, zeigte sich bestürzt darüber, «dass Leute, die Grossbritannien alles gegeben haben, nun offenbar so ungerührt abgeschrieben werden».

Jamaikas Hochkommissar Seth George Ramocan berichtete von schwarzen Briten jamaikanischen Ursprungs, die zur Beerdigung eines Elternteils nach Jamaika geflogen waren – und denen von London die Rückreise verwehrt wurde. Immer mehr Windrush-Jamaikaner, meinte Ramocan, fragten neuerdings die jamaikanische Vertretung in London um Beistand bei der Abklärung ihrer Verhältnisse an. Die meisten fürchteten sich vor direktem Kontakt mit dem britischen Innenministerium.

Keine Lust auf salbungsvolle Reden

Ein zweiter Glücksfall, nach den «Guardian»-Enthüllungen, ist aber nun der Windrush-Generation zu Hilfe gekommen. Diese Woche findet in London, unter der Schirmherrschaft der Königin von England, das Gipfeltreffen des Commonwealth statt. Die Anwesenheit von Dutzenden von Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, darunter jene vieler karibischer Gebiete, hat zu erheblichem diplomatischem Druck auf die Regierung May geführt. Salbungsvolle Lobreden der Royals aufs Commonwealth wollen die Windrush-Staaten nicht hören, wenn ihre Auswanderer so behandelt werden wie zurzeit.

Zu Beginn der Woche hat die Regierung bereits eingestehen müssen, dass sie nicht mal sagen kann, wie viele Personen bislang unrechtmässig abgeschoben worden sind. Kabinettsminister David Lidington räumte ein, dass in dieser Sache «vieles furchtbar falsch gelaufen» sei. Innenministerin Amber Rudd entschuldigte sich in aller Form im Parlament. Beamte ihres Ministeriums, sagte sie, hätten sich «empörend» verhalten. Selten zuvor hat sich ein Regierungsmitglied vom eigenen Ministerium distanziert.

Bei einem Empfang für Regierungschefs aus der Karibik anlässlich des Commonwealth-Gipfels brachte sich sogar die Premierministerin dazu, «Sorry» zu sagen. Dabei hatte May sich gegen diese Unterredung noch am Wochenende gewehrt. Erst als ein Proteststurm losbrach, bei dem auch viele Tories die Regierung kritisierten, gab sie den Widerstand auf und liess die zornigen Besucher durch die Tür von No. 10 Downing Street. «Wir bedauern zutiefst jegliche Sorge, die die Ungewissheit über ihren Status diesen Leuten verursacht hat», sagte May bei dem Treffen. Weitere Festnahmen oder Deportationen werde es nicht geben, versicherte die Premierministerin. Die Dokumente würden beschafft. Den Leuten werde geholfen. Es tue ihr, sagte sie, «wirklich leid».

«Es ist eine absolute Schande, dass das Innenministerium diese Dokumente zerstörte.»David Lammy, Labour-Abgeordneter

Allerdings wird das Beschaffen der Dokumente schwierig, weil die alten Schiffslandekarten vieler Betroffener zerstört worden sind. Die Karten lagen jahrzehntelang in einem Keller der Einwanderungsbehörden im Südlondoner Stadtteil Croydon, bis sie im Herbst 2010, anlässlich eines Umzugs, vernichtet wurden. Auch zu jener Zeit leitete Theresa May das Innenministerium – wiewohl sie heute darauf besteht, dass die Entscheidung schon früher, unter der Labour-Regierung, gefallen sei. Mitarbeiter der Behörde protestierten damals jedenfalls lautstark gegen die Vernichtung, fanden aber kein Gehör bei ihren Oberen.

Das enthüllte diese Woche ein ehemaliger Mitarbeiter des Amtes. «Es ist eine absolute Schande, dass das Innenministerium diese Dokumente zerstörte», befand der Labour-Abgeordnete David Lammy, selbst «stolzer Sohn» von Eltern, die mit der Windrush gekommen waren. «Ein Zufall war das jedenfalls nicht.»

Auch EU-Bürger bangen

Andere sehen sich durch die Windrush-Affäre in ihren schlimmsten Ahnungen bestätigt. Drei Mil­lionen EU-Bürger auf den Britischen Inseln befürchten, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte wie den Windrush-Immigranten, wenn der Brexit erst einmal greift. Immerhin sind seit dem EU-Referendum lange Papierschlachten geschlagen, Anträge auf permanente Aufenthaltsgenehmigung abgelehnt und einige seit Jahrzehnten in Grossbritannien lebende «EU-Ausländer» vom Innenministerium zum Verlassen des Landes aufgefordert worden. «Das wird Millionen EU-Bürger im Vereinigten Königreich zutiefst beunruhigen», hat der Brexit-Koordinator des Europa-Parlaments, Guy Verhof­stadt, ­erklärt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 20:46 Uhr

Artikel zum Thema

«Es gibt kein Land, das gut mit Immigration umgeht»

Interview Justin Welby, Oberhaupt der Kirche von England, ist überzeugt, dass nur eine religiöse Gesellschaft Radikalisierung verhindern kann. Mehr...

May will Personenfreizügigkeit für EU-Bürger ab 2019 beenden

Laut einem Regierungssprecher wird Grossbritannien schon bald Einschränkungen für EU-Bürger einführen. Zuvor hatten Minister von einer Übergangslösung gesprochen. Mehr...

Flüchtlingsboote im Ärmelkanal beunruhigen die Briten

In den letzten Tagen sind mehrere Schiffe mit Migranten in England angelandet. Das gibt den Brexit-Befürwortern neuen Auftrieb. Mehr...

Die Windrush-Generation

Als Windrush-Generation bezeichnet man die schwarzen Briten, die in den 50er- und 60er-Jahren als Kinder aus der Karibik nach England kamen. Damals rief das Vereinigte Königreich, vom Zweiten Weltkrieg ausgeblutet, Familien aus den einst zum Britischen Empire gehörenden Gebieten nach Grossbritannien: Busfahrer, Krankenschwestern, Putzfrauen, Handwerker wurden gebraucht.

Die Empire Windrush war das bedeutendste der Dampfschiffe, die die Betreffenden zwischen 1948 und 1971 aus Jamaika, Trinidad, Tobago und von anderen Inseln ins «Mutterland» brachten. Knapp 500 Passagiere hatte das Schiff jeweils an Bord, etwa 550'000 Menschen sollen nach Grossbritannien gekommen sein. Das waren fast 15 Prozent der gesamten karibischen Bevölkerung. Bis heute wird die Übersiedlungswelle alljährlich am «Windrush Day», dem 28. Juni, gefeiert.

Die Zuwanderungswelle endete 1971 mit einem neuen Einwanderungsgesetz, demzufolge die schon Zugewanderten Bleiberecht erhielten, Neuankömmlinge aber verwandtschaftliche Beziehungen und eine Arbeitserlaubnis vorweisen mussten. Mit der Zusicherung des Bleiberechts fühlte sich die Windrush-Generation sicher, bis 2014 und 2016 schärfere Gesetze eingeführt wurden. Registrations- und Passzwang gibt es in Grossbritannien bis heute nicht. (P.N.)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

So wird mehr aus Ihrem Spargeld

Es sind karge Zeiten für Sparer: Die Sparkonten werfen so gut wie keinen Zins mehr ab. Doch es gibt eine attraktive Alternative.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Das grösste Tier der Erde: Ein Besucher des Royal National Parks, südlich von Sydney, Australien, betrachtet einen toten Wal, der an die Wattamolla Beach angespült wurde. (24. September 2018).
(Bild: Dean Lewins) Mehr...