Metropole als Ziel: Nun hat es Barcelona getroffen

Blutende Menschen am Boden, Tote am Strassenrand. 13 Jahre nach dem letzten islamistischen Attentat hat der Terror Spanien wieder eingeholt.

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Die Ramblas von Barcelona an einem Donnerstagnachmittag im August. Die Hitze gibt gerade etwas nach, die Menschen strömen zu Tausenden zum Flanieren auf den Boulevard der katalanischen Hauptstadt, Einheimische und Fremde. Es gibt zur Hauptsaison wohl kaum einen Ort in Europa, an dem sich mehr Menschen versammeln, und kaum einen, an dem sie es sorgloser tun.

Es scheint so, als sei die Bluttat sehr gezielt genau deswegen dort erfolgt. Ein weisser Lieferwagen rast gegen 17 Uhr die breite, von schattenspendenden Platanen gesäumte Strasse abwärts, Richtung Hafen. Kurz vor dem zentralen Markt, dem historischen Mercat de la Boqueria, einer berühmten Sehenswürdigkeit, steuert der Fahrer den Transporter geradewegs und mit voller Absicht in eine Menschenmenge. Später am Abend wird der Innenminister der katalanischen Regionalregierung, Joaquim Forn, mitteilen, dass dreizehn Menschen ums Leben gekommen sind, an die achtzig sind verletzt, viele schwer.

Wie ein Kriegserlebnis

Blutende Menschen liegen am Boden, Tote am Strassenrand, Augenzeugen berichten von schreienden Menschen, von Schrecken und Chaos. Ein Tourist sagt der Nachrichtenagentur DPA, das Fahrzeug sei im Zickzack gefahren, «um ein Maximum an Fussgängern zu erwischen». Ein anderer Augenzeuge berichtet: «Ich habe so etwas noch nie erlebt. Es war wie ein Kriegserlebnis. Polizisten mit Maschinengewehren und Gewehren im Anschlag kamen in der Strasse auf mich zugerannt.» Seine Frau habe in einem Einkaufszentrum festgesessen, weil die Eingänge geschlossen worden seien. «Wir dachten immer, Barcelona sei eine friedliche Stadt.»

Das dachten viele. Es war ein gezielter Anschlag mitten ins Herz des spanischen Fremdenverkehrs, der wichtigsten Industrie des Landes. 80 Millionen Gäste werden dieses Jahr erwartet, elf Millionen von ihnen in Barcelona. Vor allem von der Angst vieler Menschen vor Anschlägen in der Türkei oder Ägypten hat Spanien profitiert. Es sieht beinahe so aus, als hätten der oder die Täter genau darauf gesetzt. Sie wollten nicht nur Menschen töten, sondern auch bei denen Angst säen, die vielleicht noch einen Urlaub in Spanien planen. Für das Land ist dieser Anschlag deshalb eine doppelte Katastrophe.

Zunächst kursierten nach der Tat wilde Gerüchte über Verfolgungsjagden, Schiessereien und Geiselnahmen in der Altstadt.

IS reklamiert Tat für sich

Erst am späteren Abend meldet die Polizei offiziell die Festnahme eines dringend Tatverdächtigen. Er war offenbar direkt nach der Tat aus dem Wagen gesprungen und in das Gewirr der Gassen geflohen. Der Tatwagen soll ein Lieferwagen der Marke Fiat sein, der in der Vorstadt Sabadell gemietet wurde. Später meldete die katalanische Regierung eine zweite Festnahme. Zudem hat nach Angaben der Polizei ein flüchtender Autofahrer am Abend in Barcelona zwei Beamte angefahren. Die Terrormiliz Islamischer Staat liess über ihr Propagandasprachrohr Amak verbreiten, «einer der Soldaten des Islamischen Staats» habe die Tat verübt.

