Lust auf die Zukunft

Emmanuel Macron appelliert bei seiner Amtseinführung an das Selbstvertrauen der Franzosen. Sein Vorgänger, mit dem ihn ein schwieriges Verhältnis verbindet, wünscht ihm viel Glück.

Der neue Präsident Macron winkt Passanten, als er über die Champs-Elysées fährt. Foto: Yoan Valat (Keystone)

Der neue Präsident Macron winkt Passanten, als er über die Champs-Elysées fährt. Foto: Yoan Valat (Keystone)

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Keine Regie, kein Palastprotokoll hätte diesen Moment besser inszenieren können. Es ist kurz nach elf Uhr an diesem grauen, nasskalten Sonntagvormittag. Da endlich steigen Emmanuel Macron und François Hollande die lange Treppe aus der ersten Etage hinab. Über eine Stunde lang, viel ausgiebiger als geplant, haben die beiden Männer oben im mit Blattgold verzierten Dienstsalon des Staatsoberhaupts miteinander geplaudert. Sie haben allerlei Staatsgeheimnisse ausgetauscht und wohl auch über sich selbst geredet – über ihre sehr eigene, vertrackte Männerfreundschaft. Und nun, da sie hinaustreten in den Ehrenhof des Elysées und sich die Hand reichen, da bricht jäh die Sonne durch: Helles, warmes Frühlingslicht umfängt diese Sekunden des persönlichen Abschieds und des nationalen Neuanfangs.

Macron und Hollande, der achte und der siebte Präsident der Fünften Republik, gehen gemeinsam über den roten Teppich. Väterlich klopft der Alte dem Jungen auf die Schulter. Beifall brandet auf. Die Bediensteten des Palastes, die im Innenhof die «passation de pouvoir», die Machtübergabe, verfolgen, zollen dem scheidenden Herrn ein letztes Mal Beifall. Auch Macron klatscht ein paarmal in die Hände. Hollande steht mit dem linken Fuss schon im Auto, bereit zur allerletzten Dienstfahrt – da dreht er sich noch einmal um, winkt und ruft: «Bon courage!» Viel Glück – und frohes Schaffen!

Macron, der Nachfolger, hat sich viel vorgenommen für die nächsten fünf Jahre. Eine Stunde später erklärt der 39-jährige Optimist den Franzosen, er wolle ihre «Zweifel und Ängste» vertreiben, ihnen «Lust auf die Zukunft» einhauchen. Unter den Lüstern des Festsaals des Elysées erleben 300 Honoratioren und Freunde einen so ernsten wie selbstbewussten Präsidenten: «Wir müssen die Welt schaffen, die unsere Jugend verdient», formuliert er unbescheiden. Frankreichs neuer Präsident bekennt sich zu Europa, outet sich als Weltbürger. Erst sagt er es bleiern («Wir sind alle interdependent»), dann mit Herz: «Wir sind alle Nachbarn.» Seine erste Amtsrede als Präsident beendet Macron nüchtern: «An die Arbeit.»

Und doch gibt es Momente an diesem Sonntag, da Macrons Gesicht die innere Anspannung widerspiegelt, die an ihm zerrt. Etwa, als er am Morgen ums zehn im Innenhof des Palastes aus dem Auto steigt und über den scheinbar endlos langen roten Teppich schreitet. Langsam, steif und zögerlich setzt er einen Fuss vor den anderen, sein Unterkiefer beisst wieder und wieder auf die Oberlippe. Oben auf der Freitreppe steht Hollande, der Nochamtsinhaber. Er muss grinsen angesichts von Macrons verkrampfter Annäherung an die Macht.

Hollande wirkt locker beim Abschied. «Es ist leichter für mich, die Macht an einen früheren Berater, einen früheren Minister zu übergeben», hat der Sozialist vor ein paar Tagen gestanden. «Man hat so weniger das Gefühl, enteignet zu werden.» Macrons Machtübernahme ist ein Generationswechsel und zugleich die letzte Etappe einer komplizierten Männerbeziehung. «Emmanuel, das ist der Sohn, den alle gerne hätten», hat Hollande einmal gesagt. 2008 begegnen sie sich ein erstes Mal, der 30 Jahre alte Absolvent einer Elite-Uni schickt sich gerade an, Banker und Millionär zu werden. Hollande hat den Elysée-Palast im Visier. Macron, der Musterschüler, macht sich dienstbar.

Zerbrochene Freundschaft

Es ist nicht Hollande selbst, der den talentierten jungen Mann protegiert. Der wahre Pate des heutigen Präsidenten ist Jean-Pierre Jouyet, Hollandes Studienfreund und bis zu diesem Sonntag als Generalsekretär des Elysées der mächtigste Strippenzieher der Republik. Jouyet empfiehlt Macron zum Berater, Hollande akzeptiert. Doch schon 2013 verfinstert sich das Verhältnis zwischen Präsident und Berater. Macron betrauert damals den Tod seiner Grossmutter, einer Person, von der er bis heute mehr schwärmt als von seinen Eltern. Der junge Berater sucht Rat bei seinem Chef – doch Hollande lässt ihn mit ein paar kalten Floskeln abblitzen. «Hollande ist für mich erledigt», soll Macron im April 2013 geschimpft haben.

Der private Bruch gibt Macron die Freiheit, auch politisch auf Distanz zu gehen. Im Frühjahr 2014 wirft er den Job hin – und wird nur 55 Tage später, im August 2014, gegen Hollandes Wunsch Wirtschaftsminister. Es sind Premier Manuel Valls und, wieder einmal, Macrons Gönner Jouyet, die den Jüngling promovieren. Hollande ist zwar fasziniert von seinem jungen Minister. «Macron, das bin ich», schwärmt der Präsident. Aber er traut ihm nicht. Als Macron seine eigene Bewegung En Marche gründet und seine Präsidentschaftskandidatur verkündet, noch ehe der Amtsinhaber auf eine Wiederwahl verzichtet hat, da raunt Hollande: «Macron hat mich verraten, mit Methode.»

Nun, am 14. Mai 2017, belächelt Hollande beinahe gönnerhaft die letzten Schritte der Machteroberung des Emmanuel Macron. Der Nachfolger hat ihm Sonne beschert – ausgerechnet ihm, den die Franzosen als «Rain-Man» verspotten: Bei Hollandes Amtsantritt vor fünf Jahren hatte es wie aus Kübeln geschüttet, der siebte Präsident sah nach der obligatorischen Kranzniederlegung unterm Triumphbogen aus wie ein begossener Pudel. Und wurde, wie später so häufig, verlacht.

Am Sonntag lacht am Ende Emmanuel Macron. Er steht im offenen Wagen und winkt Passanten zu, als er über die Champs-Elysées fährt. Als er kurz darauf im Palast ankommt, begrüsst ihn seine Frau Brigitte. Verblüfft stellt sie fest, dass ihr Mann vom Niesel nass geworden ist. Macron grinst, klopft sich die Tropfen von der Schulter. Er wirkt wie einer, an dem alles abperlt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2017, 22:18 Uhr

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