Italiens neue Innenministerin ist nicht lax, aber leise und nüchtern

Innenministerin Luciana Lamorgese ist der Gegenentwurf zu Vorgänger Matteo Salvini. Doch er kann sie schlecht kritisieren.

Die italienische Innenministerin Luciana Lamorgese. Foto: Imago

Die italienische Innenministerin Luciana Lamorgese. Foto: Imago

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Luciana Lamorgese twittert nicht – und das ist schon mal ein Segen. Auf Facebook ist sie auch nicht. Es wird also keine Liveschaltungen mehr geben vom Dach des italienischen Innenministeriums mit Monologen und verzerrtem Gesicht, wie man sie von Matteo Salvini gewohnt war.

In ihrer Aussenwirkung ist Italiens neue Innenministerin, 66 Jahre alt, aus Potenza in der süditalienischen Region Basilicata, ein perfekter Gegenentwurf zu ihrem Vorgänger: nüchtern beamtenhaft, nie ein Wort zu viel. Und das war ihren Förderern fast genauso wichtig wie ihre Positionen zu jener Frage, die über Erfolg und Misserfolg ihrer ­Mission entscheiden wird – die Migration.

Luciana Lamorgese ist die einzige parteilose Ministerin im Kabinett von Conte II, der neuen Regierung von Premier Giuseppe Conte, und auch das war ein bewusster Entscheid. Das Innere mit seinen sensiblen Themen Sicherheit und Immigration war von Salvini während 14 Monaten überemotionalisiert, dramatisiert und politisiert worden: Das Ministerium diente ihm als Konsensmaschine. Er war zwar nicht oft im Büro, seine Auftritte in Polizeikleidern sollten aber si­gnalisieren, dass er ganz allein das Land schütze. Er liess Häfen für Rettungsschiffe schliessen und schimpfte deren Crews «Vizeschlepper». Kapitänin Carola­ ­Rackete von der Sea Watch 3 nannte er «Göre», «Kriminelle», «Piratin», «Zecke» – nun ist in Mailand ein Ermittlungsverfahren wegen Verleumdung gegen Salvini eingeleitet worden.

Als sie im vergangenen Herbst in den Ruhestand trat, hielt Salvini die Abschiedsrede.

Dank Lamorgese, einer Karrierebeamtin, soll der Umgang Italiens mit den Migranten und den NGOs normalisiert und möglichst entpolitisiert werden. Seit vier Jahrzehnten steht sie schon im Dienst des Innenministeriums, davon einige Jahre lang als Kabinettschefin zweier Minister, sie kennt den Apparat. Ab 2003 war sie Präfektin. So, «prefetto», nennt man in der italie­nischen Verwaltungsordnung Leitungspersönlichkeiten und Emissäre des Innenministers in den Provinzen. Lamorgese leitete die Präfektur von Venedig und zuletzt jene Mailands.

Als sie im vergangenen Herbst in den Ruhestand trat, in einer Zeremonie mit Würdenträgern aus allen Parteien, hielt Salvini die Abschiedsrede. Er lobte ihre Arbeit in den höchsten Tönen, öffentlich. Es fällt ihm deshalb jetzt schwer, sie zu kritisieren, wie es die rechten Zeitungen tun. «Freundin der Migranten» nennen sie Lamorgese. Gemeint ist das als Beschimpfung. Dabei gilt sie keineswegs als lax. Den Mailänder Hauptbahnhof, die Stazione Centrale, liess sie mit aller Konsequenz räumen, als sich dort Einwanderer eingerichtet hatten. Doch gleichzeitig schaffte sie es, dass zuvor renitente Bürgermeister der Lega Migranten in ihren Gemeinden aufnahmen – nach ihren Regeln und ihrem Verteilungsschlüssel, dem «Protocollo migranti».

Salvini erschient nicht zur Schlüsselübergabe

Überträgt man die Methode auf ihre neue Funktion, würde das bedeuten, dass Lamorgese bald in Brüssel bei den Partnerstaaten der EU um eine gerechtere Verteilung der Ankömmlinge wirbt und kämpft, vielleicht auch für eine Reform des Dubliner Asylabkommens. Je schneller, desto besser. Ein Dilemma erwächst ihr nämlich umgehend an den Südgrenzen: Öffnet sie die Häfen in Lampedusa und Sizilien wieder, bevor Europa sich solidarischer zeigt mit den exponierten Ländern, wird Salvini die Ankunft von jedem Schiff genüsslich ausschlachten, mit Liveschaltungen und Tweets.

Zur traditionellen Schlüsselübergabe im Ministerium kam er nicht. Salvini ist gerade in den Ferien im Trentino, wie er über die sozialen Medien alle wissen lässt, auf Pilzsuche. Nötig war die Einführung ohnehin nicht, Lamorgese kennt das Innenministerium besser als ihr Vorgänger.

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