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«Lasst sie nicht unsere Städte zerstören»

Grossbritannien hat die ersten Randalierer verurteilt. Doch an ein baldiges Ende der Krawalle glaubt zurzeit keiner. Die Bevölkerung ist ob der Lage verzweifelt. Und die Boulevardmedien rufen die Chaoten nun zu Vernunft auf.

Sorgt für Ruhe nach den grossen Ausschreitungen: Polieiauto in Westminster, London. (10. August)
Sorgt für Ruhe nach den grossen Ausschreitungen: Polieiauto in Westminster, London. (10. August)
Keystone
Die Polizei im Dauereinsatz: Ein Passant wird in London kontrolliert. (10. August)
Die Polizei im Dauereinsatz: Ein Passant wird in London kontrolliert. (10. August)
Keystone
Auslöser für die Gewalt war der Tod eines vierfachen Familienvaters: Im Bild ein nach den Protesten ausgebranntes Auto. (5. August 2011)
Auslöser für die Gewalt war der Tod eines vierfachen Familienvaters: Im Bild ein nach den Protesten ausgebranntes Auto. (5. August 2011)
Reuters
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Der «Gegenschlag» gegen die Randalierer sei im Gange, sagt Premierminister David Cameron. Und tatsächlich sind in Grossbritannien heute die ersten Randalierer verurteilt worden. Zwei Männer seien wegen ihrer Beteiligung an den Unruhen in der Nacht auf heute zu zehn und 16 Wochen Haft verurteilt worden, teilte die Polizei von Manchester über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Sie begrüsste das rasche Urteil und kündigte an, dass die Gerichte am Abend extra Sitzungen einlegen würden, um weitere Festgenommene zu verurteilten.

Die Polizei von Manchester, der drittgrössten Stadt Grossbritanniens, hatte seit Beginn der Unruhen eine harte Linie gegenüber den Plünderern verfolgt. Der stellvertretende Polizeichef Garry Shewan warnte, die Polizei habe Aufnahmen von hunderten Straftätern und werde alle Verantwortlichen festnehmen. Die Plünderung zahlreicher Geschäfte und die Strassenschlachten mit der Polizei am Dienstag nannte Shewan Akte «sinnlose Gewalt».

Online-Petition gegen die Gewalt

Eine Online-Petition in Grossbritannien, die fordert, Randalierern die Sozialhilfe zu entziehen, erwies sich unterdessen als so beliebt, dass ihre Webseite zusammenbrach. Bis dahin hatten bereits 78'000 Menschen die Petition unterschrieben. Bei 100'000 Unterschriften sollte sie dem Parlament zur Beratung vorgelegt werden. Ihr Text lautet: «Kein Steuerzahler soll für jene zahlen müssen, die Eigentum zerstört, von der Gemeinde gestohlen und keinen Respekt gegenüber dem Land gezeigt haben, das für sie sorgt.»

Doch die Spirale der Gewalt scheint in Grossbritannien kein Ende zu nehmen. Fassungslos sieht sich das Land einem Klima der Gewalt gegenüber, das nach Ansicht vieler durch das drakonische Sparpaket der Regierung heraufbeschworen wurde.

Die vielen Gesichter der Gewalt

Die Gewalt hat viele Gesichter, oft sind sie mit Ski-Masken oder Schals vermummt. Zahlreiche Fotos in britischen Zeitungen zeigen junge Frauen und Männer, wie sie marodierend durch mehrere Städte des Landes ziehen. Einige tragen Fernseher in der Hand, andere haben sich bei ihrem Plünderzug neue Kleidung zugelegt.

«Lasst sie nicht unsere Städte zerstören», schreibt das Boulevardblatt «The Sun» fast flehend. Von «Anarchie» und «Schande» ist in den britischen Zeitungen die Rede. Die Zeitung «The Times» ruft die Polizei auf, «alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel» zu nutzen, um die Unruhen zu zügeln.

«Wir brauchten einen Gegenschlag und ein Gegenschlag ist im Gange», zeigte sich Premier David Cameron nach der zweiten Sondersitzung seines Krisenstabs binnen zwei Tagen entschlossen. Auch wenn Wasserwerfer bisher noch nicht nötig gewesen seien, machten Notfallpläne ihren Einsatz binnen 24 Stunden möglich, drohte er.

Der Einsatz von Gummigeschossen sei den Beamten bereits erlaubt, ergänzt der Premier, der sich nach abgebrochenen Ferien nun in der Rolle des Krisenmanagers wiederfindet. «David Cameron ist zwar zurück in Grossbritannien. Aber wir brauchen Beweise, dass er auch in der Wirklichkeit wieder angekommen ist», schreibt der «Daily Mirror».

27 Prozent weniger Geld für Kommunen

Die anhaltenden Unruhen sind die grösste Herausforderung von Camerons Amtszeit. Und die Krise ist womöglich auch hausgemacht. Im Kampf gegen das riesige Haushaltsloch hat seine Regierung den Rotstift vor allem bei den Gemeinden angesetzt. Um 27 Prozent schrumpft deren Budget innerhalb von vier Jahren.

In Tottenham, wo die Ausschreitungen am Wochenende ihren Ausgang genommen haben, sei der Haushalt um 41 Millionen Pfund (49,7 Millionen Franken) gekürzt worden, sagt die Labour-Abgeordnete Diane Abbott. Für Jugendarbeit sei kaum mehr Geld da. «Wenn man massiv kürzt, gibt es immer die Möglichkeit, dass eine Revolte dieser Art folgt», sagt der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingston.

Milizen sollen für Ordnung sorgen

An ihrem Sparpaket wollen Camerons Tories im Grundsatz nicht rütteln. Doch ein Posten kommt ganz sicher auf den Prüfstand: Die Kürzungen bei den Sicherheitskräften. Deren Ausgaben sollten in den nächsten Jahren um 20 Prozent heruntergefahren werden. Die Einschnitte scheinen abgewendet: Denn sichtlich überfordert standen die Beamten gerade in den ersten Tagen den Krawallmachern gegenüber.

Vielerorts nehmen die Bürger deshalb ihren Schutz selbst in die Hand. In Enfield im Norden Londons bewachen rund 200 Menschen ihre Strassen. Gleiches in Hackney und in Kentish Town, wo viele Händler nachts vor ihren Läden Wache schieben.

sda/AFP/miw

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