Land ohne Alternativen

Der Brexit wird immer bedrohlicher: Besorgte Briten sprechen von der «grössten existenziellen Krise der Nation» seit Ende des Krieges.

Patriotismus und Pelerine helfen gegen die Brexit-Bedrohung nicht. Foto: Reuters

Patriotismus und Pelerine helfen gegen die Brexit-Bedrohung nicht. Foto: Reuters

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In diesem Sommer beginnt der Brexit auch für Brexit-Wähler erstmals bedrohliche Züge anzunehmen. Schon ist die Rede davon, dass Lebensmittel und Medikamente gehortet werden müssen, dass Militär zum Einsatz kommt, dass auf lebenswichtigen Verkehrsadern bald alles ins Stocken gerät. Dass Autobahnen zu gigantischen Parkplätzen werden. Dass überall die Schranken heruntergehen.

Der süsse Traum unbeschwerten Davonsegelns zu neuen Ufern, mit dem Brexiteers wie Boris Johnson vor zwei Jahren ahnungslose Wähler köderten, hat sich als Schimäre erwiesen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Premierminsterin Theresa May und ihre Minister stehen im Begriff, einen Bruch herbeizuführen, der die gesamten wirtschaftlichen Fundamente Grossbritanniens und die globale Bedeutung des Landes infrage stellt.

Derweil formieren sich neue Kräfte der radikalen Rechten, um den Enttäuschten eine Heimat abseits der zerrütteten Konservativen Partei zu offerieren. Die Tory-Hardliner ihrerseits suchen nach Schuldigen für das Fiasko. Für sie sind abwechselnd Michel Barnier, Emmanuel Macron und Angela Merkel am «ideologischen» Beharren der EU auf EU-Prinzipien schuld.

Das britische Kabinett hat sich auf eine gemeinsame Brexit-Strategie geeinigt. Video: Reuters

Unterdessen suchen Brexit-Gegner das Steuer in letzter Minute herumzureissen. Das Verlangen nach einem neuen Referendum nimmt im selben Masse zu, in dem die Angst vor den Folgen des Austritts wächst. Berufsverbände, Wirtschaftskapitäne und Gewerkschaftsbosse fordern ein neues Volksvotum zum Ende der Austrittsverhandlungen. Umfragen deuten auf einen ersten echten Stimmungswandel seit 2016 hin.

Wo aber steckt, inmitten dieser historischen Turbulenzen, die Opposition, die Labour Party? Die fehlt im Kreis der Brexit-Akteure zurzeit. Denn die Partei der linken Mitte ist mit sich selbst beschäftigt. Sie ist heillos zerstritten über ihre eigene Zukunft, über interne Machtverhältnisse, neuerdings sogar über ihre Position im Kampf gegen Antisemitismus.

Jeremy Corbyn, der linkssozialistische Parteivorsitzende, zieht immer wieder den Kopf ein – zumal ihm von jüdischen Verbänden auch persönlich Vorhaltungen gemacht werden. Am beharrlichsten hat der Labour-Chef sich freilich aus dem Brexit-Streit herausgehalten: obwohl der täglich alles dominiert. Sogar angesichts der bitteren Konsequenzen, die sich nun ankündigen, ist Corbyn nicht imstande, über den Schatten der eigenen Insularität zu springen und im Kontrast zu May für weitere feste Brücken nach Europa oder sogar für eine Erneuerung des Bundes mit den Nachbarn auf dem Kontinent zu plädieren.

Jungsozialisten drängen auf Verbleib im Binnenmarkt

Corbyn schweigt einfach. Er hat von der EU nie etwas wissen wollen. Seinem Konzept eines «roten Britannien» wäre europäische Verflechtung nur hinderlich. Wie die Tory-Rechte an ihren imperialen Träumen hängt Corbyn an der alten Labour-Idee eines sozialistischen Alleingangs auf der Insel. Dabei ist die Partei selbst längst abgerückt von solchen Vorstellungen. Sogar die Phalanx der Jungsozialisten, die Corbyn vor drei Jahren ins Amt hob, drängt auf Verbleib im Binnenmarkt. Oder auf ein neues EU-Referendum, gegebenenfalls nach Neuwahlen (mit einem Corbyn-Sieg).

Vorläufig aber wirkt Labour wie gelähmt. Und die Tories liegen sich in den Haaren. May schlingert Richtung Exit. Wer in diesem Sommer eine Alternative sucht, sucht sie vergebens. Die Konstellation auf der Insel könnte unglücklicher nicht sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 20:27 Uhr

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