Fast jeder Zweite glaubt an Verschwörungstheorien

Der Glaube an geheime Mächte ist laut einer Studie weit verbreitet in Deutschland. Das kann die Demokratie gefährden.

Medien und Politik stecken unter einer Decke: «Lügenpresse»-Vorwürfe an einer AfD-Demonstration.

Medien und Politik stecken unter einer Decke: «Lügenpresse»-Vorwürfe an einer AfD-Demonstration.

(Bild: Reuters)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Der Fall sorgte für grosses Aufsehen: Im bayerischen Georgensgmünd war an einem frühen Morgen im Oktober 2016 eine Spezialpolizeieinheit im Einsatz, um die im Haus von Wolfgang P. gelagerten Waffen zu beschlagnahmen. Dieser eröffnete das Feuer und schoss elfmal durch die verschlossene Tür. Vier Polizisten wurden verletzt, einer von ihnen starb später an seinen Verletzungen. Wolfgang P. gehörte der Reichsbürger-Szene an, die sich weigert, die Bundesrepublik Deutschland als Staat anzuerkennen. Wolfgang P. lebte in einer Welt der Verschwörungstheorien. Als die Polizisten anrückten, war es für ihn logisch, mit Waffengewalt zu reagieren. Die Vertreter eines illegitimen Staats waren für Wolfgang P. Teil einer gross angelegten Verschwörung.

Der Fall Wolfgang P. ist ein Extremfall, weil hier zu seiner Verschwörungsmentalität auch eine Gewaltbereitschaft dazugekommen war. Gemäss einer gängigen Definition handelt es sich bei einer Verschwörungstheorie um die Überzeugung, dass es einen geheimen Plan vonseiten einer bösartigen Gruppe gibt oder gab, wichtige Ereignisse mit teilweise geheimen Mitteln herbeizuführen oder zu beeinflussen. Eine der bekanntesten Verschwörungstheorien ist jene zum 11. September 2001. Die Verschwörungstheoretiker glauben nicht an die offizielle Version eines terroristischen Anschlags. Sie vermuten die CIA als Strippenzieher hinter der Tragödie von 9/11. Die Zahl der Verschwörungstheorien ist so gross wie die menschliche Fantasie.

Verschwörungstheorien gibt es allerdings nicht nur in kleinen, skurrilen Kreisen. Zustimmung finden diese auch in der breiten Bevölkerung von modernen Gesellschaften, wie Studien bereits zeigten. Eine Untersuchung der Konfliktforscher der Universität Bielefeld im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Deutschland bestätigt nun diesen Befund und liefert Zahlen, die aufhorchen lassen.

Misstrauen in Politiker, Medien und Experten

«Verschwörungsmentalität ist in Deutschland aktuell weit verbreitet», heisst es in der am Donnerstag veröffentlichten «Studie Verlorene Mitte – Feindselige Zustände». Die sogenannte Mitte-Studie untersucht seit 2002 antidemokratische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung. Gemäss der Studie hängen Demokratiefeindlichkeit und Verschwörungstheorien zusammen.

Anhand von Umfragen ermittelten die Bielefelder Forscher die gesellschaftliche Verbreitung von Verschwörungsmentalität und Wissenschaftsfeindlichkeit inklusive Klimawandelleugnung. Den befragten Personen wurden fünf Aussagen vorgelegt. Dabei mussten sie sagen, ob sie den folgenden Aussagen zustimmen oder nicht.

  • Es gibt geheime Organisationen, die grossen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Zustimmung: 45,7 Prozent.
  • Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten von dahinterstehenden Mächten. Zustimmung: 32,7 Prozent.
  • Die Medien und die Politik stecken unter einer Decke. Zustimmung: 24,2 Prozent.
  • Ich vertraue meinen Gefühlen mehr als sogenannten Experten. Zustimmung: 50,4 Prozent.
  • Studien, die einen Klimawandel belegen, sind meist gefälscht. Zustimmung: 11,6 Prozent.

Im weiteren ergab die Mitte-Studie, dass Männer (43,9 Prozent) tendenziell eher an Verschwörungstheorien glauben als Frauen (33,9 Prozent) und dass die Bildung eine Rolle spielt für die Verschwörungsmentalität. Menschen mit niedrigem und mittlerem Bildungsniveau (48,6 Prozent respektive 42,2 Prozent) sind deutlich empfänglicher für Verschwörungstheorien als Personen mit hohem Bildungsniveau (25,3 Prozent).

Keine Rolle spielen dagegen Alter, Wohnort und Beruf. Allerdings: Menschen, die Verschwörungstheorien zustimmen, beurteilen ihre eigene wirtschaftliche Lage tendenziell negativ, insbesondere im Vergleich zu den im Land lebenden ausländischen Personen. Derselbe Befund gilt auch für die generelle Wirtschaftslage in Deutschland: Verschwörungstheoretiker scheinen diese eher pessimistisch zu sehen.

Menschen glauben insbesondere dann an Verschwörungstheorien, wenn sie Kontrollverlust erleben. Das kann sich unterschiedlich äussern und verschiedene Gründe haben: vom plötzlichen Verlassenwerden nach einer langen Beziehung über kurzfristig unsichere Zeiten im Beruf bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen. Der Kontrollverlust wird kompensiert, indem man sich Welterklärungen zu eigen macht, die keine sind. In diesen alternativen Erklärungen gibt es zudem Sündenböcke.

Verschwörungstheorien begünstigen Menschenfeindlichkeit

Die Verbreitung von Verschwörungstheorien hat gemäss der Mitte-Studie bedenkliche Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie. Wenn etwa politische Eliten als Teil einer Verschwörung betrachtet werden, folgt daraus ein Demokratiemisstrauen. Ausserdem: Wer Verschwörungstheorien anhängt, neigt stärker zu menschenfeindlichen Einstellungen wie Muslim- und Fremdenfeindlichkeit oder auch Antisemitismus. Es ist kein Zufall, dass Anhänger von Verschwörungstheorien vor allem bei populistischen Bewegungen und Anti-System-Parteien gehäuft auftreten.

Eine gesunde Skepsis gegenüber Autoritäten und Institutionen sei für eine funktionierende Demokratie nicht nur angebracht, sondern notwendig, heisst es in der Mitte-Studie. «Wenn eine solche Skepsis jedoch in grundsätzliches Misstrauen kippt, dann wird Verschwörungsmentalität zur Belastung im alltäglichen Miteinander.» Und weiter: «Kommen zum generellen Misstrauen Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft hinzu, entsteht ein explosiver Cocktail, der nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet, sondern auch den demokratischen Grundkonsens.»

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