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Furchtbar fruchtbar

Juden können sich vielerorts nicht mehr sicher fühlen. Die Gesellschaft muss dagegen aufstehen.

Schändungen Dutzender Grabsteine in Frankreich, die Diskussion über die Verbreitung von Antisemitismus unter Polen und die Austritte von neun Labour-Abgeordneten auch aus Protest gegen die nicht eindeutige Haltung ihres Parteichefs Jeremy Corbyn: Es wird gerade in vielen Ländern über Antisemitismus in all seinen Ausprägungen diskutiert. Darin liegt eine Chance für Klarstellungen. Denn es geht um eine Gemengelage, die toxisch ist und vom Nahostkonflikt überlagert wird. Fast jeder hat dazu eine Meinung, und daraus entstehen Haltungen, die oft keinen Platz mehr für Differenzierung lassen – was gerade bei dem Thema dringend geboten ist.

Viele Juden in Europa und neuerdings auch in den USA fühlen sich nicht mehr sicher. Umso wichtiger ist die Reaktion, die Tausende Menschen in Frankreich mit ihrer Demonstration gegen Antisemitismus gezeigt haben.

Es war höchste Zeit. Und es muss aufrütteln, wenn Überlebende der Schoah in Deutschland und Österreich warnen, es könne sich «eine neue Art Holocaust» ereignen. Alle Teile der Gesellschaft müssen dies ernst nehmen. Denn es haben sich in den vergangenen Jahren Grenzen des Sagbaren und Ertragbaren verschoben. Wer hätte es vor einigen Jahren für möglich gehalten, dass die Zeit des Nationalsozialismus mit einem «Vogelschiss» gleichgesetzt wird, wie dies der AfD-Politiker Alexander Gauland getan hat?

In den USA, wo sich Juden bisher sicher wähnten, stellt das Massaker an elf Juden in der Synagoge von Pittsburgh 2018 eine Zäsur dar.

So wie das Recht von manchen gebogen wird, so gibt es eine Biegung der Geschichte – nicht nur in Deutschland. In Ungarn preist Regierungschef Viktor Orbán das für die Deportation Hunderttausender Juden verantwortliche einstige Staatsoberhaupt Miklós Horthy. In Polen verbietet ein Gesetz, die polnische Mitschuld am Massenmord von Juden zu benennen. In Österreich kann ein FPÖ-Politiker nach kurzer Auszeit zurückkehren, selbst wenn er Aussagen in einem Liederbuch zu verantworten hat, dass man die Vergasung der siebten Million auch noch schaffe.

In den USA, wo sich Juden bisher sicher wähnten, stellt das Massaker an elf Juden in der Synagoge von Pittsburgh 2018 eine Zäsur dar. Mit Donald Trump regiert hier ein Präsident, der gegen Minderheiten agiert und dazu beiträgt, dass Rassismus in vielerlei Form zutage tritt.

Auch in Israel erstarkt der Rassismus, und im Nationalstaatsgesetz wird der «jüdische Staat» betont. Kritik am Handeln der Regierung oder am Agieren der Streitkräfte in palästinensischen Gebieten wird oft als antizionistisch oder antisemitisch abgetan – nicht nur von Regierungsvertretern, sondern auch von Aktivisten weltweit.

Falsch ist es auch, jede Kritik an Israel als antisemitisch einzustufen.

Gleichzeitig hat Israels Premier Benjamin Netanyahu kein Problem damit, Politiker wie Orbán oder den philippinischen Hitler-Bewunderer Rodrigo Duterte als «wahre Freunde Israels» zu bezeichnen. Er schliesst sich einer antisemitischen Kampagne gegen George Soros an und geht sogar so weit, in einer Erklärung in Warschau Antisemitismus mit Antipolonismus gleichzusetzen. Das ist genauso falsch wie die von Aussenminister Israel Katz wiederholte Aussage von Yitzhak Shamir, alle Polen hätten Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen.

Falsch ist es auch, jede Kritik an Israel als antisemitisch einzustufen. Es gilt jedoch, schleunigst aufzustehen und klar Stellung zu beziehen gegen verbale Angriffe und physische Attacken.

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