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Ludmila Hohlowa vs. Wladimir Putin

Steht in Russland eigentlich niemand gegen den Kriegskurs des Präsidenten auf? Es gibt sie, die Rebellen – zum Beispiel die Mütter, die ihre Söhne verloren haben.

«Ich war Patriotin»: Ludmila Hohlowa, Vorsitzende der Soldatenmütter.
«Ich war Patriotin»: Ludmila Hohlowa, Vorsitzende der Soldatenmütter.
AFP

Die prorussischen Rebellen in der Ostukraine haben gestern erstmals offiziell bestätigt, dass russische Einheiten in ihren Reihen kämpfen. Separatistenführer Alexander Sachartschenko erklärte vor der Presse, dass derzeit 3000 bis 4000 russische Soldaten in der Ukraine kämpfen. Was Sachartschenko nicht erwähnte: allein im August starben bei Kämpfen in der Ukraine über hundert russische Soldaten. So die Zahlen des russischen Menschenrechtsrats.

Dieser Umstand sorgt nun dafür, dass Wladimir Putins Rückhalt in Teilen der Bevölkerung zu bröckeln beginnt. Bis anhin unterstützten 83 Prozent der Russen Putins Kurs in der Ukrainekrise. «Man nimmt in Russland vermehrt auch Unsicherheit wahr», so SRF-Russland-Korrespondent Peter Gysling gegenüber «Echo der Zeit». Gefallene oder verwundete russische Soldaten kämen nach Hause. Doch wenn sie beigesetzt oder hospitalisiert würden, vertuschten die Behörden, was mit diesen Soldaten geschehen war. «Das sorgt bei den Angehörigen dieser jungen Opfer für Empörung und Protest.»

Mütter sammeln die Namen der Toten

Besonders die Bürgerinitiativen von Soldatenmüttern sind laut der ukrainischen Wochenzeitung «Kiew Post» vermehrt aktiv geworden. Natalya Zhukowa vom Komitee der Soldatenmütter von Nishny Nowgorod sagte gegenüber der Zeitung, es würden sich viele verunsicherte Angehörige von Soldaten bei ihr melden. Diese befürchteten, ihre Söhne kämpften womöglich in der Ukraine. Zhukova hat versucht, bei den russischen Behörden Informationen über die Einsätze dieser Soldaten zu erhalten. Vergeblich. In anderen Städten nehmen die Komitees der Soldatenmütter das Informieren von Angehörigen in die eigenen Hände. Sie veröffentlichen Listen von gefallenen Soldaten – alleine in Stawropol trug die Initiative 400 Namen zusammen – oder berichten, in welchen Spitälern verwundete Soldaten liegen.

Videobotschaft an Putin

Für Diskussionen sorgt derzeit aber vor allem der Fall von zehn russischen Fallschirmjägern, die seit Anfang Woche vom ukrainischen Sicherheitsdienst SBU festgehalten werden. Der SBU behauptet, die Soldaten hätten sich auf geheimer Mission in der Ukraine befunden; man führte die Gefangenen am Fernsehen vor. Moskau spricht von einem versehentlichen Grenzübertritt. Und die Angehörigen der zehn Fallschirmjäger? Die stehen im Dunkeln.

Also wandten sie sich mit einer Videobotschaft direkt an Wladimir Putin. Darin die Soldatenmutter Olga Garina: «Im Namen von Christus flehe ich Sie an, geben Sie mir mein Kind zurück; bringen Sie ihn lebendig zurück.» Kurz nachdem das Video veröffentlicht wurde, sprach der britische «Telegraph» mit einigen der betroffenen Mütter. Die Wut auf die russische Regierung und die Armee sei gross. Tatyana Arkhipowa gegenüber der Zeitung: «Wir haben über das Internet vom Schicksal unserer Söhne erfahren.» Bei der Armeeführung habe man zunächst alles abgesprochen; nun gebe man sich ratlos darüber, was mit den zehn Soldaten geschehen soll.

Auch Ludmila Hohlowa findet deutliche Worte. Sie sei Patriotin gewesen und habe ihren Präsidenten geliebt. «Wir haben unsere Meinung geändert, wegen dieses Falls. Diese Soldaten haben sich nicht einfach über die Grenze verirrt – die wurden gesandt, um zu kämpfen.»

Erinnerungen an Afghanistan

Es ist nicht das erste Mal in der russischen Geschichte, dass kriegerische Handlungen des Kremls unter der russischen Bevölkerung für Unmut sorgten. Als in den 80ern die ersten Särge von Soldaten aus Afghanistan zurückkamen, wurde die Sowjetführung bald mit dem wachsenden Zorn des Volkes konfrontiert. Ebenso liessen die Toten aus dem Krieg in Tschetschenien die Popularität von Boris Jelzin bröckeln.

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