Im Schatten des Brüllers

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte gilt als Strohmann der Populisten. Vielleicht strampelt er sich gerade frei, auch mit heimlichen Treffen und Telefonaten.

Sein Gestus ist der eines Technokraten: Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte hat nichts von einem Populisten. Foto: Angelo Carconi (EPA, Keystone)

Sein Gestus ist der eines Technokraten: Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte hat nichts von einem Populisten. Foto: Angelo Carconi (EPA, Keystone)

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Ein Mann wie ein wandelndes Enigma. Irgendwann werden sich die Italiener wohl mit Verwunderung an diese Zeit zurückerinnern, da man ihnen einen Ministerpräsidenten präsentierte, von dem sie davor nie etwas gehört hatten. Einen gewissen Giuseppe Conte, 53 Jahre, aus Volturara Appula im süditalienischen Apulien, Professor für Zivilrecht an der Universität von Florenz.

Nicht einmal der Staatspräsident hatte je von ihm gehört, bevor er ihn zu sich rief. Er erteilte Conte den Regierungsauftrag, ohne zu wissen, wie der denkt, etwa über Europa, den Euro, die Migration, die Bürgerrechte, die grossen Fragen. Wo hat es das schon einmal gegeben?

Man sagte sich, dass es vielleicht gar nicht so wichtig sein würde, wie der Mann mit der pomadigen Haarsträhne und den eleganten Anzügen tickt. Er wurde ja von seinen zwei Vizes bestimmt, von Luigi Di Maio von den Cinque Stelle und von Matteo Salvini von der Lega, den Wahlsiegern vom 4. März. Die beiden hatten einander gegenseitig verhindert für den Topposten.

Auch das passt ganz gut in diese verrückte Geschichte. Unterstellt, vorgesetzt – alles eine optische Täuschung. Di Maio und Salvini hatten auch den Vertrag formuliert, der ihre Koalition tragen soll. Der gute Conte? Er kam erst nachher dazu.

In der Geschichte der Republik kam es zwar auch schon vor, dass nicht der Wahlsieger den Premierminister stellte. Giovanni Spadolini etwa schaffte es 1981 an die Macht, obschon sein Partito Repubblicano bei den Parlamentswahlen nur gerade drei Prozent der Stimmen gewonnen hatte. Die aber brauchte das damalige Bündnis für eine Mehrheit im Parlament. Eineinhalb Jahre lang hielt sich Spadolini, das war damals gar nicht wenig. Conte dagegen kam aus dem Nichts, hatte noch nie zuvor an Wahlen teilgenommen. Er wurde einfach dahin gesetzt von seinen Mentoren.

«Darf ich das sagen?»

Selbst Zeitungen, die dem einen oder anderen Lager der populistischen Koalition nahestehen, nannten Conte nach der Berufung einen «Exekutor», einen Ausführer des Willens seiner Stellvertreter. Einen «Notar», der den Vertrag pro forma firmiert, als Assistent. Die weniger freundlich gesinnten Blätter nannten ihn «Puppe», «Marionette», «Lautsprecher», «Mr. Nobody», «Gespenst». Bei einem Auftritt in der Abgeordnetenkammer zoomten die Fernsehkameras das Rednerpult ausgerechnet in dem Moment ganz nahe heran, als sich Conte einmal zu Di Maio bückt, der rechts neben ihm sitzt, und ihn fragt: «Darf ich das sagen?» Di Maio, ganz trocken: «No!»

Ein Monat ist nun verstrichen, und die Italiener wissen noch immer nicht, wie Conte denkt. Doch es ist etwas Erstaunliches passiert: Seine Popularitätswerte sind regelrecht in den Himmel geschossen – von 0 auf 60 Prozent. Die Italiener mögen Conte. Warum, das ist nicht so klar. Die Exegeten solcher Umfragen sagen, seine politische Unerfahrenheit sei sein grösster Trumpf, man halte ihn deshalb für sauber und unverbraucht. Das ist schon viel. Man hört Conte selten reden, was ihn wohltuend abhebt von den Vielrednern seines Kabinetts. Ausserdem gefällt den Leuten, wie er im Ausland auftritt: etwas dandyhaft, immer elegant. In seiner langen akademischen Karriere kam er viel herum, er spricht mehrere Sprachen.

Kaum war er im Amt, fuhr Conte zum G-7-Gipfel nach Kanada. So etwas wie die Weltbühne der Macht, gleich zum Einstieg. Vor seinen berühmten Kollegen soll er ständig wiederholt haben, er sei nun mal an den Koalitionsvertrag gebunden, viel Autonomie bleibe da nicht. Als wollte er sich entschuldigen. Donald Trump klopfte ihm gönnerhaft auf die Schultern.

