Nun hört der Spass mit dem Fussball wieder auf

Am Sonntag geht die WM in Russland zu Ende. Lässt sich etwas von der guten Stimmung in den politischen Alltag retten?

Die WM hat Russlands schlechtes Image kräftig aufpoliert, auch wenn sich am repressiven Kurs des Landes nichts geändert hat: Das Luzhniki-Stadion ist bereit für den Final.

Die WM hat Russlands schlechtes Image kräftig aufpoliert, auch wenn sich am repressiven Kurs des Landes nichts geändert hat: Das Luzhniki-Stadion ist bereit für den Final.

(Bild: Reuters Carl Recine)

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Für einen Monat ist Russland in die westliche Gemeinschaft zurückgekehrt. Die Fussball-Weltmeisterschaft ist so gut wie perfekt gelaufen, genau so, wie der Kreml es gewollt hat: Gute Spiele, gute Organisation, gute Stimmung – selbst die notorisch grimmigen Polizisten haben gelächelt. Es gab kaum Zwischenfälle, keine prügelnden russischen Hooligans – die hatte die Polizei schon Wochen vorher aus dem Verkehr gezogen.

Das unerwartet gute Abschneiden der russischen Nationalmannschaft hat seinen Teil zur ausgelassenen Stimmung beigetragen, feiernde Fans überall. Die eingefleischte Hockeynation Russland hat eine Aufwallung von Nationalstolz und Einigkeit erlebt wie schon lange nicht mehr. Die WM ist ein Gewinn für alle Russen. Selbst die Opposition hat für einmal vergessen, dass sie alles ablehnt, was Präsident Wladimir Putin nützt. «Das ist einfach wundervoll!», twitterte Oppositionschef und Antikorruptionskämpfer Alexei Nawalny hingerissen.

Die WM hat Russlands schlechtes Image kräftig aufpoliert, auch wenn sich am repressiven Kurs des Landes natürlich nichts geändert hat. Und für den Kreml geht die Zeit der grossen Bühne gleich weiter. Am Montag trifft Präsident Putin seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump in Helsinki. Putin hat lange auf dieses Zweiertreffen warten müssen, das allen klarmachen soll, dass Russland auf Augenhöhe mit den USA spricht. Trump wiederum baute den Gipfel diese Woche in die Drohkulisse gegen seine Alliierten ein: Er besuche auf der Europareise die Nato und Grossbritannien, sagte er. Das Treffen mit Putin sei da «ehrlich gesagt» der einfachste Teil.

Man darf die Tür, welche die WM in die russische Welt geöffnet hat, nicht wieder zufallen lassen.

Wirklich? Es läuft nämlich alles andere als rund zwischen Russland und den USA. Im Wahlkampf hatte Trump Putin gelobt und immer wieder bessere Beziehungen zu Russland versprochen. Doch die neue US-Aussenpolitik kann dem Kreml nicht gefallen: Washington hat Russland offiziell wieder zum Feind Nummer 1 befördert. Ukraine, Syrien, Aufrüstung, Energiesicherheit, Cyberattacken – überall liegt man sich in den Haaren.

Die zu erwartenden salbungsvollen Worte in Helsinki werden nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spannungen zwischen den USA und Russland grundsätzlicher Art sind. Der Gipfel kann deshalb keine Lösung des Streits bringen. Allerdings kann er dabei helfen, die mitunter gefährlich heissen Dispute herunterzukühlen. Nicht nur Amerikaner, auch die Europäer müssen eine neue, realistische Russlandpolitik entwickeln und pragmatisch Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausloten. Austausch in Bereichen wie Kultur, Bildung oder Wissenschaft waren schliesslich einst sogar mit der Sowjetunion möglich. Und der Kontakt zwischen den Militärs kann nur zur Stabilität beitragen angesichts all der Gelegenheiten, bei denen sich russische und westliche Flugzeuge oder Schiffe gefährlich nahe kommen.

Neben dem Ausloten von Manövrierraum und der Suche nach Gemeinsamkeiten muss der Westen dann aber seine Grundsätze umso schärfer formulieren. Insbesondere in Bezug auf die Ukraine. Trump hat zum Entsetzen vieler mehrmals darüber räsoniert, Russland die annektierte ukrainische Halbinsel Krim einfach zu überlassen, um an anderen Fronten wie etwa Syrien russische Konzessionen zu erkaufen. Und der Kreml würde ohne Zweifel viel bezahlen für eine Absegnung der Annexion.

Moskau ist genauso wild entschlossen, die ukrainische Halbinsel zu behalten, wie der Westen, dies nicht zu akzeptieren.

Die Folgen wären unabsehbar: Mit diesem Präzedenzfall würde das unumschränkte Recht des Stärkeren in die internationalen Politik zurückkehren. Schliesslich kann es zum Status der Krim keinen Zweifel geben: Russland selber hat die Grenzen der Ukraine in einem Nachbarschaftsvertrag völkerrechtlich anerkannt.

Doch jenseits dieser hohen Politik darf man nun die Tür, welche die WM in die russische Welt geöffnet hat, nicht einfach wieder zufallen lassen. Amerikaner und Europäer müssen sich ehrlich um Russland bemühen und nicht bei jedem Schüleraustausch das Einlenken bei der Krim-Frage als Vorbedingung stellen. Denn dann bewegt sich gar nichts: Moskau ist genauso wild entschlossen, die ukrainische Halbinsel zu behalten, wie der Westen, dies nicht zu akzeptieren.

USA als feindliches Land

Es ist eine Illusion zu glauben, Russland werde diese Position ändern. Europäer und Amerikaner haben es bisher nicht geschafft, die russische Politik zu beeinflussen – nicht mit Geld, nicht mit gutem Zureden und schon gar nicht mit Druck. Wegen der Konfrontation sind etwa die Beziehungen zwischen Russland und den USA so schlecht wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Fast 80 Prozent der Russen sehen die USA als feindliches Land, umgekehrt ist es kaum besser.

Doch wenn Staatschefs, Politiker, Beamte, Wissenschaftler, Kulturschaffende, aber auch einfache Bürger miteinander reden, lässt sich immerhin die gegenseitige Dämonisierung aus der Welt schaffen. Das hat die WM eindrücklich bewiesen.

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