Kämpfen, lächeln, Nüsse knacken

Der deutsche Kanzlerkandidat Martin Schulz macht einfach immer weiter. Dabei ist die Wahl für die SPD doch fast schon gelaufen. Oder?

Martin Schulz bedankt sich während einer Wahlveranstaltung in Landsberg bei einem Polizeibeamten. Foto: Photothek, Getty Images

Martin Schulz bedankt sich während einer Wahlveranstaltung in Landsberg bei einem Polizeibeamten. Foto: Photothek, Getty Images

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Eigentlich ist der Versuchsaufbau unschlagbar simpel. Martin Schulz steht in einer Halle in Chemnitz, in der über die Fabrik der Zukunft geforscht wird. Er hat sich vor einem Roboter postiert und hält ein schwarzes Kunststoffbauteil hoch, in etwa so gross wie ein Schuh­karton. Der Roboter, ein Greifarm, der Schulz deutlich überragt, soll sich das Bauteil nun packen. Mensch und Maschine im Zusammenspiel, der Kandidat in der modernen Arbeitswelt, es könnten ein paar gute Bilder werden. Der Greifarm fährt auf Schulz’ Hand mit dem Bauteil zu, er stoppt. Doch er packt nicht zu. Es funktioniert nicht.

Das liegt zwar nicht an Schulz, sondern daran, dass sich die Fotografen zu nah am Roboter postiert haben. Und trotzdem – was liessen sich daraus für Kalauer zimmern: Nicht mal mehr ein Roboter nimmt ein Stück Brot von Schulz. Oder: Selbst die Maschinen gehen auf Distanz. Würde doch passen zum Wahlkampf der SPD, in dem schiefgeht, was schiefgehen kann. Oder?

Als Martin Schulz Anfang Woche in der Chemnitzer Fabrikhalle steht, ist er mal wieder auf Sommerreise, diesmal im Osten Deutschlands. Vor dem SPD-Kanzlerkandidaten liegen noch sechseinhalb Wochen Wahlkampf, hinter ihm liegen Wochen, in denen seine Umfragewerte sanken, sein wichtigster Wahlkampfmanager krankheitsbedingt ausfiel, seine Partei zum Auftakt der heissen Phase eine Serie komplett belangloser Plakate vorstellte und die rot-grüne Mehrheit in Niedersachsen kippte. Niemand könnte es Schulz verübeln, wenn er Zeichen von Resignation erkennen liesse. Lässt er aber nicht. Je länger man ihn an diesem Tag begleitet, desto deutlicher wird: Da kämpft einer. Und wie.

Wenig hilfreicher Gabriel

Erster Termin des Tages, Schulz besucht in Halsbrücke eine Einrichtung, in der junge Leute handwerklich ausgebildet werden. Gleich zum Auftakt überreicht ihm der Leiter der Einrichtung einen Nussknacker samt Walnuss. Auch hier ist die Symbolik eigentlich fatal: «Ich gehe davon aus, dass Sie in den nächsten Wochen die eine oder andere Nuss zu knacken haben», sagt der Leiter. Aber was soll Schulz schon machen. Er drückt zu, die Nuss kracht auseinander. Schulz: «Am 24. September ist die Nuss geknackt.» Danach geht er durch die Hallen, stellt sich an eine Werkbank, feilt an einem Stück Metall herum. Und sagt: «Ich feile an meiner Zukunft.» Die Lacher hat er schon mal auf seiner Seite.

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Von Adenauer bis Merkel: Eine nostalgische Videobetrachtung der deutschen Regierungschefs. Video: Lea Koch, TA

Das ist die erste Erkenntnis des Tages: Schulz hat seine gute Laune nicht verloren. Natürlich hat er seine emotionalen Ausschläge. Er kann sich fürchterlich ärgern und auch mal verzweifeln, an der Situation, den Medien und der Unerschütterlichkeit, mit der die Kanzlerin bislang seine Attacken aussitzt. Aber öffentlich geht er mit der Unbekümmertheit eines Mannes zu Werk, der wider jede Wahrscheinlichkeit glaubt: Da geht noch was. Schulz spricht in seinem Wahlkampf viel von Respekt. Er ist gerade dabei, ihn sich selbst zu verdienen.

