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Eine Höllen-Nacht in Hamburg

Die G-20-Protestdemo «Welcome to Hell» endet in Gewalt. Die Reportage aus Hamburg.

Zwischen Vermummten und der Polizei kam es in Hamburg zu heftigen Auseinandersetzungen: Anti-G-20-Demo in der Nacht auf Freitag.

«Peace first» stand auf der Titelseite des Hamburger Abendblatts vom Donnerstag, illustriert war die Ausgabe mit einer grossen Friedenstaube von Picasso. Im Begleittext wünschte sich Chefredakteur Lars Haider einen gewaltfreien G-20-Gipfel - und dass gerade die abendliche «Welcome to Hell»-Demo glimpflich abläuft. Vor diesem Event, dessen Radikalität schon im Namen steckte, hatten die Sicherheitsbehörden seit Wochen gewarnt.

Von einem friedlichen Abend und einer ruhigen Nacht kann nicht die Rede sein. Die Bilanz am Freitagmorgen: Ausschreitungen mit brennenden Autos und eingeschlagenen Scheiben in der ganzen Stadt sowie mindestens 76 verletzte Polizisten, von denen drei schwer verletzt im Krankenhaus liegen. Laut «Bild»-Zeitung wurde die Wohnung des Hamburger Spitzenpolitikers Andy Grote (SPD) attackiert, und wie viele G-20-Gegner gefangen genommen oder verletzt wurden, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar.

Bevor das Gipfeltreffen offiziell begonnen hat, gehen Bilder um die Welt, die die Bundesregierung und Hamburgs Bürgermeister Scholz tunlichst vermeiden wollten. Die gewaltsamen Zusammenstösse zwischen Polizei und Protestierer - sie werden von «Hamburg 2017» in Erinnerung bleiben.

Von einem «Festival der Demokratie» hatte Grote vorab gesprochen. Das klingt nach den vergangenen Tagen wie Hohn - nicht nur weil von Freitagmorgen an in einer 38 Kilometer grossen Sperrzone ein Versammlungsverbot herrscht. Doch über allem steht nun die Frage, die wochenlang debattiert werden wird: Musste das wirklich sein?

Wasserwerfer, Reizgas und der vermummte Schwarze Block

Wie es zur Eskalation kam, ist schnell erzählt. Um 16 Uhr beginnt die Auftakt-Kundgebung der «Welcome to Hell»-Demo am Fischmarkt mit Reden und viel Musik. «System Change, no Climate Change» ist die Aufschrift eines typischen Plakats - hier marschieren jene, die das kapitalistische System grundsätzlich ablehnen. Von 19 Uhr an sollte es über die Landungsbrücken und die Reeperbahn durch die Stadt gehen - bis zum Sieveking-Platz, 300 Meter entfernt von den Messehallen, wo sich die Staats- und Regierungschefs der G-20 treffen.

Bildstrecke: Krawalle in Hamburg

Kehrtwende beim Klima? Erdogan an einer Pressekonferenz nach dem G-20-Gipfel in Hamburg.
Kehrtwende beim Klima? Erdogan an einer Pressekonferenz nach dem G-20-Gipfel in Hamburg.
Michael Sohn, Keystone
Putin erlebte Trump als völlig normalen Gesprächspartner.
Putin erlebte Trump als völlig normalen Gesprächspartner.
AP Photo/Evan Vucci, Ex-Press
Chinas Präsident Xi Jinping (r.) hat dem Berliner Zoo offiziell das neue Pandapaar Meng Meng und Jiao Qing übergeben. «Die beiden haben ein sehr schönes neues Zuhause bekommen», sagte Xi bei der feierlichen Eröffnung des Panda Garden im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
Chinas Präsident Xi Jinping (r.) hat dem Berliner Zoo offiziell das neue Pandapaar Meng Meng und Jiao Qing übergeben. «Die beiden haben ein sehr schönes neues Zuhause bekommen», sagte Xi bei der feierlichen Eröffnung des Panda Garden im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
Axel Schmidt, AFP
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Doch der Protestzug mit dem LKW, auf dessen Windschutzscheibe «We are fucking angry» steht, kommt nur 150 Meter weit. Er passiert das verbarrikadierte Restaurant «Fischerhaus», und vor der ersten Brücke stoppen ihn vier Wasserwerfer und zwei gepanzerte Wagen der Polizei. Diese begründet den Schritt damit, dass etwa 1000 Vermummte nicht kooperiert hätten.

In einer Menschenmenge sei diese Art von Kleidung «ein Verstoss gegen das Versammlungsgesetz» und werde nicht geduldet. Eine knappe Stunde tut sich gar nichts, dann stürmen plötzlich Polizisten von der Seite in die Demo. «Shame on you, shame on you», ruft ein Organisator, als sich Dutzende aus dem schwarzen Block am Geländer hochziehen. Vom Gehweg aus werfen sie Flaschen, Stangen und Bengalos.

