#MacronGate: Die Geschichte einer gefakten Nachricht

Le Pen spielt im TV-Duell gegen Macron einen angeblichen Skandal über ein Offshore-Konto aus. Die Quelle ist dubios.

Harter Fight im letzten TV-Duell: Le Pen und Macron deckten sich mit Vorwürfen ein. (Video: Tamedia-Webvideo)

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Es war ein Duell der Bosheiten, das sich Emmanuel Macron und Marine Le Pen in der TV-Debatte am Mittwochabend geliefert hatten. Eine Aussage der FN-Kandidatin hat nun ein juristisches Nachspiel. Macron stellte eine Strafanzeige, nachdem Le Pen ein mögliches heimliches Auslandskonto ihres Kontrahenten angedeutet hatte. «Ich hoffe, dass man nicht herausfinden wird, dass Sie ein Offshore-Konto auf den Bahamas haben», giftete Le Pen. Macrons Strafanzeige richtet sich zunächst nicht gegen Le Pen, sondern gegen unbekannt, und lautet auf «Fälschung» und «Verbreitung einer Falschnachricht».

Recherchen von französischen Medien sowie Analysen von Social-Media-Experten lassen bisher nur einen Schluss zu: Was Le Pen gegen Macron insinuierte, sind Fake-News. Einerseits handelt es sich offensichtlich um schlecht gefälschte Dokumente, andererseits verweisen die Verbreitungswege der Nachricht in den sozialen Medien auf dubiose Urheber.

Zwei Stunden vor dem TV-Duell lanciert ein Anonymus auf «4chan» den vermeintlichen Skandal um Macron.

Le Pen stützte sich offensichtlich auf eine Nachricht, die am Abend der TV-Debatte im Internet lanciert worden war. Um 19 Uhr, zwei Stunden vor Beginn des Fernsehduells, postete ein anonymer Nutzer im US-Onlineforum 4chan.org Dokumente, die Macron als Steuerhinterzieher entlarven sollen. «4chan» hat einen zweifelhaften Ruf. Hier tummeln sich Verschwörungstheoretiker verschiedener Couleur, hier werden auch geleakte Nacktfotos von prominenten Frauen veröffentlicht. Kritiker bezeichnen das Onlineforum «4chan» wenig überraschend als «Abfalleimer des Internets».

Der Anonymus auf «4chan» verband die Veröffentlichung der angeblichen Macron-Dokumente mit dem Aufruf, das Thema unter dem Hashtag #MacronCacheCash auf Twitter zu verbreiten, um französische Wähler dazu zu bringen, nicht für Macron zu stimmen. Ein anderer Hashtag lautete #MacronGate. Der vermeintliche Skandal machte rasch die Runde im Internet. Zunächst veröffentlichten die amerikanischen Websites «Anime Right News» und «Disobedient Media» längere Berichte mit Links zu den Dokumenten. Beide Websites sind dem rechten politischen Spektrum zuzuordnen. Im US-Wahlkampf waren sie sehr aktiv bei ihrer Unterstützung für Donald Trump.

«Ich hoffe, dass man nicht herausfinden wird, dass Sie ein Offshore-Konto auf den Bahamas haben»: Marine Le Pen ritt beim letzten TV-Duell eine giftige Attacke gegen Emmanuel Macron. (Bild: AFP/Stringer)

Eine französische Übersetzung, die «Anime Right News» interessanterweise gleich mitpublizierte, beschleunigte die Aufnahme und Weiterverbreitung der angeblichen Enthüllungsgeschichte auf Twitter in Frankreich. Am Mittwochabend ab 19.30 Uhr häuften sich die Tweets und Retweets. Um 21 Uhr begann das TV-Duell zwischen den Präsidentschaftskandidaten Le Pen und Macron. Die Frequenzen auf Twitter erreichten nach der Fernsehdebatte gegen Mitternacht ihren Höhepunkt.

Nicolas Vanderbiest, Blogger und Forscher an der belgischen Universität Löwen, beobachtet schon seit einigen Jahren die «patriosphère» auf Twitter. Damit meint er Twitternetzwerke, die der politischen Rechten in Frankreich nahestehen und die auffallend häufig Berichte von russischen Medien wie «Sputnik News» und «Russia Today» weiterverbreiten. Diese Vernetzungen von Trump-Fans, Front-National-Anhängern und Putin-Verstehern haben beim vermeintlichen Macron-Skandal laut Vanderbiest so stark gespielt wie noch nie im laufenden Präsidentschaftswahlkampf. In einer Visualisierung zeigt Vanderbiest die Verbreitung der Falschnachricht auf Twitter.

Gemäss bisherigen Erkenntnissen bestehen erhebliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente, die den Besitz eines heimlichen Auslandskontos von Macron belegen sollen. Beim Gründungsdokument einer Offshore-Gesellschaft in der Karibik fehlen unverzichtbare Angaben, etwa Macrons Geburtsort und -datum, Wohnadresse und Passnummer. Ausserdem soll die Unterschrift gefälscht worden sein. Das Macron-Team hat inzwischen Schriftproben publiziert und eine graphologische Untersuchung in Auftrag gegeben. Ein weiteres Dokument zu einer Banktransaktion erweckt den Eindruck einer schlecht ausgeführten Photoshop-Manipulation. In den beiden Dokumenten heisst Macrons angebliche Offshore-Firma mal La Providence Ltd. und mal La Providence LLC.

Stammen beide Unterschriften von Macron? Vergleich mit der Unterschrift auf dem Gründungsdokument einer Offshore-Gesellschaft. Screenshot: leparisien.fr

Der offensichtlich von Le-Pen-Fans inszenierte Skandal hat seine Wirkung verfehlt: Macron hat keinen Schaden genommen. Eine heute Freitag veröffentlichte Umfrage des Instituts Elabe sieht Macron bei 62 Prozent. Das sind drei Punkte mehr verglichen mit der vorangegangenen Erhebung vor dem TV-Duell. Auch andere Umfragen, die in den letzten Tagen veröffentlicht wurden, weisen auf eine klare Niederlage von Le Pen hin. Die Stichwahl um das Präsidentenamt Frankreichs findet am Sonntag statt.

Video – «Mit grösster Wahrscheinlichkeit gewinnt Macron»

Der Politologe Christoph Frei glaubt nicht an einen Rechtsrutsch in Frankreich. (Video: SDA) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2017, 14:48 Uhr

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