Mladic: «Leute, das ist Völkermord»

Ratko Mladic hinterliess eine blutige Spur durch Bosnien-Herzegowina. Seit 2012 steht er vor Gericht – jetzt endlich sprechen die UNO-Richter.

Ein Bild der Demütigung: Der serbische General Ratko Mladic (links) beim Schnapstrinken mit Thom Karremans (Mitte) in Srebrenica. Foto: Sipa, Dukas

Ein Bild der Demütigung: Der serbische General Ratko Mladic (links) beim Schnapstrinken mit Thom Karremans (Mitte) in Srebrenica. Foto: Sipa, Dukas

Enver Robelli@enver_robelli

Wie entsteht der glühende, gnadenlose und zerstörerische Hass? Er entsteht, wenn es gefährlich wird, grüne Socken zu tragen, ein grünes Velo zu fahren oder mit einem grünen Kleid in einem Theaterstück zu spielen. Als Anfang der 90er-Jahre der Krieg in Bosnien-Herzegowina ausbrach, verbannten serbische Nationalisten nicht nur die muslimischen Nachbarn, sondern auch die grüne Farbe. Grün gilt als Farbe des Islam. Die geistige Umnachtung gipfelte in dem Versuch, den dunkelgrünen Fluss Vrbas in der Stadt Banja Luka blau zu färben. Zu diesem Zweck gossen die Barden des Hasses blaue Farbe in den Strom.

Seither ist viel Wasser den Vrbas hinuntergeflossen, immer noch dunkelgrün. Doch die Vergangenheit will in Bosnien-Herzegowina nicht vergehen. Es ist ein Land, in dem die Gräber reden. Am 22. Jahrestag des Massakers in Srebrenica fanden Mitte Juli 71 Opfer ihre letzte Ruhe. «Gott, wir bitten dich, dass aus Trauer Hoffnung wird, aus Rache Gerechtigkeit, aus der Träne einer Mutter ein Gebet», sagte das Oberhaupt der bosnischen Muslime, Grossmufti Husein Kavazovic, bei der Beerdigungszeremonie.

Der fröhliche Junge

Das lange, quälende Warten auf Gerechtigkeit hat jetzt ein Ende. Heute wird das UNO-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien mit Sitz in Den Haag das Urteil im Prozess gegen Ratko Mladic verkünden, der durch ganz Bosnien-Herzegowina eine blutige Spur hinterlassen hat. Dem Krieg sind etwa 100'000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Anklage fordert eine lebenslängliche Gefängnisstrafe für den ehemaligen Armeechef der bosnischen Serben. Ein milderes Urteil, sagte der Ankläger Alan Tieger, wäre «eine Beleidigung für die lebenden und toten Opfer».

Eines der Opfer von General Mladic ist Damir Suljic. Er war 15 Jahre jung, als im Juli 1995 die bosnisch-serbische Armee die UNO-Schutzzone Srebrenica im Osten Bosniens überrannte und innerhalb von wenigen Tagen 8372 muslimische Männer und Knaben massakrierte. Damir Suljic wurde erst in diesem Sommer begraben, nachdem die bosnischen Behörden über zwei Jahrzehnte seine sterblichen Überreste gesucht hatten. Die Knochen von 1868 vermissten Personen liegen vermutlich immer noch rund um Srebrenica verstreut. Der staatlichen Kommission für die verschwundenen Personen geht die Arbeit noch lange nicht aus. Damir Suljic sei ein fröhlicher Junge gewesen, sagt seine Mutter. Kurz bevor die Schergen ihn abführten, liess er sich die Haare beim Coiffeur schneiden, er ahnte wohl nichts Schlimmes.

Es war ein trockener Sommer, als die Schüsse fielen und in den Wäldern von Srebrenica Zikaden und Bienen zitterten. Und mit ihnen auch die holländischen UNO-Blauhelme, die von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen wurden und beim Ansturm bosnisch-serbischer Einheiten die UNO-Schutzzone kampflos verliessen. Zuvor hatte Mladic den verängstigten Befehlshaber der Niederländer, Oberstleutnant Thom Karremans, vor laufender Kamera erniedrigt. Er musste Mladic mit einem Glas Schnaps zuprosten, er nahm zwei Geschenke entgegen («Für Sie und Ihre Frau»), und als er eine ihm angebotene Zigarette ablehnte, spottete der Serbengeneral: «Haben Sie keine Sorge, es wird nicht Ihre letzte Zigarette sein.» Karremans ist hochdekoriert in Rente gegangen, er verbringt viel Zeit in seinem Haus an der spanischen Küste.

Der zerstörerische Hass der Truppen von General Mladic machte selbst vor Kindern nicht halt.

Srebrenica ist das Hauptwerk des Massenmörders Ratko Mladic. Der erste Völkermord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Schande. Ein Versagen der Staatengemeinschaft, wie es der frühere UNO-Generalsekretär Kofi Annan genannt hat. Mladic war sich durchaus bewusst, worauf die Strategie der «ethnischen Säuberungen» hinauslaufen würde. «Leute, das ist Völkermord», sagte der hochrangige Offizier der jugoslawischen Armee 1992 im Parlament der bosnisch-serbischen Republik.