Die Polizei setzt neben Wasserwerfern auch Reizgas ein, das die vielen Schaulustigen zum Husten bringt. Über die Höllen-Demo ist so viel berichtet worden, dass alle Erinnerungsfotos wollen. Die Stimmung ist klar pro-Demonstranten. «Haut ab, haut ab» und «Pfui» schallt aus Hunderten Kehlen, als die Polizei durchgreift. Viele Passanten sind überrascht, wie schnell alles kippt: Lange herrscht im Park Fiction entspannte Party-Stimmung, bei Sonnenschein wird Bier getrunken, gegrillt oder Basketball gespielt. Mitten in der Menge steht eine USK-Einheit aus Bayern - unter Plastikpalmen und vor einem Plakat «Für die Reichen über Leichen». Die Zahl der Selfies dürfte locker vierstellig sein.

Katz-und-Maus-Spiel im Linken-Viertel St. Pauli

Doch plötzlich laufen schwarz gekleidete und oftmals vermummte Gestalten durch den Park und verschwinden in den engen Strassen in Richtung Reeperbahn und St. Pauli. Durch ihre Kompromisslosigkeit hat die Polizei den Schwarzen Block quasi aussortiert, so dass mehrere Tausend G-20-Kritiker weitermarschieren können. Aus Wut über die Einsatzleitung, die ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit eingeschränkt habe, erklären die Organisatoren von «Welcome to Hell» ihre Demo bereits um 20:09 Uhr für beendet.

Doch die Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten ist damit keineswegs vorbei. Sie verteilt sich stattdessen auf viele verschiedene kritische Punkte der Stadt. In St. Pauli spielen sich teils absurde Szenen ab: Behelmte Polizisten laufen in Zweierreihen durch die Strassen und immer wenn sich an einer Ecke vermummte Demonstranten zeigen, machen die Beamten kehrt und folgen ihnen. Beobachter, die in den Kneipen und Dönerläden rings herum ihr Bier trinken, beobachten das Katz- und Mausspiel amüsiert und schütteln den Kopf, als 25 Einsatzwagen in Kolonne das «St. Pauli Tourist Office» passieren.

Am Neuen Pferdemarkt, wo die Polizei bereits am Dienstagabend mit einem bedrohlichen Aufgebot angerückt war, fahren Einsatzwagen und Wasserwerfer auf. Permanent kreisen Hubschrauber über St. Pauli, Sirenen heulen. Während im Hintergrund beim Grünen Jäger wie schon an den Abenden zuvor ein kleines, lautes Open-Air-Konzert stattfindet, marschieren Hunderte schwarz uniformierte Beamte vorbei und versuchten, die Menschen von der Strasse zu treiben: absurde Szenen auch dort.

Im Schulterblatt, der inoffiziellen Hauptstrasse des Schanzenviertels, spitzt sich die Lage dann gegen Mitternacht noch einmal zu. Vor der Roten Flora, dem seit 1989 besetzten ehemaligen Theater, brennen Fahrradständer, viele Demonstranten haben sich beim linksautonomen Zentrum versammelt. Die Polizei rückt mit ihren Wasserwerfern und Einsatzbussen vor und versucht die Strasse zu räumen. Abermals kommt es zu Zusammenstössen zwischen Polizei und Protestierenden. Auch um zwei Uhr früh brennt es nochmals im Schanzenviertel. Es sollte bis tief in die Nacht andauern, bis es halbwegs ruhig wird und die Gesänge der Schaulustigen ebenso verstummen wie die Sirenen der Polizei- und Rettungswagen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Wer hat schuld an der Eskalation? Die harte Linie der Polizeiführung dürfte zur Verschärfung zumindest beigetragen haben. Daher dürfen sich auf gewisse Weise die Organisatoren nach dem Demo-Abbruch bestätigt fühlen. Sie hatten bereits im Vorfeld vor gezielten Provokationen der Polizei gewarnt und befürchtet, dass diese den Protestzug nicht weit gewähren lassen würde.

Demo-Anmelder Andreas Blechschmidt klagte noch am Vormittag: «Die Gewaltfantasien kommen ausschliesslich von der Polizei, um unseren Protest zu delegitimieren.» Blechschmidt hatte sich öffentlich gewundert, dass die Hamburger Versammlungsbehörde die Demo ohne Auflagen gewährt habe - das passe nicht mit dem öffentlich kommunizierten Gefahrenpotenzial zusammen. Die «Welcome to Hell»-Leute seien seit Wochen denunziert, stigmatisiert und vorab kriminalisiert worden. Dass Blechschmidt Gewalt nie explizit verdammt hat, sondern vom Recht auf Verteidigung gegen die Staatsgewalt sprach, sorgte aber auch nicht für Entspannung.

In dieser Nacht vor dem offiziellen Beginn des G-20-Gipfels zeigt sich, wie wenig Sympathien die Polizei bei den Anwohnern in St. Pauli und im Schanzenviertel geniesst. Manche machen sich einen Spass daraus, sich den Beamten in den Weg zu stellen, immer wieder rufen die Menschen: «Haut ab!»

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