Kleine Brötchen, grosse Wirkung

FDP-Chef Christian Lindner entblösst sich als instinktlos.

Eine seiner Reden sorgt nun für Furore: FDP-Chef Christian Lindner. Bild: Keystone/DPA/Michael Kappeler

Eine seiner Reden sorgt nun für Furore: FDP-Chef Christian Lindner. Bild: Keystone/DPA/Michael Kappeler

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Nein, dass ihm diese Rede nachher so um die Ohren fliegen würde, das war nicht zu erwarten. Der deutsche FDP-Chef Christian Lindner sprach am Samstag auf dem Parteitag in Berlin von amerikanischem Unilateralismus, transatlantischer Verstimmung, russischer Einmischungslust und von der Schockstarre, die Europa befallen habe. Es war eine gute Rede, es war eine lange Rede. Und sie wäre einen Tag später im schwarzen Gedächtnisloch aller Parteitagsreden versickert – hätte Lindner nicht auch noch spontan ein paar folgenreiche Sätze über einen Bäckereibesuch eingestreut. Nun gilt er als Alltagsrassist, der «dunkelbraune Brötchen» backe und leichtfertig den Rechtsaussenpopulisten das Wort rede. Und das nicht nur im allzeit ach so erregungsfreudigen Internet (das ungleich härter urteilte), sondern auch in den Kommentaren der seriöseren Presse.

«Kein Zweifel an der Rechtschaffenheit»

Um zu beurteilen, ob und wie berechtigt die vielfältige Empörung ist, lohnt es sich, die Passage in Ruhe zu lesen:

«Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hochqualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. (...) Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und nur gebrochen Deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik.»

Mit ziemlich viel Sympathie für Lindner kann man diese paar Sekunden in seiner anderthalbstündigen Rede als banales, wenn auch reichlich umständlich formuliertes Bekenntnis zum Rechtsstaat auffassen. Mit etwas weniger Wohlwollen für den dunkelblonden, blauäugigen Schnellredner Lindner fragt man, und zwar zu Recht: Bedient er sich leichtfertig der Ressentiments gegenüber Leuten, die vermeintlich nicht so deutsch aussehen und sprechen wie er? Bedient er das Klischee des rechtschaffenen Bundesbürgers, einfach um sich anzubiedern?

Seine Reaktion war dann keine Bitte um Entschuldigung, sondern ein Erklärungsversuch, der nichts erklärt. Das zeigt immerhin eines: Die Bäckerei-Anekdote sollte keine Provokation sein. Keine jener planmässigen Ausfälligkeiten, mit denen Berufsaufwiegler den Furor der Netzgemeinde bedienen – um sich nachher mit einem «wird man wohl noch sagen dürfen» als Opfer des hyperkorrekten Gutmenschentums hinzustellen.

Mangelndes Urteilsvermögen

Nein, Berechnung scheint nicht im Spiel zu sein. Und dass Lindner Rassist sei, stellen sogar seine schärfsten politischen Gegner in Abrede. Aber Lindner fehlt es an Urteilsvermögen. Er scheint vor allem eines nicht begriffen zu haben: Die Deutungshoheit über die eigenen Aussagen liegt nicht beim Urheber kluger Parteitagsreden, sondern im politischen Echoraum. Und damit heute bei den digitalen und sozialen Medien.

Für diese Einsicht ist Lindner eigenartig taub. Merkwürdig für einen, der die Digitalisierung gebetsmühlenhaft zur Chance erklärt. Fataler als der Rassismusvorwurf dürfte für Lindner als liberalen Fackelträger ohnehin etwas anderes sein: Gedankenlos stellt er sich mit seiner Aussage in den Dienst einer eigentlichen Sicherheitsdiktatur. Niemand, weder in Deutschland noch in der Schweiz, kann sich sicher sein, dass alle, die ihm beim Bäcker oder sonst wo begegnen, von erlesener Rechtschaffenheit sind. Sozialhilfebetrüger, illegale Einwanderer, Steuerhinterzieher und andere Straftäter haben blaue Augen oder schwarze, dunkle Haut oder helle, sprechen gewählt oder gebrochen. Manche sitzen im Gefängnis oder in Ausschaffungshaft, manche sind in Freiheit, und zwar bis zur Überführung und zum Nachweis ihrer Schuld. Ein Staat, der kein Polizeistaat sein will, kann Sicherheit nicht absolut, immer und überall garantieren.

Klar, die Botschaft, dies auszuhalten, ist in diesen Zeiten schwierig zu vermitteln. Aber sie ist, gerade in diesen Zeiten, vielleicht die wichtigste.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 19:23 Uhr

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