Merkels Mann für die schwierigen Fälle

Wenn es für Deutschland brenzlig wird, kommt Wirtschaftsminister Peter Altmaier zum Einsatz. Nun hat er den Besuch der Kanzlerin in Washington vorbereitet.

«Ein wandelnder Vermittlungsausschuss», sagen sowohl Bewunderer als auch Spötter über Peter Altmaier. Foto: Steffi Loos (Getty)

«Ein wandelnder Vermittlungsausschuss», sagen sowohl Bewunderer als auch Spötter über Peter Altmaier. Foto: Steffi Loos (Getty)

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Wenn Angela Merkel am Freitag Donald Trump im Weissen Haus besucht, um zu verhindern, dass die USA einen Wirtschaftskrieg gegen Europa vom Zaun brechen, dann ist Peter Altmaier längst da gewesen. Während die Kanzlerin, der Aussen- und der Finanzminister nach der Vereidigung der neuen deutschen Regierung im März nach Paris reisten, flog der Wirtschaftsminister nach Washington.

Mit Handelsminister Wilbur Ross und dem Handelsbeauftragten Robert Lighthizer lotete er aus, was die Amerikaner eigentlich wollen und was die Europäer im Angebot haben, die Deutschen vorweg. Es gehe um nichts weniger, als den Rückfall in den zerstörerischen Protektionismus der 30er-Jahre zu verhindern, kommentierte Altmaier. Immerhin einen kleinen Erfolg erzielte er: Trump gewährte den Europäern vorerst einen Aufschub, bis zum 1. Mai.

Reden und verhandeln

Der 59-jährige Saarländer ist Merkels Mann für die komplizierten Fälle. Nicht erst seit gestern – schon im letzten Kabinett war er ihr wichtigster Vertrauter. Der Chef des Kanzleramts koordinierte nicht nur die Arbeit der Regierung und vermittelte zwischen Bund, Ländern und Parteien, sondern übernahm im Herbst 2015 auch die zentrale Verantwortung für die Flüchtlingskrise – ein Ereignis, das Deutschland aufwühlte wie selten eines zuvor. Er war es, der in Merkels Auftrag in die Türkei flog, um das entscheidende Rückübernahmeabkommen vorzubereiten. Er war es, der immer wieder im Fernsehen auftrat, um ihre Politik zu erklären. Sozusagen nebenbei beaufsichtigte er noch den Auslandsgeheimdienst BND und schrieb Merkels CDU ein Programm für die Bundestagswahl im vergangenen Herbst.

Reden und Verhandeln gelten als Altmaiers grösste Stärken. Er sei ein «wandelnder Vermittlungsausschuss», sagen Spötter und Bewunderer simultan. Jedenfalls findet er Lösungen und Kompromisse, wo andere nur Probleme sehen, und gelangt darum oft ans Ziel.

Der Jurist ist belesen wie wenige Politiker – in seiner Wohnung stehen 600 Bücher allein über Bismarck.

Dass sich Merkel und Altmaier vertrauen, reicht weit zurück. In den 90er-Jahren gehört Altmaier zu den «jungen Wilden», die sich aufmachen, die unter Helmut Kohl allmählich verstaubende Union gesellschaftspolitisch zu öffnen. Er will das Staatsbürgerschaftsrecht modernisieren, Homosexuellen die Ehe ermöglichen und arbeitet als Mitglied der «Pizza-Connection» daran, Union und Grüne einander anzunähern. Während die junge Ministerin Merkel noch «Kohls Mädchen» ist, fordert Altmaier längst dessen Rücktritt.

Als Angela Merkel sich 1999 selbst gegen Kohl stellt, weiss sie Altmaier hinter sich. Von nun an folgt er ihr treu wie ein Knappe bei ihrem Aufstieg, erst in Fraktion und Partei, ab 2005 in der Regierung. 2012 stemmt er als Umwelt­minister die abrupte Abkehr von der Atomenergie, nachdem sich Merkel ebenso abrupt von Norbert Röttgen getrennt hat – einem anderen früheren «jungen Wilden».

50 Gäste bewirtet

In einem bemerkenswerten Interview mit dem «Stern» sagte Altmaier damals, er habe eigentlich nicht gedacht, dass ein Politiker, der so aussehe wie er, in die allererste Reihe aufsteigen könnte. Schon gar nicht unter Merkel, die bekanntlich dazu neige, dünne Männer um sich zu scharen. Altmaier ist ein Koloss, fast 1,90 Meter gross und 150 Kilo schwer, kahlköpfig, sein Gesicht von den Folgen einer angeborenen Lippenspalte gezeichnet. Doch wenn er auftritt, weicht alles Bedrohliche. Sogleich dringt der stets fröhliche Geniesser durch, der Hobbykoch, der schlagfertige, witzige, selbstironische Debattierer. Der intellektuell brillante Jurist spricht neben Französisch und Englisch auch Niederländisch und ist belesen wie wenige Politiker – in seiner riesigen Berliner Wohnung stehen 600 Bücher allein über Otto von Bismarck, den ersten Kanzler des Deutschen Reiches.

Er lebt aus Überzeugung alleine, was Beobachter lange beargwöhnten. Fragen, ob er schwul sei, beantwortet er nicht. Er wolle als Politiker nicht über seine sexuelle Identität definiert werden. Ihn irritiert vielmehr, dass es Homo- wie Heterosexuellen offenbar ähnlich schwerfällt zu akzeptieren, dass jemand sein Leben nicht mit einem anderen Menschen teilen möchte. Gleichzeitig gibt es in Berlin wenige hochrangige Politiker, die geselliger sind als er. Seine Einladungen werden gerühmt. Er soll auch schon 50 Gäste aufs Mal bewirtet haben.

Die EU liegt ihm am Herzen

Altmaier stammt aus dem winzigen Saarland, das in der mörderischen Geschichte des 20. Jahrhunderts mehrfach zwischen Frankreich und Deutschland hin- und hergewechselt hat. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter Krankenschwester, er wurde römisch-katholisch und christlich-sozial geprägt. Wie anderen Politikern aus dem Grenzgebiet an Mosel und Rhein – Martin Schulz etwa oder Jean-Claude Juncker – liegt ihm die Europäische Union besonders am Herzen.

Die Frage, ob er selbst einmal deutscher Kanzler werden wolle, weist Peter Altmaier stets ab. Er gehöre zur gleichen Generation wie die vier Jahre ältere Merkel, und daher sei die Frage längst entschieden. Eine andere Saarländerin wird jedoch sehr wohl als mögliche Nachfolgerin gehandelt: Annegret Kramp-Karrenbauer, bis vor kurzem Ministerpräsidentin in Saarbrücken. Da Merkel auf «ihren» Altmaier nicht verzichten wollte und zwei christdemokratische Saarländer in der Regierung wohl einer zu viel gewesen wären, setzte sie Kramp-Karrenbauer als neue Generalsekretärin ihrer Partei ein. Altmaier freute sich sichtlich darüber.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 21:21 Uhr

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