Kosovo knickt vor Erdogan ein

Die Ausweisung von Gülen-Anhängern in die Türkei löst in Kosovo ein politisches Erdbeben aus. Der Premier wusste offenbar von nichts.

Schüler des Mehmet-Akif-College in Pristina fordern die Freilassung ihrer Lehrer. Diese sind aber bereits in die Türkei abgeschoben worden. (Bild: AFP/Armend Nimani)

Schüler des Mehmet-Akif-College in Pristina fordern die Freilassung ihrer Lehrer. Diese sind aber bereits in die Türkei abgeschoben worden. (Bild: AFP/Armend Nimani)

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Es war eine spektakuläre Aktion wie in einem Mafiafilm. Die kosovarischen Behörden haben sechs mutmassliche Anhänger der sogenannten Gülen-Bewegung verhaftet und türkischen Agenten übergeben. Die Männer wurden am vergangenen Donnerstag binnen Stunden mit einem Flugzeug in die Türkei gebracht. Die Maschine der Baufirma Birlesik Insaat war vermutlich vom türkischen Geheimdienst MIT gechartet worden.

Bei den abgeschobenen Türken handelt es sich um fünf Lehrer und einen Mediziner. Die Lehrer arbeiteten an mehreren Gülen-Schulen in Kosovo, die zu den besten Bildungsinstitutionen des Landes zählen. Laut regierungstreuen Medien in der Türkei wurde die Aktion in Zusammenarbeit mit dem kosovarischen Geheimdienst AKI organisiert. Vor der Ausschaffung hatten die Sicherheitsbehörden in Kosovo die gültigen Aufenthaltspapiere der türkischen Staatsbürger annulliert.

Premier: Wusste von nichts

Die Öffentlichkeit in Kosovo reagierte entsetzt auf die Festnahme. Mehrere Publizisten sprachen sogar von einer Entführung. Offenbar wurde die Auslieferung von Staatschef Hashim Thaci, Innenminister Flamur Sefaj und Geheimdienstchef Driton Gashi angeordnet. Kosovos Premier Ramush Haradinaj sagte, die Auslieferung sei ohne sein Wissen erfolgt. Darum habe er den Innenminister und den Geheimdienstchef entlassen. «Sie haben mein Vertrauen verloren», so Haradinaj.

Nach den heftigen Protesten ergriff auch Thaci die Flucht nach vorne. Er habe erst nach der Auslieferung davon erfahren, sagte das Staatsoberhaupt. In den kosovarischen Medien wurde er danach als Lügner bezeichnet. In einer Pressekonferenz am Samstag rechtfertigte Thaci die illegale Auslieferung. Die Gülen-Anhänger seien in gesetzeswidrige Aktivitäten verwickelt gewesen und hätten die nationale Sicherheit Kosovos gefährdet.

Erdogan kritisiert Haradinaj heftig

Die Verbindungen Thacis zum Erdogan-Regime sind eng. Der Flughafen der Hauptstadt Pristina wird von einer türkischen Firma betrieben, die von Erdogans Partei AKP kontrolliert wird. Auch das kosovarische Stromnetz wurde an die gleiche Firma verkauft. Die Deals hatte Thaci eingefädelt. Nach der Festnahme telefonierte Erdogan mit Thaci.

Am Samstag attackierte der türkische Autokrat den kosovarischen Premier Haradinaj heftig, weil dieser die Auslieferung der Gülenisten ohne ein ordentliches Verfahren kritisiert hatte. In einer Rede vor seinen Anhängern in Istanbul brüllte Erdogan ins Mikrofon: «Ich bin traurig. Warum bin ich traurig? Der Ministerpräsident Kosovos hat den Chef des Geheimdienstes und den Innenminister entlassen. Jetzt frage ich ihn: Hey, Kosovo-Regierungschef, mit wessen Anweisungen haben Sie diese Entscheidung getroffen?» Der türkische Präsident sagte, Haradinaj werde dafür bezahlen.

Entführungsversuch in der Schweiz

Seit dem missglückten Putsch in der Türkei im Juli 2016 hat Erdogan der Gülen-Bewegung den Krieg erklärt und mehrere Staaten aufgefordert, die Unterstützer seines ehemaligen Freundes Fethullah Gülen auszuliefern. In der Schweiz haben türkische Agenten gemäss Recherchen des «Tages Anzeigers» erfolglos versucht, einen türkisch-schweizerischen Geschäftsmann zu entführen. Er soll der Gülen-Sekte nahestehen.

Seit dem Putschversuch hat Ankara in Deutschland 115 Anträge auf Auslieferung türkischer Staatsbürger gestellt. Den meisten wird Terrorismus vorgeworfen. Doch Berlin hat bisher keinem mit Terrorverdacht begründeten Auslieferungsantrag zugestimmt. Auch die griechische Justiz hat sich einer Abschiebung von acht türkischen Armeeangehörigen widersetzt. Die Männer waren nach dem Putschversuch mit einem Helikopter ins Nachbarland geflüchtet. Bulgarien ist bislang das einzige EU-Land, dass Gülen-Anhänger an die Türkei ausgeliefert hat.

Erdogans Einfluss wird grösser

Die Türkei wirft etwa 38'000 Gülen-Anhängern vor, sie hätten 2016 den Umsturz geplant. Die mehrheitlich von Muslimen bewohnten Staaten Kosovo, Albanien und Bosnien haben bisher die Festnahme von mutmasslichen Gülenisten abgelehnt. Die Überstellung der sechs türkischen Staatsbürger aus Kosovo in ihre Heimat zeigt, dass Erdogans Einfluss in der Region immer grösser wird. Anfang Februar intervenierte die kosovarische Polizei gegen linke Aktivisten in Pristina, die eine «Nacht der kurdischen Musik» organisiert hatten.

Die Gülen-Bewegung betreibt auf dem Balkan mehrere Bildungsinstitutionen. In Kosovo wurde die Sekte kurz nach dem Kosovokrieg im Jahr 2000 tätig. Viele Kinder der politischen Elite haben etwa das Mehmet-Akif-College in Pristina besucht, unter ihnen auch der Sohn des kosovarischen Präsidenten. Der albanischstämmige osmanische Dichter Mehmet Akif Ersoy hat die Nationalhymne der Türkei verfasst.

In der Türkei droht Folter

Gemäss Angaben der amtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu ermittelt die Istanbuler Staatsanwaltschaft gegen die aus Kosovo abgeschobenen Türken, weil sie die Aktionen der Gülen-Bewegung auf dem Balkan koordiniert und deren Mitglieder nach Europa und in die USA geschleust haben sollen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte den Vorfall stark. Den Männern würden in der Türkei Folter und Missbrauch drohen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2018, 16:47 Uhr

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