Geflohen, gefeiert, verhaftet

Die Syrerin Sara Mardini rettete auf ihrer Flucht nach Europa anderen das Leben. Jetzt sitzt sie in Griechenland im Gefängnis. Der Vorwurf: Spionage und Menschenhandel.

Im November 2016 erhielten Sara (rechts) und ihre Schwester Yusra Mardini in Deutschland eine Bambi-Auszeichnung in der Kategorie «Stille Helden». Foto: Alexander Körner (Getty)

Im November 2016 erhielten Sara (rechts) und ihre Schwester Yusra Mardini in Deutschland eine Bambi-Auszeichnung in der Kategorie «Stille Helden». Foto: Alexander Körner (Getty)

Eigentlich ist alles gut, als sich Sara Mardini am 21. August auf den Weg nach Berlin macht. In der deutschen Hauptstadt wartet ein Studienplatz am deutsch-amerikanischen Bard College. Private Spender haben ihr ein Stipendium ermöglicht. Und auf Lesbos, wo sie gerade herkommt, hat sie über Wochen das gemacht, was sie am liebsten tut: Sie hat Flüchtlingen bei der Erstversorgung geholfen.

Das Herz der jungen Syrerin also ist voll, als sie aufbricht. Sie hat gute Laune im Gepäck und ein bisschen Vorfreude – bis die griechische Polizei sie am Flughafen festnimmt.

Seither sitzt die 23-Jährige in U-Haft, mit ihr festgenommen wurde ein junger Deutscher, der 24-jährige Sean Binder. Beide haben seit Jahren immer wieder in der Flüchtlingshilfe auf der griechischen Insel Lesbos gearbeitet; beide haben das unter dem Dach der Nichtregierungsorganisation ERCI (Emergency Response Center International) getan. Und die Vorwürfe, die die griechische Polizei gegen sie richtet, sind dramatisch.

Von Spionage ist die Rede, von enger Zusammenarbeit mit Schleusern und damit verknüpft von Menschenhandel. Es geht nicht um Lappalien, sondern um Straftaten, auf die – so sie nachgewiesen werden – lange Haftstrafen folgen können. Kein Wunder, dass die beiden nun Angst haben. Und kein Wunder, dass ihre Angehörigen zuhause in grösster Sorge sind.

Das gilt für Binders Eltern, der Vater ist einst als vietnamesischer Bootsflüchtling nach Deutschland gekommen. Mittlerweile leben die Eltern in Irland. Und es gilt für Saras Angehörige, die in Berlin ihr Zuhause gefunden haben. Sara und ihre jüngere Schwester Yusra sind nicht nur Flüchtlinge, die wie viele andere 2015 einem zerstörerischen Krieg entfliehen konnten. Beide sind über ihre Flucht auch noch berühmt geworden.

«Sara hasst die Schlepper»

Kurz nach ihrer Ankunft in Berlin im Herbst 2015 wurde bekannt, dass die beiden jungen Frauen während der Flucht über die Ägäis nach einem Motorenausfall ins Wasser gesprungen waren und das komplette Schlauchboot mit fast zwei dutzend Flüchtlingen über viele Kilometer schwimmend an die Küste Griechenlands gezogen hatten.

Beide Mädchen gehörten damals der syrischen Schwimm-Nationalmannschaft an; auf der Flucht rettete das jahrelange Training plötzlich vielen Menschen das Leben. Kein Wunder, dass ihre Geschichte den Weg in viele Medien fand.

Die Konsequenz: Beide wurden ziemlich bekannt. Und Yusra, die jüngere Schwester, schaffte es mit Hilfe des Berliner Schwimmtrainers Sven Spannekrebs sogar ins Olympia-Team für Flüchtlinge bei den Olympischen Spielen 2016. Es folgten die Reise nach Rio de Janeiro und Treffen mit US-Präsident Barack Obama und Papst Franziskus.

Auch Sara reiste damals mit nach Brasilien. Unmittelbar danach aber begann sie, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. «Sie will helfen, sie will was zurück geben, sie will sich fürs eigene Glück bedanken», erzählt Schwimmtrainer Spannekrebs, der bis heute die Olympiaschwimmerin Yusra betreut und sich jetzt für ihre Schwester Sara einsetzt. «Ich weiss nicht, was da plötzlich für Kräfte wirken, aber eines ist sicher: Sara hasst die Schlepper. Sie hält niemanden für schlimmer. Deshalb ist es für mich nicht vorstellbar, dass sie mit Schleppern und Menschenhändlern kooperiert haben könnte.»

Den gleichen Eindruck vermittelt Florian Becker, der Direktor des Bard-College Berlin. «Wir können uns nicht vorstellen, dass die Anschuldigungen gegen Sara richtig sind. Deshalb versuchen wir alles, um ihr zu helfen», sagt Becker. Das deutsch-amerikanische College vergibt Stipendien an seine Studenten; Sara ist eine von 30, die ein Vollstipendium für Flüchtlinge erhalten hat.

Austausch über Whatsapp-Gruppen

Die Vorwürfe, die sich aus dem Haftbefehl und einer öffentlichen Stellungnahme der griechischen Polizei ergeben, wiegen gleichwohl schwer. Da ist zuallererst der Vorwurf der Geldwäsche. Er speist sich offenbar aus der Tatsache, dass Sara Mardini wie Sean Binder (und hunderte anderer Freiwilliger) in den sozialen Medien immer wieder um Spenden für die NGO ERCI geworben haben. Was für Flüchtlingshelferinnen wie selbstverständlich klingt, könnte jetzt zum Bumerang werden. Jedenfalls aus Sicht der griechischen Behörden.