Nur ein einziges Mal schritt Conte bisher ein.

Salvini ist neben Vizepremier auch Innenminister, das war immer schon sein Lieblingsposten gewesen: Als Innenminister kann man den Sheriff geben und schnell und billig Stimmung machen. Er bläst alle weg mit seinem ständigen Poltern und Posten, allen voran Conte. Er ist schneller, härter, geschickter als seine Alliierten, er ist der eigentliche Chef dieser Regierung. Die Fünf Sterne ducken sich, als fürchteten sie ihn. Nur ein einziges Mal schritt Conte bisher ein. Als Salvini sagte, er wolle die Roma und Sinti zählen lassen, sagte der Premier zu Journalisten: «Basta jetzt! Das geht zu weit.» Es hörte sich so an, als wollte er sagen: Ich lass ihm sonst schon alles durch. Tags darauf richtete Salvini aus, die Sache mit den Roma ziehe er durch.

Conte hat nichts von einem Populisten, sein Gestus ist der eines Technokraten. Sein Beziehungsnetz reicht von der katholischen Kirchenhierarchie bis zum Arbeitgeberverband Confindustria. Establishment pur. Fussball spielt er im Circolo Canottieri, dem blasierten Ruderclub am Tiber, dort trifft sich die römische Prominenz zum 5 gegen 5. In seiner Garage steht ein alter Jaguar, den er mal für wenig Geld gekauft hat. Conte fuhr ihn früher gerne aus. Das würde sich jetzt nicht mehr so gut machen.

Zur Politik kam Conte zufällig. Angefragt wurde er von seinem ehemaligen Studenten, Alfonso Bonafede, der heute Justizminister ist. Als ihm Bonafede vor vier Jahren anbot, auf Empfehlung der Cinque Stelle in einem Aufsichtsgremium Einsitz zu nehmen, sagte Conte: «Ich habe euch nie gewählt, mein Herz schlug immer links.» Er nahm die Offerte dann trotzdem an. Conte wäre es wohl lieber gewesen, wenn die Fünf Sterne sich mit den Sozialdemokraten zusammengetan hätten statt mit der rechten Lega, da hätte er als Kompromisspremier wahrscheinlich besser gepasst. Mit Salvini sind die Probleme programmiert.

Emmanuel Macron, Frankreichs Präsident, verstand die spezielle Dynamik als Erster und versuchte in den vergangenen Wochen immer wieder, einen Keil zwischen die beiden zu treiben, um Salvini zu neutralisieren. Er lud Conte schon nach Paris ein, umgarnte ihn. Es gab Buttercroissants im Elysée.

Eine Einheit mit Salvini

Am letzten Sonntag, beim Migrationsgipfel in Brüssel, sass Macron neben Conte und sagte: «Es gibt Populisten, die ins Feuer blasen, Innenminister, die Agendasetting betreiben.» Gemeint war Salvini. Conte liess sich nicht versuchen und erwiderte: «Salvini und ich sind eine Einheit, wir haben dasselbe Ziel.» Das musste er wohl sagen. Den mitgereisten Reportern aus Italien erzählte Conte aber, Italien sei isoliert.

Am Dienstag dann, als Macron für eine Audienz beim Papst nach Rom kam, traf man sich geheim, in einem Hotel im Zentrum, und redete über Migration, auch über die Odyssee der Lifeline. Es gibt unscharfe Fotos von dem Treffen. Nimmt sich Conte da erste Freiheiten? Weicht er die Härte der Regierung auf? Emanzipiert er sich sogar? Vor allem aber: Wie lange schaut Salvini dem Treiben seines vorgesetzten Unterstellten zu?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2018, 22:18 Uhr

Lifeline

Rettungsschiff legt in Malta an

Nach fast einer Woche Blockade auf dem Mittelmeer hat das Rettungsschiff Lifeline der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation mit rund 230 Flüchtlingen an Bord gestern Abend in einem Hafen von Malta angelegt. Das Schiff wurde beschlagnahmt, der Besatzung drohen Konsequenzen. Das Schiff hatte die Migranten letzten Donnerstag vor Libyen gerettet und wartete seitdem auf hoher See auf eine Erlaubnis, in einen sicheren Hafen einfahren zu dürfen.

Malta hatte vor der Genehmigung zum Anlegen sicherstellen wollen, dass die Migranten auf EU-Länder verteilt werden. Mit Italien, Frankreich, Irland, Luxemburg, Malta, Belgien, Portugal und den Niederlanden erklärten sich acht EU-Länder bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Deutschland ist nicht dabei, aber mehrere Bundesländer boten Hilfe an. (SDA/DPA/AFP)

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