Letzte Chance für Schulz

Im deutschen Wahlkampf kommt es am Sonntag zum TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Antworten auf fünf Fragen.

61,5 Millionen stimmberechtigte Deutsche haben die Wahl: Wahlplakate von SPD und CDU mit den beiden Kanzlerkandidaten in den Strassen von Berlin. Foto: Getty Images

61,5 Millionen stimmberechtigte Deutsche haben die Wahl: Wahlplakate von SPD und CDU mit den beiden Kanzlerkandidaten in den Strassen von Berlin. Foto: Getty Images

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Vor dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ist die Ausgangslage klar: Die Union bleibt souverän die stärkste Kraft, und die Kanzlerin baut im direkten Vergleich ihren Vorsprung auf den SPD-Herausforderer aus. Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, käme die CDU/CSU laut dem ZDF-«Politbarometer» unverändert auf 39 Prozent und die SPD wie zuletzt auf 22 Prozent. Eine Mehrheit von 57 Prozent möchte Merkel weiterhin als Kanzlerin, für Schulz sind nur 28 Prozent.

Drei Wochen vor der Bundestagswahl bietet nun das TV-Duell dem Merkel-Herausforderer die letzte Chance, seine Position im Wahlrennen wesentlich zu verbessern. 29,5 der 61,5 Millionen Wahlberechtigten wollen sich Umfragen zufolge die von vier Sendern übertragene Fernsehdebatte anschauen. 6,8 Millionen geben an, dass der Ausgang des Duells ihre Wahlentscheidung noch beeinflussen könnte.

Welches Format hat das TV-Duell Schulz vs. Merkel?
Das 90-minütige Streitgespräch wird wie vor vier Jahren von zwei Moderatorenpaaren geführt. Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL) sowie Sandra Maischberger (ARD) und Claus Strunz (ProsiebenSat 1) stellen die Fragen ohne vorgängige inhaltliche Absprachen mit den Kanzlerkandidaten. Die TV-Macher hatten sich ein anderes Sendeformat vorgestellt, das mehr Spontanität und Vertiefung ermöglichen sollte. Unter diesen Bedingungen hätte aber Merkel nicht am TV-Duell teilgenommen. Nikolaus Brender, früherer ZDF-Chefredaktor, äusserte im «Spiegel» Kritik am Format: «Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf.»

Zwei Moderatorenpaare für das Duell Merkel-Schulz: Claus Strunz (ProsiebenSat 1) und Sandra Maischberger (ARD) sowie Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL).

Wie kann der SPD-Herausforderer gegen die Kanzlerin punkten?
Schulz sollte sich vor allem auf innenpolitische Themen konzentrieren, sagt der Politikberater Frank Stauss, der viele SPD-Wahlkampagnen begleitet hat. Schulz habe die höchste Glaubwürdigkeit bei Themen, die die Zukunftsfähigkeit des Landes und den Zusammenhalt betreffen (Stichworte Bildung, Digitalisierung, Dieselgate). «Das interessiert wiederum Merkel nicht, ist aber nahe am Alltag der Wähler.» Aussenpolitik bringe aus Kampagnensicht wenig, betont Stauss. Zudem empfiehlt er Schulz, sich nicht an Merkels verschwurbelten Antworten abzukämpfen. «Schulz sollte im TV-Duell nicht mit ihr reden, sondern seine Botschaften direkt ans Fernsehpublikum richten.»

Inwiefern können TV-Duelle den Ausgang von Bundestagswahlen beeinflussen?
TV-Duelle zwischen Kanzlerkandidaten gibt es in Deutschland erst seit 2002, als Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) aufeinandertrafen. Drei Jahre später duellierte sich Schröder mit der CDU-Herausforderin Merkel. Der amtierende Kanzler gewann das TV-Duell von 2005 haushoch überlegen, dennoch musste die SPD die Macht an die CDU/CSU abgeben. Auch die TV-Duelle von 2009 und 2013 gegen Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Peer Steinbrück (SPD) konnte Merkel nicht für sich entscheiden. Am Ende gewann sie trotzdem die Bundestagswahl. Im TV-Duell am Sonntag hat Schulz die Möglichkeit, sich als kämpferischere und ehrgeizigere Alternative zu Merkel zu präsentieren. Gemäss dem ZDF-«Politbarometer» erwarten 33 Prozent der Deutschen, dass Merkel besser abschneidet; 10 Prozent rechnen mit einem Sieg von Schulz. Von einem Unentschieden gehen 46 Prozent aus.

Und was sagt das ZDF-«Politbarometer» zur möglichen Zusammensetzung der neuen Regierung?
Aufgrund der aktuellen Stimmung im Land sind drei Koalitionen denkbar: Neben einer erneuten Grossen Koalition von Union/SPD gibt es eine deutliche Mehrheit für eine Jamaika-Koalition aus Union, Grünen und FDP. In dieser Momentaufnahme hätte Schwarz-Gelb eine hauchdünne Mehrheit.

Der Schlagabtausch im Fernsehen gilt als einer der Höhepunkte des Wahlkampfs. Welche denkwürdigen Episoden gab es bei den Duellen mit Merkel?
«Sie kennen mich»: Mit diesem Satz aus ihrem Schlussstatement im Duell mit Steinbrück setzte Merkel 2013 die Überschrift über ihren gesamten Wahlkampfstil: Nicht inhaltlicher Streit, sondern Wohlfühlwerbung. «Vertrauen Sie mir», lautete die Botschaft an die Wähler: «Ich mache das schon.» Im Duell gegen Steinbrück sorgte Merkel für Aufsehen mit ihrem schwarz-gold-roten Halsschmuck. Noch während des Duells erhielt das Kanzlerin-Accessoire unter @schlandkette einen Twitter-Account.

Kanzler Gerhard Schröder gegen Herausforderin Angela Merkel im TV-Duell von 2005. Video: Youtube/AP

Im ersten TV-Duell Merkels vor zwölf Jahren lieferte Amtsinhaber Schröder eine denkwürdige Episode. Mit einer Liebeserklärung warf er sich schützend vor seine Frau Doris, die wegen umstrittener Äusserungen in die Kritik geraten war. «Meine Frau sagt, was sie denkt, und sie lebt, was sie sagt», erklärte Schröder. «Das ist nicht zuletzt der Grund, weshalb ich sie liebe.» Die Ehe der Schröders scheiterte zwölf Jahre später. Langweilig verlief 2009 das Duell von Merkel und Steinmeier, die jahrelang gemeinsam am Kabinettstisch sassen. Sie gingen so höflich miteinander um, dass danach von einem grosskoalitionären «Duett» und nicht von einem Duell die Rede war.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AFP. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2017, 16:47 Uhr

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