Denn eigentlich befindet er sich in der gleichen Situation wie 2009 und 2013 die Merkel-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier beziehungsweise Peer Steinbrück. Beide Male war das Rennen eigentlich gelaufen, als die Bürger aus den Sommerferien wiederkamen.

Nicht sehr hilfreiche Genossen

Dazu kommt, dass seine Genossen nicht sehr hilfreich sind – zum Beispiel Sigmar Gabriel. Der ist zwar nicht mehr Parteichef, sondern nur noch Aussenminister, gab aber in der vergangenen Woche ein Interview, aus dem die Meldung wurde, Gabriel schliesse eine Grosse Koa­lition schon mal aus. Das war es dann mit Schulz’ Versuch, sich bloss nicht in Koalitionsdebatten verwickeln zu lassen. Und auch am Nachmittag in Jena-Lobeda hätte Schulz allen Grund, aus der Rolle zu fallen.

Dort besucht er ein Mehrgenerationenhaus, es läuft eigentlich ganz ordentlich. Er sitzt im Hof an einer Kaffeetafel, um ihn herum Senioren, mit denen er über den Dieselskandal redet. «Es ist betrogen worden», sagt Schulz. «Im Volksmund würde man das tricksen nennen.» Währenddessen kommt einen Tisch weiter Unruhe auf.

Dort sitzen ein paar ältere Damen und sind sauer, weil sie erstens auch gern mit dem Kandidaten reden würden und zweitens die Hausleitung einen seltsamen Zettel hat verteilen lassen. Auf dem steht, bei Schulz’ Besuch solle es «vor allem um die Themen des Zusammenlebens der Generationen, Familie, Pflege und Alter/Rente» gehen. «Wir bitten Sie darum, ‹Flüchtlinge/Migration› nicht zu thematisieren, da bei diesem Besuch die anderen genannten Themen im Fokus stehen sollen.»

Als sich das auf dem Hof herumspricht, entsteht etwas Aufregung, bis der örtliche Chef der Arbeiterwohlfahrt die Sache sinngemäss so erklärt: Da für den Besuch nicht viel Zeit eingeplant gewesen sei und Schulz gern über generationenübergreifendes Wohnen reden wollte, habe man, dem Wunsch der SPD gemäss, lediglich sicherstellen wollen, dass es tatsächlich um dieses Thema gehe und das Gespräch nicht ausfasere. Doch so richtig bekommt er die Sache nicht mehr eingefangen. Das versucht stattdessen Schulz. Er setzt sich kurz zu den Seniorinnen, von denen mindestens eine schwer beleidigt ist. «Meine Damen, es tut mir leid, ich hätte Ihnen keinen solchen Zettel gegeben», sagt er. «Ich hätte mich auch zu Ihnen gesetzt. Ich hätte sogar was von Ihrem Streuselkuchen gegessen.» Kleine Charmeoffensive. Dann muss er leider weiter.

Woher er die Energie nimmt? Erfahrene Wahlkampfberater kennen das Phänomen des «Tunnels», in dem Kandidaten irgendwann trotz aussichtsloser Lage glauben, der Sieg sei machbar. Aber das ist nicht alles. Stattdessen richten sich die Hoffnungen der Genossen auf ein konkretes Datum: den 3. September. Dann treffen Schulz und die Kanzlerin im Fernsehduell aufeinander. Dann, so hört man es in der SPD, müsse sich Merkel der direkten Auseinandersetzung stellen. Drei Wochen vor der Wahl – also vielleicht ja noch früh genug, um etwas bewegen zu können. Andererseits: Wenn das Duell für Schulz schiefgeht, könnten alle Dämme brechen. Denn worauf sollte er dann noch hoffen?

Landsberg, letzter öffentlicher Termin des Tages, Schulz besucht den Kleingartenverein Am Pfarrberg. Es gibt Bier und Gegrilltes, die Menschen sitzen an Biertischen, der Kandidat lässt kurz in seine Seele blicken: Die Kanzlerin, sagt Schulz, fliege «mit der Air Force One über die Republik» – und über sich lese er: «Der Typ tingelt über die Dörfer zum Grillfest vom Kleingartenverein.» Schulz sagt: «Wenn ich die Umfragen lese, dann sage ich auch: scheisse.» Aber Umfragen seien eben keine Wahlergebnisse. Dann hebt er wieder an: «Wenn ich Bundeskanzler werde . . .»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2017, 20:38 Uhr

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