Sie sind die Sensation im bayerischen Wahlkampf

Die Grünen mit Spitzenkandidatin Katharina Schulze überzeugen als politischer Gegenpol zur CSU. Was machen sie richtig?

«Macht ist nichts Schlimmes»: Katharina Schulze während einer Wahlveranstaltung in München. Foto: Andreas Gebert (Getty Images)

«Macht ist nichts Schlimmes»: Katharina Schulze während einer Wahlveranstaltung in München. Foto: Andreas Gebert (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Katharina Schulze ist eine Wucht. Wenn die 33-Jährige redet, dann bewegt sich ihr ganzer Körper. Wenn sie lacht, genauso. Sie spricht so schnell, dass ihr die Wörter nur so aus dem Mund purzeln, und dennoch so klar, dass eine Jury sie gerade zur besten Rednerin des bayerischen Landtagswahlkampfs gekürt hat.

Selbst Konkurrenten halten Katharina Schulze für ein aussergewöhnliches politisches Talent. Die Frau mit den blonden Haaren und den blauen Augen vereint Energie, Empathie und Kompetenz. Sie ist frech, leidenschaftlich und lustig, am liebsten auf der grossen Bühne, mit dem Mikrofon in der Hand.

Ein aufregendes Duo

Sie strahlt eine Fröhlichkeit aus, die ansteckt. Sie reisst andere mit und hat auch schon bewiesen, dass sie sich gegen starke Gegner durchzusetzen weiss: Die Olympia-Kandidatur Münchens (2010) und die dritte Startbahn des Flughafens (2012) etwa bodigte die grüne Oppositionspolitikerin fast im Alleingang.

Zusammen mit dem ähnlich schnell sprechenden 40-jährigen Ludwig Hartmann, der wie Schulze in der Nähe von München aufgewachsen ist, bildet sie das erfrischendste und aufregendste Duo dieses Wahlkampfs. «Wir bleiben auf dem Teppich», zitiert Schulze jetzt gerne Winfried Kretschmann, den grünen Ministerpräsidenten des benachbarten Baden-Württemberg. «Auch wenn der Teppich fliegt.»

18 Prozent Stimmenanteil für die Grünen messen die Umfragen vier Tage vor der Wahl. Es ist eine Sensation. 2013 holten sie nicht einmal die Hälfte, nun rangieren sie mehrere Prozentpunkte vor SPD oder Alternative für Deutschland als zweitstärkste Partei in Bayern. Den Höhenflug verdanken die Grünen zuallererst dem Duo infernale Schulze und Hartmann. Aber mindestens ebenso sehr der Schwäche der Konkurrenz.

Europe united, 
nicht Bavaria first: Dafür stehen Ludwig ­Hartmann und 
Katharina Schulze.

Die Sozialdemokraten etwa wirken im Vergleich zu den Grünen schrecklich altbacken und angestrengt. Ihr Wahlkampf krankt am eklatanten Widerspruch, dass sie sich in Bayern als harte Gegenspieler der CSU gerieren, mit dieser in Berlin aber unter einer Koalitionsdecke stecken. Die CSU wiederum spielte den Grünen lange direkt in die Hände: Je schärfer Ministerpräsident Markus Söder im Sommer gegen Flüchtlinge und die EU polemisierte, um Stimmen von der AfD zurückzugewinnen, umso mehr trieb er liberale oder kirchennahe Wähler zu den Grünen.

«Die Leute haben keine Lust mehr auf Angst, Aggression, Konfrontation», sagt Schulze im Gespräch. Und viele Bayern, die sich politisch in der Mitte sähen, zögen eine proeuropäisch-liberale Politik einer nationalistisch-autoritären entschieden vor. Während Söders CSU mal hierhin, mal dorthin irrlichterte, zogen die Grünen ihre Haltung durch – und erscheinen nun vielen Bürgern unverhofft als jene rationale Partei von «Mut und Zuversicht», die früher die CSU quasi natürlich verkörperte.

