Fall Skripal: Russischer «Tourist» als «Held Russlands» identifiziert

Die Recherchegruppe Bellingcat will einen der beiden Verdächtigen im Fall Skripal auch namentlich identifiziert haben.

Ruslan Boschirow soll in Wirklichkeit Anatoli Tschepiga heissen. (Bild: London Metropolitan Police)

Ruslan Boschirow soll in Wirklichkeit Anatoli Tschepiga heissen. (Bild: London Metropolitan Police)

Die Recherchegruppe Bellingcat will in Zusammenarbeit mit dem Portal The Insider die wahre Identität eines der Verdächtigen im Fall Skripal herausgefunden haben. Demnach handelt es sich bei Ruslan Boschirow um Oberst Anatoli Wladimirowitsch Tschepiga, einen Geheimdienstagenten.

Bereits zuvor hatte Bellingcat detailliert die Verbindungen der beiden Verdächtigen zum russischen Geheimdienst GRU aufgezeigt. Die Journalisten kamen zum Schluss, dass Alexander Petrow und Boschirow falsche Identitäten des GRU sind.

Laut Bellingcat soll Tschepiga im zweiten Tschetschenienkrieg gedient und bei der russischen Militäraktion gegen die Ukraine teilgenommen haben. 2014 soll Tschepiga sogar mit der höchsten Ehre seines Landes ausgezeichnet worden sein, dem «Helden Russlands», der für gewöhnlich vom Präsidenten persönlich übergeben wird. Mehrere anonyme Quellen hätten die Identität bestätigt.

Der Militärgeheimdienst Russlands gilt als Elitetruppe mit disziplinierten und loyalen Agenten. Laut Experten ist der GRU bekannt dafür, dass er Verräter hart bestraft. Im Fall Skripal stand der GRU schon von Beginn weg unter Verdacht.

Ein Land sollte seine Helden kennen, twitterte das Recherchenetzwerk dazu ironisch:

Die Recherche habe gezeigt, dass Tschepiga am 5. Mai 1979 in Russland nahe der chinesischen Grenze geboren wurde. Als 18-Jähriger sei er auf eine Militärschule gegangen, die als Eliteschule für Marinesoldaten gelte. 2001 habe Tschepiga die Ausbildung dort mit Auszeichnung abgeschlossen. Sein Alter Ego «Ruslan Boschirow» soll er zwischen 2003 und 2010 bekommen haben. Unter dem Namen sei er nach Moskau versetzt worden.

The Insider und Bellingcat suchten nach Absolventen der Militärschulen von 2001-2003, wo die Geheimdienstmitarbeiter für Auslandseinsätze und intensiv in einer Fremdsprache ausgebildet werden. Die Journalisten wurden fündig.

Die Recherchen ergaben, dass Tschepigas Name sogar auf einem Denkmal von Konstantin Rokossowski, einem ehemaligen Offizier der Sowjetunion, zu finden ist.

Touristen in Salisbury

Die SonntagsZeitung berichtete vor rund zwei Wochen darüber, dass sich die zwei mutmasslichen GRU-Agenten vor dem Nervengift-Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergei Skripal und dessen Tochter in Genf aufhielten.

Präsident Putin forderte die Verdächtigen danach auf, sich in den Medien zu den Vorwürfen zu äussern, was prompt geschah. Zwei Männer behaupteten in einem TV-Interview, sie seien als Touristen wohl zufällig an Skripals Haus im südenglischen Salisbury vorbeigegangen.

Touristen oder Attentäter? Alexander Petrow (r.) und Ruslan Boschirow nehmen im russischen Fernsehen Stellung. Bild: RTvia Ruptly

In Genf seien sie tatsächlich gewesen, «zum Relaxen» und «hauptsächlich für Business», dem Einkauf von Sportlernahrung. Die Anzahl ihrer Reisen nach Europa sei aber übertrieben dargestellt worden. Der SonntagsZeitung liegen Angaben zu Flügen vor, die wiederholte und längere Schweiz-Aufenthalte bis rund einen Monat vor der Skripal-Attacke mit vier Verletzten und einem Todesopfer nahe legen.

Bei der Aufklärung des Anschlags kam auch dem schweizerischen Geheimdienst eine zentrale Rolle zu. Bald nach dem Attentat fanden sich Spuren in die Schweiz. Erste Auswertungen ergaben: Die beiden mutmasslichen Auftragsmörder hatten sich in den Monaten vor der Tat mehrmals und zum Teil länger in Genf aufgehalten.

Bellingcat erlangte internationale Bekanntheit, als das Netzwerk nach jahrelangen Recherchen belegen konnte, dass der Abschuss des Fluges MH17 über der Ukraine mit russischen Raketen erfolgte. Die internationalen Ermittler unter Leitung der Niederländer kamen später zum gleichen Schluss.

TA/NN/nag

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