Ganz unbescheiden

Mit der Arbeitsmarktreform steht und fällt die Regierung Macron. Ausgerechnet die Ex-Managerin eines Konzerns soll sie nun durchsetzen.

Die zentrale Figur: Arbeitsministerin Muriel Pénicaud bei einer Pressekonferenz in Paris. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

Die zentrale Figur: Arbeitsministerin Muriel Pénicaud bei einer Pressekonferenz in Paris. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

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Über dem Kopf von Muriel Pénicaud hängt ein mächtiger Kronleuchter. Die Wände ihres Büros sind mit goldenem Stuck und grossen Spiegeln verziert. Alles wirkt wie altes – erstarrtes – Frankreich, und es wäre einfach, die Arbeitsministerin mit ihrer konservativen Pariser Eleganz hier gleich mit einzusortieren. Aber das wäre ein Fehler. Pénicaud arbeitet mit Elan an dem, was sie und Präsident Emmanuel Macron ganz unbescheiden die «Transformation» des Landes nennen – die Verwandlung in ein neues, dynamisches Frankreich.

Heute beschliesst die Regierung die Verordnungen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die Pénicaud vorgelegt hat. Vier Monate nach der Präsidentenwahl soll das der Beginn der Verwandlung sein. Danach startet Pénicaud fünf weitere Reformen, um Macrons Versprechen einzulösen, Frankreichs Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Pénicaud (62), Ex-Personalchefin beim Lebensmittelkonzern Danone und Neupolitikerin, ist die derzeit wichtigste Ministerin. Die zentrale – und umkämpfte – Figur, die Macron zum Erfolg tragen soll. Sie soll schaffen, woran so viele Regierungen gescheitert sind: das vermeintlich unreformierbare Frankreich zu reformieren. Möglichst ohne grosse Streiks und Blockaden.

Wie ein Rubik’s Cube

Die Lockerung des Arbeitsrechts, das viele Firmen bisher angeblich von Neueinstellungen abhielt, kann sie als erledigt abhaken. Für Unternehmen sind Abfindungen nach Kündigungen jetzt berechenbarer, und sie bekommen mehr Spielräume, etwa bei der Arbeitszeit. Als Nächstes nimmt sich Pénicaud die Arbeitslosenversicherung vor. Auch die Aus- und Weiterbildung möchte sie umkrempeln. Und dann ist auch noch eine Rentenreform geplant.

«Das ist wie ein Rubik’s Cube», sagt Pénicaud – wie einer dieser kniffligen Zauberwürfel, deren Flächen man nach Farben ordnen muss. «Eine Reform allein reicht nicht aus. Um Erfolg zu haben, müssen wir den Würfel innerhalb von 18 Monaten lösen.» Pénicaud und Macron haben es eilig. Womöglich wollen sie das Land auch überrumpeln. Gar nicht erst riskieren, dass sich mit der Zeit unüberwindbare Widerstände aufbauen. Umfragen zufolge missbilligen die meisten Franzosen schon das flexiblere Arbeitsrecht. «Wir tun genau, was vor der Wahl angekündigt wurde», sagt Pénicaud trotzig.

Die Gewerkschaftsbosse zollen ihr öffentlich Respekt.

Ist Frankreich wirklich bereit? Zumal, wenn diese Liberalisierung auch noch von einer vermögenden Frau unternommen wird, deren Gegner ihr gleich zwei Finanzskandale anhängen wollen? Im Sommer wurde Pénicaud von radikalen Linken und Rechten als skrupellose Hire-and-fire-Kapitalistin hingestellt. Sie behaupteten, Pénicaud habe als Personalchefin den Wert ihrer Danone-Aktien gesteigert, indem sie 900 Stellen strich. Das war etwas konstruiert, weil der Verkauf der Aktien und der Stellenabbau zeitlich weit auseinanderlagen.

In einer anderen Sache aber wird ermittelt. Wegen des Verdachts auf «Günstlingswirtschaft»: 2016 – da leitete Pénicaud Frankreichs Agentur für Standortwerbung – organisierte sie auf der Elektronikmesse von Las Vegas einen Empfang für den damaligen Wirtschaftsminister Macron. Ihr wird vorgeworfen, den Auftrag ohne Ausschreibung an eine Eventfirma vergeben zu haben. Sie räumt Fehler ein, beruft sich aber darauf, die Überprüfung des Vorgangs selbst veranlasst zu haben. «Ich bin in dieser Angelegenheit sehr entspannt», sagt sie. Und lächelt. Doch sollte Anklage erhoben werden, wird sie ihren Posten räumen müssen. Es wäre ein harter Rückschlag. Vor allem für Macron.

Dann fotografiert sie Vögel

Von den Gewerkschaften hat Pénicaud nichts zu befürchten, bisher jedenfalls. Das verdankt sie ihrem Vorleben als Personalmanagerin. «Ich kenne mich aus in der Materie, und ich kenne meine Verhandlungspartner schon», sagt sie. «Das schafft Vertrauen.» In der Tat: Die Gewerkschaftsbosse zollen ihr öffentlich Respekt. Bei der Arbeitsreform stellte sich allein die kommunistisch geprägte CGT gegen Pénicaud. Ihrem Protestaufruf folgten gestern im ganzen Land mehrere Zehntausend Menschen. Die gemässigten Gewerkschaften zog Pénicaud dagegen auf ihre Seite.

Energiegeladen, aber kontrolliert. Freundlich, aber bestimmt. So ist sie. Man kann sich vorstellen, dass sie eine nervenstarke Verhandlerin ist, die meist bekommt, was sie will. Sie ist ja nicht nur Historikerin, sondern auch Psychologin. Und wenn sie Stress abbauen muss, geht sie raus in die Natur und fotografiert Vögel. Im Büro hat sie zwei grosse Schwarzweissfotos aufgestellt.

Proteste schrecken sie nicht ab

Sie kennt dieses Büro eigentlich schon lang. In den Neunzigern hatte sie als Personalexpertin den Sprung in das Team der damaligen sozialistischen Arbeitsministerin Martine Aubry geschafft. Aubry bescherte Frankreich die 35-Stunden-Woche – Pénicaud macht sie nun en passant zu Makulatur. «Man sagt, dass ich sie ausgebildet habe. Aber ich finde sie ziemlich missgebildet», ätzt Aubry über ihre Amtsnachfolgerin. Pénicaud sagt, so etwas treffe sie nicht.

Sie hat gefährlichere Gegner als ihre Ex-Mentorin: Schon letzte Woche gingen landesweit gegen eine halbe Million Menschen auf die Strasse. Für morgen hat der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon zu einer Grossdemonstration in Paris aufgerufen. Der Protest schwillt an. «Wir weichen nicht zurück», sagt Pénicaud. Nichts soll sie aufhalten – bei der Verwandlung Frankreichs.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2017, 20:02 Uhr

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