Video - Terror-Attacke mit Lieferwagen

Mindestens 13 Personen sterben bei Terroranschlag in Barcelona (Tamedia/AFP)

Oberbürgermeisterin Ada Colau trat am Abend vor die Presse. Sie sagte trotzig: «Barcelona war immer eine Stadt offen für alle Fremden, dies soll so bleiben!» Eine Welle der Solidarität brandete auf. Die deutsche Regierung, Nato, EU und die Bürgermeister der ebenfalls vom Terror gezeichneten Städte Nizza und Paris, selbst der mit Barcelona so verfeindete Fussballclub Real Madrid kondolierten sofort. Bundespräsidentin Doris Leuthard sprach von «einem feigen Terrorakt.» Donald Trump twitterte: «Halte durch und seid stark, wir lieben euch!» Der spanische König Felipe VI. verurteilte den Terroranschlag am selben Abend. «Das sind Mörder, einfach Kriminelle, die uns nicht terrorisieren werden», hiess es am Donnerstagabend aus dem Königspalast in Madrid. «Ganz Spanien ist Barcelona. Die Ramblas werden wieder für alle da sein.»

Spanien war lange Jahre vom Terrorismus verschont geblieben. Manche haben angesichts der vielen Anschläge der vergangenen Jahre schon verdrängt, dass eines der blutigsten Attentate in Europa sich dort ereignete, am 11. März 2004. Damals zündeten islamistische Attentäter in Madrid Bomben in Pendlerzügen und töteten 192 Menschen. Das hatte Folgen: Die neue sozialistische Regierung zog ihre Truppen aus dem Irakkrieg ab. Spanien hat es seitdem vermieden, im Krieg allzu viele Aggressionen auf sich zu ziehen. Die Spezialeinheiten gegen den islamistischen Terror wurden immer weiter aufgestockt, kein anderes europäisches Land hat in den vergangenen Jahren so viele Terrorverdächtige festgenommen wie Spanien. 13 Jahre ohne islamistische Attentate. Und nun Barcelona.


Las Ramblas – Wahrzeichen und Touristenmagnet

Der Boulevard, auf dem der Lieferwagen in die Menge der Flaneure raste, gehört zu den beliebtesten Attraktionen von Barcelona: Die Promenade Las Ramblas erstreckt sich durch die Altstadt von der Plaça de Catalunya bis zum Hafen. Gesäumt von Bäumen und in der Mitte unterbrochen durch einen Fussgängerbereich, zieht der Boulevard Flaneure an, Cafébesucher, Strassenkünstler – und jede Menge Touristen.

Nördlich der Ramblas liegt das Altstadtviertel Barri Gòtic, südlich El Raval. Im 18. Jahrhundert verlief hier die mittelalterliche Stadtmauer von Barcelona. Einst galten die Ramblas als Prachtstrasse, mit den exklusivsten Feinkostgeschäften, den besten Buchläden, den elegantesten Restaurants und Cabarets, ein Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler und das gehobene Bürgertum. Doch der Boulevard geriet in Verruf als Treffpunkt für Drogensüchtige und Dealer, als Hort von Strassenprostitution, Kleinkriminalität und Gewalt.

Die etwa 1,3 Kilometer lange Strasse besteht aus fünf unterschiedlichen Abschnitten, die eine Fülle von Attraktionen beherbergen. Die Rambla de Canaletes, die unmittelbar an die Plaça de Catalunya anschliesst, ist bekannt für den Brunnen Font de Canaletes, Fans des FC Barcelona feiern hier ihre Siege. Früher säumten viele Hochschulgebäude die Rambla dels Estudis, daher der Name. Die Rambla de Sant Josep wird wegen der zahlreichen Blumenstände auch Rambla de les Flors genannt. Die Rambla dels Caputxins ist geprägt von den Fassaden des Gran Teatre del Liceu und des Cafe de l’Opera. Zudem hat man von hier aus Zugang zum grosszügig angelegten Stadtplatz Plaça Reial. Weiter in Richtung Hafen folgt die Rambla de Santa Mònica. Hier steht in einem Kreisel am Hafen die 68 Meter hohe Kolumbussäule. Vor allem am späten Nachmittag, wenn die Sommerhitze in den Strassenfluchten langsam erträglich wird, strömen die Menschen auf die Las Ramblas. Genau um diese Zeit begann auch der Kleinlaster seine tödliche Raserei. Daniela Dau

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