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Nervengas-Anschlag auf Spion stellt London vor ein Dilemma

Ex-Agent Skripal wurde Opfer von Nervengift. Die britische Regierung fragt sich nun: Waren es die Russen? Und müssen 14 mysteriöse Todesfälle neu untersucht werden?

Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt.
Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt.
ITN/AP, Keystone
Sicherheitszone in Salisbury ist erweitert worden: Ermittler in Schutzanzug. (6. März 2018)
Sicherheitszone in Salisbury ist erweitert worden: Ermittler in Schutzanzug. (6. März 2018)
Steve Parsons, Keystone
Wurde geschlossen und untersucht: Eine Pizzeria in der Nähe, die mit dem Fall zu tun haben könnte.
Wurde geschlossen und untersucht: Eine Pizzeria in der Nähe, die mit dem Fall zu tun haben könnte.
AFP
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Der noch immer ungeklärte Anschlag auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten und seine Tochter im englischen Städtchen Salisbury ist mit einem Nervengas verübt worden. Das gab die Anti-Terror-Abteilung Scotland Yards am Mittwochabend bekannt. Auch ein Polizist ist mit dem Gas in Berührung gekommen und schwebt in Lebensgefahr.

Der Mordanschlag stellt die britische Regierung nun vor ein beträchtliches Dilemma. Welche Selbstschutz-Massnahmen, welche diplomatischen Massnahmen soll London ergreifen? Und müssen 14 Fälle neu aufgerollt werden, bei denen Russen in England auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind? Oder wäre denkbar, dass der Vorfall gar nichts mit Moskau zu tun hat?

Zu einer Eilbesprechung dieser Frage trat am Mittwoch in Downing Street das Notstands-Kabinett der Regierung Theresa Mays zusammen. Vorab hatte Aussenminister Boris Johnson erklärt, er wolle ja «nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen». Johnson hatte aber zugleich Wladimir Putins Russland beschuldigt, zu einer «niederträchtigen und zerstörerischen Macht» geworden zu sein.

Der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei, Mark Rowley, bestätigt: Der russische Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter wurden Ziel eines Giftanschlags. Video: Tamedia/AP

«Gerüchte» sind nicht genug

Diese Bemerkungen sind in Moskau als «wild» und als «neue antirussische Kampagne» zurück gewiesen worden. Gestern zeigte sich die Regierung in London unschlüssig, ob sie eine weitere Verschlechterung der Beziehungen mit Moskau riskieren soll. Johnson hat bereits neue Sanktionen, etwa im Zusammenhang mit der russischen Fussball-WM, ins Gespräch gebracht. Innenministerin Amber Rudd will aber «erst Beweise» sehen: «Gerüchte» seien nicht genug.

Ausgelöst hat die neuen internationalen Spannungen der jüngste Anschlag auf den 66-jährigen Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia, die vorigen Sonntag nach einem kleinen Rundgang im Stadtzentrum und dem Besuch eines Pubs und einer Pizzeria bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden wurden. Die zunächst unbekannte Substanz, mit denen beide offenbar in Kontakt kamen, wurde von Wissenschaftlern des militärischen Forschungszentrums Porton Down untersucht.

2006 enttarnt, 2010 begnadigt

Skripal, ein früherer Oberst des russischen Militärgeheimdienstes, der den britischen Geheimdienst jahrelang mit Informationen versorgt hatte, war im Jahr 2006 in Russland enttarnt und ins Arbeitslager geschickt worden. Moskau hatte ihn allerdings 2010 begnadigt und im Rahmen eines Ost-West-Austauschs von Spionen nach England abgeschoben, wo er seither dank einer Rente des britischen Staates ein relativ ruhiges Leben führte.

Vater und Tochter kämpften am Mittwoch im Bezirks-Krankenhaus von Salisbury noch immer um ihr Leben. Auch mehrere Mitarbeiter der Rettungsdienste, die mit ihnen in Berührung gekommen waren, mussten sich sofortiger Behandlung unterziehen.

Rache, Abschreckung oder falsche Informationen

Unklarheit herrschte jedoch noch immer über das Motiv der Täter. Geheimdienst-Experten auf der Insel vermuten, dass sich russische Agenten an Skripal wegen dessen früherem «Verrat» gerächt hätten, oder dass der Kreml Russen, die mit dem Gedanken an den Verkauf sensitiver Informationen an den Westen spielen, mit dieser Aktion ganz einfach «abschrecken» wollte. Möglicherweise, hiess es, sei Skripal sogar noch immer für westliche Geheimdienste tätig gewesen – oder zumindest habe man das in Moskau geglaubt.

Bekannt ist aber nur, dass der Ex-Agent gelegentliche Vorträge über russische Spionage-Flugzeuge hielt, die offenbar keine aufregenden neuen Erkenntnisse enthielten. Anders als der vor zwölf Jahren mit radioaktivem Polonium getötete Alexander Litwinenko stellte Skripal nach allgemeiner Ansicht keine Gefahr mehr für den russischen Staatsapparat dar.

«Er musste geglaubt haben, dass er sicher sei», sagte dazu Litwinenkos Witwe Marina britischen Reportern. Skripal sei schliesslich offiziell an den Westen übergeben worden: «Für ihn war die Sache abgeschlossen. Er dachte, er könne ein normales Leben führen. Er war kein Abtrünniger. Er attackierte Putin nicht. Er hielt sich zurück.»

Mysteriöse Fälle neu untersuchen

Inzwischen ist die Frage laut geworden, ob mehrere Mitglieder der Familie Skripals, die in den letzten Jahren starben, nicht in Wirklichkeit getötet worden seien. Skripals Frau Ludmilla starb 2012 an Krebs.

Sein Sohn Alexander kam voriges Jahr bei einem Russland-Besuch ums Leben. Familienangehörige bezweifeln, dass es beim angeblichen «Leberversagen» des 43-Jährigen in St.Petersburg «mit rechten Dingen» zuging. Auch ein Bruder Skripals soll jüngst unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen sein.

Ben Emmerson, Star-Anwalt im Anhörungs-Verfahren zum Mord an Litwinenko vor ein paar Jahren, forderte Regierungschefin May auf, eine öffentliche Untersuchung «zum Ausmass der Beteiligung des Kreml» an einer Reihe ähnlich mysteriöser Fälle im Lande anzuordnen. Insgesamt haben US-Geheimdienste, der Nachrichten-Webseite BuzzFeed zufolge, 14 Todesfälle in Grossbritannien mit Russland in Verbindung gebracht.

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