«Ich liebe Russland, ich hasse Putin»

Die Frontfrau von Pussy Riot, Nadeschda Tolokonnikowa, äussert sich in einem Interview zum Alltag im Gefängnis, zu ihrer politischen Botschaft und zum Leben, welches sie sich für ihre vierjährige Tochter wünscht.

«Das System Putin hat ein Urteil über sich selbst gesprochen»: Nadeschda Tolokonnikowa am letzten Prozesstag. (8. August 2012)

«Das System Putin hat ein Urteil über sich selbst gesprochen»: Nadeschda Tolokonnikowa am letzten Prozesstag. (8. August 2012)

(Bild: AFP)

Die Allmacht des russischen Präsidenten Wladimir Putin sei ein Trugbild, eine Revolution in Russland unausweichlich: Dies sagt Nadeschda Tolokonnikowa, Aktivistin und Wortführerin der verurteilten russischen Punkband Pussy Riot, im Interview mit dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Das System Putin tauge nicht für das 21. Jahrhundert, sondern erinnere vielmehr an Stammesgesellschaften und diktatorische Regime der Vergangenheit.

Pussy Riot sei es niemals darum gegangen, gegen die Religion anzutreten. Das «Etikett des religiösen Hasses» sei ihnen angehängt worden von Putins Ideologen: «Unsere Motive waren ausschliesslich politisch.» Es sei ihnen darum gegangen, den politisch apathischen Teil der Gesellschaft aufzurütteln. Dabei seien sie und ihre Kinder «Opfer der Propagandamaschine Putins» geworden. Sie liebe ihr Land, sagt Tolokonnikowa gegenüber dem «Spiegel», «aber ich hasse Putin». Ihre Band verstehe sich nicht als antiwestlich oder antieuropäisch, sondern als Teil der westlichen Welt und Produkt der europäischen Kultur.

«Freue mich über das harte Urteil»

Tolokonnikowa meldet sich aus dem Untersuchungsgefängnis in Moskau zu Wort, in dem sie seit sechs Monaten einsitzt. Sie bezeichnet es im Interview als «russisches Gefängnis mit all seinem Sowjetcharme». Sie beginne den Tag mit einem Weckruf um sechs Uhr morgens und verbringe ihn mit Lesen und Schreiben: «Die mangelnde Bewegungsfreiheit schränkt die Freiheit der Gedanken nicht ein.»

Die Aktivistin nimmt in Kauf, dass sie ihre vierjährige Tochter womöglich zwei Jahre lang nicht sehen wird. «Ich kämpfe dafür, dass meine Tochter in einem freien Land aufwächst», sagt sie. Sie freue sich sogar über das harte Urteil, das über sie verhängt worden sei, denn das «System Putin» habe damit ein Urteil über sich selbst gesprochen.

Vor dem Leben im Straflager habe sie keine Angst, und auch über die Zeit nach der Haft denke sie nicht nach: Sich darüber Gedanken zu machen, solange dieses autoritäre System existiere, «das ist sinnlos».

Die Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch waren vor gut zwei Wochen wegen «Rowdytums» und «Anstiftung zu religiösem Hass» zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Das Urteil war international scharf kritisiert worden.

fko

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