Zum Hauptinhalt springen

«Gezielte Schüsse in Herz und Nacken»

In Kiew wurden am Donnerstag Hotels zu Feldlazaretten und Leichenhallen. Die Verletzungen der Toten zeigten, dass Scharfschützen am Werk sind, berichten Ärzte.

Nicht mehr in der Kälte des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew trägt er seine Parolen vor, sondern im gediegenen Ambiente der diplomatischen Hochkultur: Klitschko in München. (1. Februar 2014)
Nicht mehr in der Kälte des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew trägt er seine Parolen vor, sondern im gediegenen Ambiente der diplomatischen Hochkultur: Klitschko in München. (1. Februar 2014)
AFP
«Es gibt keine einzige heile Stelle an meinem Körper»: Dmitri Bulatow wurde nach eigenen Angaben entführt und gefoltert.
«Es gibt keine einzige heile Stelle an meinem Körper»: Dmitri Bulatow wurde nach eigenen Angaben entführt und gefoltert.
Screenshot Youtube/euronews
...und wurde dann attackiert. (19. Januar 2014)
...und wurde dann attackiert. (19. Januar 2014)
Reuters
1 / 17

Die Meldung sickerte am Donnerstagnachmittag durch: In Kiew würden seit dem Morgen Unbekannte sowohl Regierungsgegner als auch Sicherheitskräfte auf dem Maidan gezielt erschiessen. Ein Video zirkulierte im Internet, das grausame Szenen wie aus einem Bürgerkrieg zeigte: Demonstranten, die versuchen, sich hinter einer Barrikade zu verstecken, werden plötzlich von einem Schuss getroffen und sacken zusammen. Ein weiteres Video zeigt, wie ein Sanitäter, der einen Verletzten versorgen will, von einem Schuss getroffen wird und zu Boden sinkt. Fotos zeigen blutüberströmte Verletzte und Leichen. Die Bilder sind so brutal, dass man sie kaum ansehen kann. Am Newsdesk von Redaktion Tamedia brach gestern eine Diskussion los, ob man die Videos, die viele Medien veröffentlichten, zeigen sollte oder nicht. Die Redaktion entschloss sich schlussendlich, sie nicht zu veröffentlichen, aber darüber zu berichten.

Auch Reporter vor Ort sprechen von zahlreichen Verletzten und Leichen, die am Donnerstag in den Strassen lagen. Ärzte, die als freiwillige Helfer im Einsatz sind, zweifeln nicht daran, dass es sich bei den Tätern um Scharfschützen handelt, die gezielt schiessen: «Mit einer einzigen Kugel» seien viele Regierungsgegner erschossen worden, sagt der freiwillige Arzt Dmitro Kaschin der Nachrichtenagentur Interfax. «Niemand hat zwei oder drei Wunden.» Das spräche für Profis, die auf Hunderte Meter genau treffen.

«Heute hatten wir ausschliesslich Verletzte durch scharfe Munition», sagt auch Olga Bogomolez, eine Medizinprofessorin, zur Korrespondentin der «Welt». «Geschossen wird sehr professionell, sodass Ärzte kaum Chancen haben, Menschen zu retten. Den Opfern wurde entweder in die Halsschlagader oder direkt ins Herz geschossen.» «Das waren Scharfschützen», sagt auch der Arzt Vasyl Lukach gegenüber dem «Telegraph». «Die Toten wurden alle nur von einer oder zwei Kugeln in den Kopf oder den Nacken getroffen.»

Die letzten zwei Tage seien sehr schwierig gewesen für die Mitarbeiter des Ukrainischen IKRK, sagt IKRK-Sprecherin Anastasia Isyuk gegenüber Redaktion Tamedia. «Einer der Freiwilligen Helfer wurde verwundet.» Fünf IKRK-Mitarbeiter und über 50 Freiwillige stehen mit Ambulanzwagen bereit und leisten vor Ort erste Hilfe. Gestern hätten sie fast 200 Verletzte versorgt. Über die Art der Wunden will das IKRK nicht kommentieren.

Nach offiziellen Angaben starben am Donnerstag mindestens 45 Menschen. Mediziner der Protestbewegung sprechen von mehr als 100 Toten. Die notdürftig eingerichteten Lazarette, in denen die Ärzte arbeiten, waren völlig überfüllt. Das Hotel Ukraine, in dem auch viele Journalisten untergebracht sind, wurde innerhalb eines Tages zu einem behelfsmässigen Feldspital und zu einer Leichenhalle. Direkt neben der Réceptionistin versuchten die Rettungskräfte, die Schwerverletzten mit Notoperationen am Leben zu halten.

Journalisten sandten via Twitter Fotos aus dem Lazarett, die die chaotische Lage vor Ort verdeutlichten.

Wie mehrere Journalisten auf Twitter schrieben, seien sie im Hotel Ukraine selbst Ziel von Scharfschützen geworden. Ein Foto zeigt die Einschusslöcher in einem der Hotelfenster.

Wer allerdings hinter den tödlichen Schüssen steckt, ist zum jetzigen Zeitpunkt immer noch unklar. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld. Von bewaffneten «Extremisten» mit Scharfschützengewehren spricht die Präsidialkanzlei. Hingegen ist die Opposition der Meinung, die Schützen seien Mitarbeiter des Geheimdiensts (SBU) oder bezahlte Provokateure von Regierungsseite. Beobachter argwöhnen, dass es sich sogar um Spezialeinheiten aus dem Nachbarland Russland handeln könnte, die auf alle feuern und damit für Chaos sorgen sollen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch