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Griechenland ächzt unter dem Spardiktat

Die Bemühungen des hochverschuldeten Staates, die Kosten zu reduzieren, greifen spürbar. Und immer mehr Menschen im Land bekommen sie zu spüren.

Das Geld sitzt nicht mehr locker: Ein Händler in Athen vertreibt sich die Zeit mit Lesen – sein Nachbar hat schon dicht gemacht.
Das Geld sitzt nicht mehr locker: Ein Händler in Athen vertreibt sich die Zeit mit Lesen – sein Nachbar hat schon dicht gemacht.
Keystone

Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen haben dazu geführt, dass das Staatsdefizit kräftig abgenommen hat – aber auch Arbeitsplätze werden abgebaut, Geschäfte schliessen, und die Stimmung ist düster. Die Europäische Union ist von den zügigen Reformen angetan. Doch vielen Griechen ist nicht nach Jubel zumute, sie rechnen eher mit einem Herbst der Streiks und Demonstrationen. Wer sich noch einen Sommerurlaub leisten konnte, kehrt jetzt in einen harten Alltag zurück.

Auf dem Papier funktioniert die Wende. Das Haushaltsdefizit ist nach Angaben des Finanzministeriums um 39,7 Prozent zurückgegangen, etwas mehr als zunächst geplant. Die EU fand den Sparkurs «beeindruckend». Weniger beeindruckt ist die Geschäftswelt. Ladenbesitzer klagen darüber, dass den Verbrauchern der Geldbeutel nicht mehr so locker sitzt. Höhere Steuern und Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst nehmen der Wirtschaft den Schwung.

Einen kleinen Espress, bitte

«Die Beamten kamen immer und bestellten einen doppelten Espresso und etwas zu essen. Jetzt nehmen sie einen einfachen Espresso und ein billigeres Brötchen», sagt Konstantinos Garyfallou, der ein Café beim Syntagma-Platz in der Nähe mehrerer Ministerien und Behörden führt. Selbst kleine Veränderungen des Verbraucherverhaltens wie täglich 50 Cent weniger pro Kunde können sich zu einem Einnahmerückgang von 4.000 Euro monatlich summieren. «Niemand kann so einen Einbruch überstehen», sagt Garyfallou.

Zur Rettung vor der Staatspleite hatte das hochverschuldete Griechenland im Frühjahr die EU-Länder und den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Kredithilfe bitten und im Gegenzug ein striktes Sparprogramm einführen müssen. Die Gehälter von mehr als 700'000 Staatsbediensteten wurden gekürzt, Renten ebenso, Steuern erhöht und Renten- und Arbeitsmarktregeln überarbeitet. Ziel ist es, das Defizit von derzeit 13,6 auf 8,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken. Nach der ersten Darlehensrate des 110 Milliarden Euro schweren Rettungspakets im Mai hat die EU jetzt die Auszahlung der zweiten Tranche im September befürwortet.

Kllagen über Umsatzeinbussen

Bis dahin dürften noch mehr Geschäfte an den grossen Strassen Athens die Rollläden heruntergelassen haben. Nicht nur die Umsätze gehen zurück, auch die Banken zögern immer mehr, Kredite zu vergeben. Beides zusammen ist für viele Unternehmen einfach zu viel. «Haben Sie die vielen 'Zu vermieten'-Schilder im Zentrum gesehen? So was habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt», sagt Georgia Brezati, Inhaberin eines Bekleidungsgeschäfts in der beliebten Einkaufsstrasse Ermou im Stadtzentrum. Hier haben einem Bericht des Handelsverbands von diesem Monat zufolge 15 Prozent der Geschäfte dicht gemacht.

Nach einer Umfrage der Athener Industrie- und Handelskammer hatten 86 Prozent der 523 befragten Unternehmen Probleme mit den Barmitteln. 93 Prozent erlitten Umsatzeinbussen wegen der Finanzkrise. Der Vorsitzende der Kammer, Konstantinos Mihalos, warf der Regierung vor, ihre Politik diene «nur den Interessen der Darlehensgeber und lässt die ernsten Probleme des Marktes und der Gesellschaft im Allgemeinen ausser Acht». Manche Wirtschaftsexperten befürchten, dass der harte Sparkurs die Konjunktur abwürgen und die Rückzahlung der Schulden noch erschweren könnte.

Demonstrationen schaden Umsatz

Die Geschäfte im Athener Stadtzentrum hatten zudem unter den häufigen Streiks und Demonstrationen im Frühjahr zu leiden. Kunden blieben weg, oft mussten die Läden schliessen, und zum Schutz vor Steinen und Brandsätzen wurden die Schaufenster vernagelt. Im Mai starben drei Menschen in einer in Brand gesteckten Bankfiliale an der Stadiou-Strasse. Diese Strasse, eine der Hauptverkehrsadern und eine beliebte Route für Demonstrationen, ist von den Geschäftsschliessungen am stärksten betroffen: Laut Handelsverband sind rund 25 Prozent ausgezogen.

Geschäftsfrau Brazati konnte sich zum ersten Mal seit Jahren keinen Sommerurlaub leisten. Sie habe ihren Laden den ganzen Sommer über geöffnet, aber kaum ein paar Kunden am Tag gehabt. Ihr Geschäft werde überleben, weil ihr der Laden gehöre, zeigt sie sich zuversichtlich. Doch viele Nachbarn, die ihre Geschäftsräume nur gemietet hätten, seien nicht mehr zurechtgekommen und hätten das Handtuch werfen müssen.

«Klima der Unsicherheit»

Panagis Karelas vom Athener Handelsverband rechnet mit weiteren Geschäftsaufgaben: «Es herrscht ein Klima der Unsicherheit, das dem Umsatz schadet. Das heisst, dass die griechischen Geschäftsinhaber, ob gross oder klein, keine Investitionen in die Zukunft wagen. Also werden weitere Unternehmen schliessen und noch mehr Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.»

Und der Herbst verspricht heiss zu werden. Die Regierung will die staatliche Kontrolle über die Stromerzeugung lockern, verlustbringende staatliche Unternehmen privatisieren und strenge berufsständische Regeln liberalisieren. Die Gewerkschaften haben weitere Streiks und Demonstrationen angekündigt.

(dapd)

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