Wenn die Richter in Den Haag nun zum Urteilsspruch zusammenkommen, werden im Gerichtssaal jene Worte Mladics nachhallen, die er bei der Eroberung Srebrenicas brüllte: «Hier sind wir, am 11. Juli 1995, im serbischen Srebrenica. Kurz vor einem grossen serbischen Festtag übergeben wir dem serbischen Volk diese Stadt . . . Die Zeit ist gekommen, an den Türken Rache zu nehmen.» Die bosnischen Muslime haben den Islam von den Osmanen übernommen, also waren sie für Mladic nichts anderes als verhasste Türken.

Knochen dünn wie Nadeln

Der zerstörerische Hass der Mladic-Truppen machte selbst vor Kindern nicht halt. Allein in der Hauptstadt Sarajevo wurden während der Belagerung über 1600 Kinder getötet. Amor Masovic, Leiter der staatlichen Vermisstenkommission, beschrieb gegenüber einer bosnischen Zeitung die Exhumierung der Gebeine eines Kleinkindes: «Ich dachte, es gibt nichts Schlimmeres als das, was ich bisher gesehen hatte: Kinder, Zivilisten, Menschen mit verbundenen Augen, mit Handschellen. Menschen in Steinbrüchen, in Brunnen, Körper an Bäume gebunden und angezündet. Dann war ich direkt dabei, als man das Baby gefunden hat, das bei seinem Tod erst wenige Stunden alt war. Ich habe persönlich die sterblichen Überreste des Babys eingesammelt, dessen Knochen dünn wie Nadeln waren. Wir haben es in einem Plastiksack gefunden. Schrecklich, seine Füsschen und Händchen waren nur wenige Zentimeter lang.»

Heute wird der Tag der Opfer sein. Überlebende werden nach Den Haag strömen, um noch einmal dem Schurken in die Augen zu schauen. Zuletzt waren sie im März 2016 dorthin gereist, als der ehemalige politische Führer der bosnischen Serben Radovan Kara­dzic wegen Völkermordes zu 40 Jahren Haft verurteilt wurde. Der Prozess gegen Mladic begann vor viereinhalb Jahren. Insgesamt 169 Zeugen wurden verhört – darunter Witwen aus Srebrenica, ehemalige Lagerinsassen, Verteidiger Sarajevos, Gerichtsmediziner, UNO-Experten, Historiker, frühere Bosnien-Emissäre der internationalen Gemeinschaft.

Die Verteidigung durfte sogar 208 Zeugen aufbieten. Die meisten waren ehemalige Untergebene von Mladic und bosnisch-serbische Politiker. Ganz im Sinne des Angeklagten erklärten sie, die bosniakische (muslimische) Seite habe die Massaker auf Sarajevos Altstadtmarkt Markale selbst verursacht, um eine militärische Intervention des Westens herbeizuführen. Wer die Schuld für die Angriffe mit mehr als 100 Toten trägt, konnte auch in diesem Mammutprozess nicht restlos geklärt werden. Tatsache ist, dass die bosnisch-serbischen Einheiten rund um Sarajevo ihre Stellungen für den Artilleriebeschuss hatten. Die Einkesselung der bosnischen Hauptstadt dauerte 1425 Tage.

16 Jahre lang auf der Flucht

Völlig unglaubwürdig wirkten die Verteidiger mit der Behauptung, ganz Sarajevo sei ein legitimes militärisches Ziel gewesen, und die internationale Justiz habe Mladic nur wegen seiner serbischen Herkunft vor Gericht gezerrt. Bis vor wenigen Tagen kämpften die Anwälte dafür, dass ihr Klient von russischen und serbischen Ärzten behandelt wird. Die Regierungen in Moskau und in Belgrad gaben eine sogenannte Garantie ab, dass der Angeklagte in seine Zelle in Den Haag zurückkehren werde, sobald die medizinischen Untersuchungen abgeschlossen seien. Das Tribunal wollte nicht in diese Falle tappen. Erstens geniesst der 74-jährige Mladic in Holland die bestmögliche ärztliche Betreuung, zweitens hat er sich nicht freiwillig gestellt, sondern war 16 Jahre lang auf der Flucht – bis zu seiner Verhaftung Ende Mai 2011 in Lazarevo, einem Dorf in der nordserbischen Provinz Vojvodina.

Es war eine sehr merkwürdige Flucht. Während sein Kriegskumpan Radovan Karadzic sich hinter dem wallenden Bart eines New-Age-Mystikers und Kräuterdoktors versteckte, lebte Mladic lange unter dem Schutz der Armee. Mehrere schwer bewaffnete Bodyguards standen ihm zur Verfügung, ein Fahrer, ein Koch und ein Kellner. Die Freizeit verbrachte der mutmassliche Völkermörder in Erholungsheimen der Armee, er ging auf die Jagd mit seinen Kameraden oder spielte Tischtennis in Belgrad. Die Fahndung nach Mladic wurde erst 2008 ernsthaft aufgenommen, als in Serbien der proeuropäische Politiker Boris Tadic zum Staatschef gewählt wurde. Die Armee liess den General fallen. Kurz bevor er nach Den Haag ausgeliefert wurde, besuchte Mladic das Grab seiner Tochter. Ana hatte 1994 mit Papas Lieblingspistole Suizid begangen.

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