Machos ohne Perspektive

Eine Zürcher Studie belegt, dass abgelehnte Flüchtlinge in Deutschland für mehr Gewalttaten sorgen.

Flüchtlinge warten vor einer Asylunterkunft in Hamburg. Foto: Daniel Bockwoldt (DPA, Keystone)

Flüchtlinge warten vor einer Asylunterkunft in Hamburg. Foto: Daniel Bockwoldt (DPA, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Migranten bis zu sechsmal krimineller als Einheimische», schreibt Georg Pazderski auf Facebook. Der Abgeordnete der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag sieht die Warnungen seiner Partei vor den Gefahren der Migration durch eine Studie bestätigt, die diese Woche veröffentlicht wurde. Doch der AfD-Politiker vereinfacht und pauschalisiert die Zahlen: Die Realität ist deutlich komplizierter.

Die an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführte Untersuchung wurde vom deutschen Familienministerium in Auftrag gegeben. Als Grundlage diente ihr die Kriminalstatistik des Bundeslandes Niedersachsen, die aber als repräsentativ für ganz Deutschland betrachtet wird (und wohl auch für die Schweiz wertvolle Hinweise gibt). Untersucht wurden Gewaltdelikte, vor allem unter Jugendlichen und Flüchtlingen.

Die Autoren Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem zeigen, dass Verbrechen wie Körperverletzung, Raub, Mord und Vergewaltigung bis 2014 kontinuierlich zurückgegangen sind. Mit dem plötzlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015 und 2016 hat die Zahl der Gewalttaten, die der Polizei gemeldet wurden, wieder um 10,4 Prozent zugenommen. Und dieser Anstieg ist zu 92,1 Prozent Flüchtlingen zuzurechnen. 13,3 Prozent aller solcher Taten wurden von Flüchtlingen verübt, obwohl sie nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Daraus hat die AfD ihr «sechsmal krimineller» konstruiert.

«Für populistische Parolen eignet sich das Ergebnis nicht.»

Allerdings bleibt die Gewaltkriminalität auch 2016 noch immer weit unter dem Niveau von 2007 – also weit vor Beginn der grossen Flüchtlingswelle. Zudem listet die Studie eine ganze Reihe von Relativierungen auf. So werden Taten von Fremden sehr viel öfter der Polizei gemeldet als Taten von Einheimischen. Und in jedem Land der Welt wird etwa die Hälfte aller Gewalttaten von jungen Männern zwischen 14 und 30 Jahren verübt. Der Anteil junger Männer unter Flüchtlingen liegt mit 26,9 Prozent fast dreimal so hoch wie in der Bevölkerung insgesamt. Das führt dazu, dass mehr als zwei Drittel aller von Flüchtlingen begangenen Gewalttaten von jungen männlichen Flüchtlingen verübt wurden.

Zudem: In etwa 66 Prozent der Fälle richtete sich die Gewalt gegen andere Flüchtlinge oder Ausländer – ein Hinweis auf die oft beengte und konfliktträchtige Wohnsituation. Die populistische Behauptung, dass Migranten eine besondere Bedrohung für Einheimische, besonders für Frauen, sind, widerlegt diese Statistik.

Der Anstieg hält sich in Grenzen

Auch die Herkunft spielt eine Rolle. Kriegsflüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak oder Syrien werden viel seltener gewalttätig als Migranten aus Nordafrika. Das hat, so die Autoren, damit zu tun, dass Kriegsflüchtlinge mit grosser Wahrscheinlichkeit in Deutschland bleiben können und sich dort nichts zuschulden kommen lassen wollen. Für junge Männer aus Nordafrika, denen sofort mitgeteilt wird, dass sie keine Bleibeperspektive haben, gilt diese Zurückhaltung nicht.

Dass die Flüchtlinge meist aus einer Kultur stammen, die «von männlicher Dominanz geprägt» ist, führt den Autoren zufolge dazu, dass durch Männer verübte Gewalt eher als legitim gilt, als das in Europa der Fall ist. Auch die Tatsache, dass sich unter den Migranten vergleichsweise wenige Frauen befinden, lasse die Männer schneller gewalttätig werden.

In ihren Empfehlungen weisen die Autoren darauf hin, wie wichtig eine Zukunftsperspektive für Migranten ist. Das kann eine Perspektive in ihrem Zufluchtsland sein – denn wer bleiben darf, bemüht sich um Integration. Den Autoren zufolge wäre es aber möglich, auch für Abgewiesene positive Zukunftsaussichten zu entwickeln. Eine Art Grundausbildung könnte diesen eine produktive und ehrenvolle Rückkehr ins Heimatland ermöglichen, ebenso Bargeldzahlungen oder Mikrokredite.

Solche Vorschläge dienen der Gewaltprävention. Denn tatsächlich hat die grosse Zahl von Migranten der letzten Jahre – vertrieben durch die Kriege im Nahen Osten – die Zahl der Gewalttaten ansteigen lassen. Aber dieser Anstieg hält sich in Grenzen. Trotz aller populistischen Alarmrufe: Die Grundlagen der Gesellschaft befinden sich nicht in Gefahr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2018, 07:56 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Kritik an meinem Flüchtlings-Artikel war hämisch und beissend»

Interview Hannes Koch schrieb eine Geschichte über Flüchtling Karim bei sich zu Hause. Heftig, die Reaktionen – besonders in der Schweiz. Mehr...

Deutschland schiebt Hunderte Flüchtlinge in die Schweiz ab

Der Druck auf Deutschlands Flüchtlingspolitik steigt – parallel dazu die Zahl der Rückführungen von Asylsuchenden in die Schweiz. Mehr...

Flüchtling im Haus

Elf Monate wohnt ein junger Flüchtling aus Syrien bei uns. Wir sind erschöpft. Er will nicht ausziehen. Protokoll einer Hilfsaktion, die an der Realität scheiterte. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...