Eher in der Mitte statt links

So stiegen die Grünen emotional und politisch zum Gegenpol der Staatspartei auf, was ihr Profil zusätzlich schärfte. Wie wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, stand erstmals in der Geschichte bayerischer Landtagswahlen im Fernseh-Duell des Bayerischen Rundfunks dem CSU-Kandidaten diesmal kein Sozialdemokrat gegenüber, sondern der Grüne Hartmann. (Schulze durfte nicht ran, weil in Bayern mindestens 40 Jahre alt sein muss, wer Ministerpräsident werden will.)

Ideologisch stehen die Grünen in Bayern eher in der linken Mitte als links und verbinden Haltung und Pragmatismus in einer Weise, wie man sie von den Grünen in Baden-Württemberg oder Hessen kennt. «Wir wollen die Welt pragmatisch retten», bringt es Schulze auf den Punkt. Ihre Grünen wenden sich nicht nur an ein grossstädtisch akademisches, sondern ebenso an ein mittelständisch bürgerliches Publikum, das häufig weltoffener und ökologisch bewusster lebt als seine christdemokratischen Eltern.

Entsprechend wachsen die bayerischen Grünen nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Hartmanns Initiative gegen den «Flächenfrass» durch Gewerbegebiete etwa überzeugte auch viele frühere CSU-Wähler, die um die Verschandelung ihrer Heimat fürchten.

Die studierten Grossstadtkinder Hartmann und Schulze fühlen sich in Lederhose und Dirndl so wohl, dass sie die Tracht im bayerischen Bierzelt-Wahlkampf manchmal kaum noch auszogen. Schaut her, sagte ihr Aufputz: Man kann Bayern auch lieben, ohne den rückwärtsgewandten Heimat-Konservatismus der CSU zu teilen.

Endlich regieren?

Das Selbstbewusstsein der bayerischen Grünen ist in den vergangenen Monaten so stark gewachsen, dass sie nach 30 Jahren Mäkel-Opposition nun gerne mitregieren würden. «Die Leute wollen, dass aus grünen Ideen konkrete Politik wird», sagt Hartmann. Nach Lage der Dinge müssten Schulze und Hartmann dafür Söders Juniorpartner werden. Geht das? Vom grösstmöglichen Gegenentwurf zum Regierungskomplizen?

Ausschliessen tun es weder Christlich-Soziale noch Grüne, und fast die Hälfte der Wähler wünscht laut Umfragen eine Koalition dieser beiden Parteien. «Über eine ökologischere, gerechtere und europäischere Politik kann man mit uns immer sprechen», sagt Schulze. «Für eine anti-europäische und autoritäre Politik hingegen stehen wir nicht zur Verfügung.» Europe united, nicht Bavaria first, dafür stehe sie. In Fragen der Migration und der inneren Sicherheit dürften sich CSU und Grüne vermutlich schwerer einig werden als etwa im Umweltschutz oder beim sozialen Wohnungsbau.

«Macht ist nichts Schlimmes», sagt Schulze. Sie sei jedenfalls nicht in die Politik gegangen, um am Ende am Spielfeldrand zu stehen. Sollten Markus Söder und Katharina Schulze nach der Wahl tatsächlich zusammenfinden, entstünde dabei aber nichts weniger als die wildeste Ehe der deutschen Politik.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2018, 22:59 Uhr

Artikel zum Thema

Söder manövriert sich ins Elend

100 Versprechen, Milliardengeschenke, erst scharfe Worte, dann versöhnliche: Markus Söders Wahlkampf für die CSU in Bayern ist ein Ausdruck von Angst und Ratlosigkeit. Mehr...

Gehört die AfD inzwischen dazu?

Reportage Zuletzt erreichte die AfD in Bayern 12 Prozent. Ein kurzer Protest, dachten viele. Doch der Wind hat sich gedreht. Spurensuche in der westdeutschen AfD-Hochburg. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...