Hallo Donald! Farewell Europe!

Die britische Premierministerin wirft sich in die Arme von Donald Trump, um den harten Schnitt mit der Europäischen Union zu ermöglichen.

Händchenhalten im Weissen Haus? Für den Fall eines Kollapses der Handelsbeziehungen zur EU muss London Alternativen finden.

Händchenhalten im Weissen Haus? Für den Fall eines Kollapses der Handelsbeziehungen zur EU muss London Alternativen finden. Bild: Shawn Thew/Keystone

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Beginnt Grossbritannien schon in den Atlantik hinauszudriften? Der Ärmelkanal scheint sich jedenfalls zu weiten, von Tag zu Tag. Im verzweifelten Bemühen um mehr Nähe zu Washington hat London einen Kurs eingeschlagen, der das Vereinigte Königreich zunehmend entfernt von den kontinentalen Nachbarn – und den auch viele Briten mit unguten Gefühlen betrachten.

Richtig deutlich gemacht hat diese dramatische Abkehr die Entwicklung der letzten fünf Tage. Theresa Mays «love affair» mit Donald Trump illustriert die Motive – und Probleme – ­britischer Politik beim Abschied von der EU.

Dass eine britische Premierministerin ein gutes persönliches Verhältnis zu einem neuen US-Präsidenten herstellen will, gehört zu den Selbstverständlichkeiten des angloamerikanischen Zusammenspiels. Die schon fast peinliche Eile aber, zu der die britische Rechtspresse May antrieb, und das Drängen auf einen bilateralen Handelsvertrag weisen auf mehr. Im Zuge des harten Brexit ist May vollkommen angewiesen auf den guten Willen Donald Trumps.

Verzweifelte Alternative

London muss für den Fall eines Kollapses der Handelsbeziehungen zur EU schnellstmöglich Alternativen finden. Wenn dafür Gefälligkeit, diplomatische Zurückhaltung und notfalls sogar Händchenhalten im Weissen Haus erforderlich sind, ist das ein Preis, der eben bezahlt werden muss. Selbst die Queen muss sich damit abfinden, zu diesem Preis zu gehören – als Hauptattraktion beim geplanten Trump-­Staatsbesuch in diesem Sommer.

Als kleine Gegenleistung hat May zu Wochenbeginn einen Spezialdeal für die Einreise britischer Staatsangehöriger aus den «verbotenen» Ländern in die USA erhalten, wie er offenbar auch Kanada, Australien und Neuseeland zugedacht ist – nicht aber den europäischen Partnern des Vereinigten Königreichs.

«Beschämende Unterwürfigkeit»

Stolz hat Aussenminister Boris Johnson dieses Privileg «für britische Passinhaber» im britischen Unterhaus verkündet: als Beweis dafür, wie «vorteilhaft» es sei, fest an der Seite der USA zu stehen. Von europäischer Solidarität ist keine Rede mehr in London. Wer Trump attackiert, kann sehen, wo er bleibt.

Von europäischer Solidarität ist keine Rede mehr. Wer Trump attackiert, kann sehen, wo er bleibt.

Es ist Trump gelungen, das Brecheisen zwischen Britannien und der EU anzusetzen. Johnson, der Trump vor kurzem für «komplett verrückt» erklärte, verlangt nun, man dürfe den US-Präsidenten «nicht dämonisieren». Umgekehrt mehren sich auf dem Kontinent die Stimmen, die von einem «Vasallenstaat Britannien», von «beschämender Unterwürfigkeit» sprechen.

Viel Gutes verheisst das nicht für die kommenden Austrittsverhandlungen. In der Tat hätte die Regierung May einen anderen Weg zur Loslösung von der EU wählen können – mit weiterer Zugehörigkeit zum Binnenmarkt, mit vielfachem Brückenschlag zum Kontinent, mit einer Sprache der Zusammengehörigkeit.

Irland befürchtet Unfrieden

Stattdessen hat May den Brexit-Hardlinern ihrer Partei völlig das Ruder übergeben. Und die wollen Trump folgen – und «nichts wie weg» von «Europa». Nicht einmal vom Westminster-Parlament, das seit Dienstag die Aufkündigung der britischen EU-Mitgliedschaft debattiert, wird noch viel Widerstand erwartet. Denn obwohl drei Viertel der Unterhaus-Abgeordneten eigentlich pro EU sind, wagt nur noch eine bescheidene Minderheit sich gegen den «Volkswillen» zu stellen. Dabei zeichnen sich bei einem harten Brexit enorme neue Brüche ab.

Irland befürchtet eine befestigte EU-Aussengrenze quer durch die Insel und neuen Unfrieden im Norden. Schottland denkt allen Ernstes an die Ausrufung eines zweiten Unabhängigkeits­referendum binnen Wochen. Und in London legen immer mehr Grossbanken und Konzerne konkrete Umzugspläne vor.

Dass ihre Regierung blind sei, dass ihre Volksvertreter keinen Mumm hätten, finden Briten, die die Kombination von Trump und Brexit für eine Katastrophe halten. Je weniger sich aber im Parlament rührt, desto mehr verschafft sich der Unmut auf den Strassen Gehör. Auch hier hat die Ankunft Trumps dem Brexit-Konflikt neue Sprengkraft verliehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 18:40 Uhr

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