Mit der Normalität ist es vorbei

London hat eine umfassende Untersuchung zum neuen Vergiftungsfall mit Nowitschok angekündigt. Man werde nicht zulassen, dass der Kreml britische Strassen als «Müllhalden für Gifte» benutze.

Seit gestern vorsorglich abgesperrt: Die Queen-Elizabeth-Parkanlage in Salisbury. Foto: Jack Taylor (Getty Images)

Seit gestern vorsorglich abgesperrt: Die Queen-Elizabeth-Parkanlage in Salisbury. Foto: Jack Taylor (Getty Images)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Die britische Regierung hat erneut schwere Vorwürfe gegen Moskau erhoben. Grossbritanniens Innenminister Sajid Javid erklärte, London werde nicht zulassen, dass «unsere Strassen, unsere Parks, unsere Städte als Müllhalden für Gifte» benutzt würden durch den Kreml, durch den russischen Staat. Die britische Regierung, fügte der Minister hinzu, werde «alle Aktionen abwehren, die unsere Sicherheit und die Sicherheit unserer Partner gefährden» – egal, ob es sich um gezielte Aktionen oder um zufällige Opfer solcher Aktionen handle. «Wie zuvor schon werden wir uns auch nach den neusten Ereignissen wieder mit unseren internationalen Partnern und Verbündeten beraten», sagte Javid. «Gegenwärtig richten sich die Augen der Welt voll auf Russland, nicht zuletzt wegen der Fussball-Weltmeisterschaft.

Der Innenminister, der am Donnerstag eine Notstandssitzung in der Regierungszentrale leitete, forderte die russische Regierung auf, der Welt «zu erklären, was hier eigentlich vor sich geht». Aus Moskau hiess es, Theresa Mays Regierung solle «endlich aufhören mit ihren Intrigen und Spielchen». Russland habe mit der Geschichte nichts zu tun.

Weder Täter noch Tatwaffe

Anlass des neuen zornigen Wortwechsels war die Einlieferung zweier britischer Bürger aus dem Raum Salisbury, offenkundig mit schwerer Nervengas-Vergiftung, in die örtliche Klinik. Im März war in der südenglischen Stadt ein Anschlag mit dem hochgradig giftigen militärischen Kampfstoff Nowitschok auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter Julia verübt worden. London hatte den Mordversuch damals Moskau zur Last gelegt.

Der Vorfall hatte eine schwere diplomatische Krise mit Russland ausgelöst. Moskau hatte alle Verantwortung für die Tat bestritten. In der Folge hatten Polizeibeamte, Terrorabwehr und Giftgas­experten Parks und Gebäude in Salisbury abgesperrt und wochenlang durchsucht, aber weder Tatwaffe noch Hinweise auf die Täter gefunden. Das Nowitschok, hiess es, sei als Gel verwendet und auf die Türklinke Skripals gestrichen worden.

Opfer schweben in Lebensgefahr

Erst vor zwei Wochen hatten Prinz Charles und seine Frau Camilla noch Salisbury besucht, um der Stadt zur Rückkehr zu «normalen Verhältnissen» zu gratulieren. Am vergangenen Samstag aber ergingen zwei neue Notrufe in der Ortschaft Amesbury, zwölf Kilometer von Salisbury entfernt. Im Abstand von fünf Stunden wurden an diesem Tag die 44-jährige Dawn Sturgess und der 45-jährige Charlie Rowley ins Bezirksspital eingeliefert. Beide schweben seither in Lebensgefahr.

Nach Auskunft der Rettungsdienste hatten deren Helfer zunächst geglaubt, es mit Drogenopfern zu tun zu haben. Rowley war als heroinsüchtig, Sturgess als Alkoholikerin bekannt. Bereits beim Abtransport der gelähmten und aus dem Mund schäumenden Opfer trugen Ambulanzfahrer aber Schutzanzüge. Am Montag gingen Proben von der Klinik ans nahe Militärforschungszentrum Porton Down. In der Nacht auf gestern stand fest, dass auch Rowley und Sturgess mit Nowitschok in Berührung gekommen sind. Dass das Nervengift für die beiden bestimmt war, wird von der Polizei allerdings als unwahrscheinlich betrachtet. Beide waren arbeitslos und hatten keine Verbindungen zu den Skripals oder zu Geheimdiensten irgendwelcher Art. Die Theorie der Terrorabwehr ist, dass die beiden Briten irgendwo auf bislang unentdeckte Reste des im März benutzten Nowitschoks gestossen sind.

Behörden mahnen zu Vorsicht

Ausser Rowleys Wohnung wurde gestern eine Reihe von Plätzen und Gebäuden abgesperrt, in denen sich die Vergifteten kurz vor ihrer Erkrankung aufgehalten hatten. Darunter befanden sich die Queen Elizabeth Gardens, ein grösserer Park mit Kinderspielplatz, mitten in Salisbury – unweit der Stelle, an der die Skripals im März bewusstlos aufgefunden worden waren. Auch das Obdachlosenheim, in dem Dawn Sturgess noch bis vor kurzem wohnte, wurde vorsorglich geschlossen. Es liegt gerade gegenüber dem Restaurant, das von den Skripals vor deren Kollaps besucht wurde und das noch immer geschlossen ist.

«Zur Vorsicht» rieten die Gesundheitsbehörden allen Bewohnern der Gegend, die sich jüngst an entsprechenden Lokalitäten aufgehalten hatten. Sie sollten ihre Kleidung erneut waschen, Schmuck und Brillen abspülen und Handtaschen und Mobiltelefone mit feuchten Tüchern abreiben. Vor allem solle niemand Gegenstände wie zum Beispiel weggeworfene Nadeln und Spritzen anfassen oder aufheben.

Die Polizei räumte aber ein, dass unklar ist, wie im März das Nowitschok-Gel an der Haustür Skripals angebracht wurde. Natürlich, erklärte Minister Javid, sei ihm bewusst, dass die Bevölkerung in der betroffenen Gegend sich nun «verunsichert» und «verängstigt» fühle. Es bestehe aber für die Allgemeinheit «kein sonderlich grosses Risiko».

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