Merkel gab einen Finger, Schulz nahm die ganze Hand

Martin Schulz ist ein Coup gelungen. Angela Merkels Andeutung zur «Ehe für alle» nutzt der Kanzlerkandidat zum eigenen Vorteil aus.

«Ehe für alle»: SPD nimmt Merkel beim Wort. (Video: Reuters)
Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Wenn die Zeit einer Idee gekommen ist, hält niemand sie auf Dauer auf. Die Ehe auch für Homosexuelle zu öffnen, war überfällig – auch in Deutschland. Angela Merkel, die sich bislang immer dagegen gewehrt hatte, hat sich dem Druck der anderen Parteien gebeugt und ihren Widerstand aufgegeben. Die Kanzlerin ist bekannt dafür, dass sie Positionen unsentimental räumt, sobald sie sich als unhaltbar erweisen. Aus ihrer Sicht kann auf Dauer nur bewahren und konservativ sein, wer bereit ist, auch mit der Zeit zu gehen und sich zu wandeln.

Merkel wandelt sich meist nur auf Druck von aussen, selten aus Überzeugung. Das ist auch bei der «Ehe für alle» der Fall. Ihr Rivale, der Sozialdemokrat Martin Schulz, hat Recht, wenn er kritisiert, der Kanzlerin sei die Gleichstellung der Homosexuellen nicht wie ihm ein Herzensanliegen, sondern einzig eine Frage der Taktik. Den Schwulen und Lesben kann es freilich egal sein, wer ihnen am Ende das Recht zugesteht, zu heiraten und Kinder zu adoptieren.

Schulz ist jedenfalls ein Coup gelungen. Die Kanzlerin gab ihm mit einer Andeutung einen Finger – und er nahm entschlossen die ganze Hand. Etwas peinlich ist nur, dass es nicht seine SPD war, die die «Ehe für alle» ganz am Ende der Regierungszeit nochmals auf die politische Bühne stemmte. Die Grünen waren es, die ihre künftige Koalitionsbereitschaft mit Merkels Union als erste an die «Ehe für alle» knüpften. FDP und Sozialdemokraten folgten ihnen – die SPD als letzte, aber immerhin entscheidende Kraft.

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