Geld verbrennen

Grossbritannien ist empört über die Verachtung der Reichen für die Armen – während sich die Kluft der Einkommen weiter vergrössert.

Von oben herab: Führende Geschäftsleute verdienen in zweieinhalb Tagen, wofür einfache Briten ein ganzes Jahr lang schuften müssen. Ein Obdachloser in Birmingham.

Von oben herab: Führende Geschäftsleute verdienen in zweieinhalb Tagen, wofür einfache Briten ein ganzes Jahr lang schuften müssen. Ein Obdachloser in Birmingham. Bild: Toby Melville/Reuters

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«To have money to burn» ist ein sehr englischer Ausdruck. Gemeint ist: Man hat Geld wie Heu. In wörtlicher Übersetzung müsste man sagen, jemand habe «Geld zum Verbrennen».

Derzeit beschäftigt England eine echte Geldverbrennung. Ob der Brandstifter wirklich Geld wie Heu hat, ist zwar nicht bekannt. Der junge Mann, ein Jurastudent aus Cambridge, wollte aber offenbar beweisen, dass er es sich leisten konnte, seine «Kohle» buchstäblich abzufackeln. Und das ausgerechnet vor der Nase eines Habenichts – um dem deutlich zu machen, was für ein Versager er ist.

So geschehen auf einer Strasse in Cambridge vor wenigen Tagen. Der Habenichts war ein arbeitsloser Kranführer, der in der Stadt ein freies Nachtquartier suchte. Ihm trat ein Mitglied des Konservativen Studentenver­bandes der Elite-Uni entgegen. Der Herr Kommilitone war in Frack und Stehkragen zu einem Festessen seines Colleges unterwegs.

Der Student zog eine 20-Pfund-Note aus der Tasche, winkte damit dem Obdachlosen zu und begann, den Geldschein mit seinem Feuerzeug anzuzünden.

Der Student zog eine 20-Pfund-Note (etwa 25 Franken) aus der Tasche, winkte damit dem Obdachlosen zu und begann, den Geldschein mit seinem Feuerzeug anzuzünden. Es war eine Geste reiner Häme und Arroganz. Ein Passant nahm die Szene mit seinem Smartphone auf und stellte sie online. Und wenig später war «der Wüstling mit der Note» identifiziert und landesweit bekannt. Seither ist der junge Mann im Internet ausführlich geächtet worden. Eine Petition gegen ihn läuft, und die Universität hat eine Untersuchung eingeleitet. Sein Konterfei war in vielen Zeitungen zu sehen.

Der Konservative Studentenverband, über alle Massen entrüstet, hat den «Provokateur» ausgeschlossen. Was recht kurios ist. Denn Provokationen dieser Art sind nicht neu. Snobistische Studentenbünde wie der Oxforder Bullingdon Club, dem auch David Cameron und Boris Johnson angehörten, haben nie ein Geheimnis aus ihrer blasierten Weltsicht gemacht.

Zu den Einführungsriten solcher Privilegiertenverbände im Umfeld der Regierungspartei gehört das Zücken von 50-Pfund-Noten und deren feierliche Vernichtung im Beisein örtlicher Bettler oder Obdachloser. Insofern blieb der Cambridge-Amateur mit seinen 20 Pfund einiges hinter den Oxford-Standards zurück.

Weil die Sache aber öffentlich wurde, ist seither eine Woge des Zorns über den Studiker hereingebrochen. Diese Woche meldete die Uni, Steine seien durch Seminarfenster geflogen, und ein Student im Talar sei angegriffen worden.

Auch das ist keine Überraschung. Zurzeit weitet sich die Kluft zwischen «oben» und «unten» in der britischen Gesellschaft wieder beträchtlich. Billiglöhne, jahrelange scharfe Einschnitte ins soziale Netz und nun die rapide Verteuerung von Lebensmitteln im Zuge des Brexit-Beschlusses haben den Bedürftigen auf der Insel zugesetzt.

Luxus hat Konjunktur

Den Topverdienern dagegen fehlt es an nichts. Führende Geschäftsleute verdienen in zweieinhalb Tagen, wofür einfache Briten ein ganzes Jahr lang schuften müssen. Luxusware hat Konjunktur. Juwelen, Jachten, superteure Appartements finden reissenden Absatz. Wer «Geld zu ver­brennen» hat, hat dazu jede Chance.

Was die Chancenlosen aber so gegen die Geldverbrenner aufbringt, ist nicht mal deren Geld – sondern ihre unverhohlene Verachtung der Armen. Dass Mittellose, «Sozialfälle» und Behinderte nur faul und letztlich selbst schuld an ihrer Lage seien: Diese Parole geben auch heute noch viele Oberschichts-Tories (und ihre studentischen Anhänger) aus.

Ganz von ungefähr kommt es also nicht, dass ein Cambridge-Student es für eine tolle Sache hält, einem Obdachlosen im Triumph eine angezündete 20-Pfund-Note vors Gesicht zu halten. Und ganz von ungefähr kommt auch die zornige Reaktion nicht.

Clevere Briten, die Geld wie Heu haben, behalten das für sich. Sie wissen Diskretion zu schätzen. Sie kennen sich aus. Nur die darauf erpicht sind, ihre Geringschätzung der «niederen Stände» an die grosse Glocke zu hängen, spielen mit dem Feuer. Sie könnten leicht mehr verlieren als 20 Pfund.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2017, 20:58 Uhr

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