Der zweite Vorwurf ist nicht minder problematisch. Die Behörden halten den beiden auch Beihilfe zur illegalen Einwanderung nach Griechenland vor. Hintergrund sind WhatsApp-Gruppen unter freiwilligen Flüchtlingshelfern auf Lesbos, in denen sie sich über ankommende Boote und Notfälle ausgetauscht haben. Über diese Gruppen, so heisst es jetzt, hätten sich Helfer auch mit Schleppern abgesprochen und verständigt.

Der griechische Anwalt der beiden kann dafür keinerlei Belege finden. Er verweist ausserdem darauf, dass sich in diesen Gruppen gut 400 Freiwillige, die auf Lesbos helfen, über alles aktuelle austauschen. Deshalb sei es quasi unmöglich, über diesen Weg Geheimnisse zu verabreden. Trotzdem bleibt der Vorwurf fürs erste im Raum stehen.

Der dritte Vorwurf lautet Spionage. Und er geht darauf zurück, dass man bei einer Kontrolle der beiden vor einigen Wochen ein Fernglas und Funkgerät fand, mit dem öffentlich zugängliche Kanäle empfangen werden konnten, die auch von der EU-Grenzschutzagentur Frontex und der griechischen Küstenwache genutzt werden. Allerdings ist auch das laut Spannekrebs und anderen Flüchtlingshelfern absolut üblich. Wer helfen will, muss wissen, wo Menschen in Not geraten, lautet unter Flüchtlingshelfern die Begründung.

Ob das alles zu einer Verurteilung reicht? Der griechische Anwalt der beiden hält das nach Erfahrungen mit früheren Fällen bislang für unwahrscheinlich. Gleichwohl fürchtet er, dass beide lange in Untersuchungshaft sitzen könnten, weil entsprechende Verfahren in Griechenland oft viele Monate dauern, so der Anwalt. In Rede steht, dass es schnell 18 Monate oder mehr werden könnten.

Mardini könnte ihre Bekanntheit zum Verhängnis geworden sein

Freunde und Verwandte der beiden fürchten nach Kontakten mit Kollegen von Mardini und Binder überdies, dass es den griechischen Behörden vor allem um eines gehen könnte: um Abschreckung. Und das könnte ein Grund dafür sein, dass die auf Lesbos und darüber hinaus besonders bekannte Sara Mardini verhaftet wurde.

Damit ist sie möglicherweise ins Zentrum der immer schärfer geführten Debatte um die Rolle der Hilfsorganisationen geraten. Schon länger werden diese von Befürwortern eines harten Kurses dafür kritisiert, dass sie mit ihrer Hilfe auch das Geschäft der Schlepper unterstützen würden.

Für Freunde von Sara Mardini wie den Berliner Schwimmtrainer Spannekrebs klingt der Vorwurf absurd, weil er die freiwilligen Helfer und ihre Leidenschaft auf Lesbos selbst erlebt hat. Dass manche griechische Behörde aber bewusst hart zur Sache geht, um die Flüchtlingshelfer insgesamt zu verunsichern und zu verängstigen, halten viele Mitstreiter von Mardini durchaus für möglich.

Deutschland will helfen

Hinzu kommt allerdings eine zweite Möglichkeit. Und die ist für Sara Mardini und ihren Begleiter nicht wirklich besser. So ist aus griechischen Sicherheitskreisen zu hören, dass man mit den Verhaftungen von ERCI-Mitarbeitern und Freiwilligen ein «illegales Netzwerk» zerschlagen habe. Und von Beobachtern vor Ort wird diese Behauptung unterfüttert mit Hinweisen auf die Leitung der Nichtregierungsorganisation.

Hierbei soll es sich um Menschen handeln, die früher in Spezialeinheiten des Militärs, als Personenschützer von Prominenten und als Schiffsbesatzung im Kampf gegen Piraten gearbeitet haben. Offiziell wird das weder bestätigt noch dementiert; eine entsprechende Anfrage an die Leitung der NGO blieb bisher unbeantwortet. Auf der Homepage findet man viele Informationen, aber keinen Hinweis darauf, wer die Organisation leitet.

Und so lässt sich der Verdacht, es könnte was dran sein an den Vorwürfen, nicht wirklich prüfen. Bislang hatte ERCI offiziell einen guten Leumund; auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte der Organisation immer wieder Geld für ihre Arbeit gegeben.

Für Sara Mardini und Sean Binder ist weder die eine noch die andere Variante gut. Ob die Behörden mit harter Hand abschrecken wollen oder die Leitung von ERCI doch problematisch ist – in beiden Fällen besteht die Gefahr, dass die beiden Verhafteten auch aufgrund der Prominenz von Mardini in die Mühlen eines immer schärfer ausgetragenen Konflikts an der EU-Aussengrenze geraten sind.

Das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Athen, so viel immerhin ist bekannt, haben sich des Falls angenommen, werden sich konsularisch um beide kümmern und haben zu diesem Zweck auch schon Kontakt zu den griechischen Behörden aufgenommen. Was das bringt und wie lange es dauert, bis es Positives hervorbringt, kann in Berlin und Athen derzeit aber niemand sagen.

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