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Extreme Hitze, Lärm und donnernde Züge: 11-Stunden-Odyssee zahlt sich aus

Ein sudanesischer Flüchtling erhält nach seinem Lauf durch den Eurotunnel Asyl in Grossbritannien. Politiker warnen vor einem falschen Signal.

Wird aus dem Gefängnis entlassen: Abdul Rahman Haroun (Mitte) mit seiner Anwältin (links) und Unterstützern.
Wird aus dem Gefängnis entlassen: Abdul Rahman Haroun (Mitte) mit seiner Anwältin (links) und Unterstützern.
Reuters

Er schaffte, was noch keinem Flüchtling vor ihm gelang: Abdul Rahman Haroun durchquerte den gesamten Eurotunnel unter dem Ärmelkanal von Frankreich nach England zu Fuss – mehr oder weniger in kompletter Dunkelheit. Der bereits 40-Jährige nahm unglaubliche Strapazen in Kauf, um nach Grossbritannien zu kommen. Er überwand vier Zäune und schlich sich an zahlreichen Wachen mit Hunden vorbei, um in den Tunnel zu gelangen. Dort umging er Hunderte Überwachungskameras und schaffte es zudem, nicht von den Zügen erfasst zu werden, die mit bis zu 160 Stundenkilometern durch den Tunnel donnern. Dabei musste er extrem heisse Temperaturen, Lärm und wechselnden Luftdruck aushalten.

11 Stunden brauchte Haroun für die rund 50 Kilometer des Eurotunnels. Aus Angst entdeckt zu werden, legte er die Strecke – länger als ein Marathon – im Dauerlauf zurück. Kurz bevor er es geschafft hatte, löste der Flüchtling dann aber doch noch einen Alarm aus. Von Calais am französischen Eingang des Tunnels brach die Polizei mit einem Kontrollzug auf, um den Eindringlich zu suchen. Deshalb musste der Verkehr für zwei Stunden gesperrt werden. Erst kurz vor dem Ende des Bauwerks in Folkestone wurde Haroun von der britischen Polizei ertappt und festgenommen. Seither sass er in Untersuchungshaft, angeklagt wegen des Vorwurfs der Verkehrsbehinderung.

Gesetz aus dem Jahr 1861

Die Odyssee von Haroun schien kein glückliches Ende zu nehmen. Der 40-Jährige stammt ursprünglich aus dem ostafrikanischen Land Sudan. Laut der englischen Zeitung «The Telegraph» reiste er von dort aus durch Nordafrika und segelte über das Mittelmeer, bevor er quer durch Europa bis nach Calais gelangte. In Folkestone endete seine Reise mit der Festnahme abrupt.

Nun hat sich das Blatt aber zum Guten gewendet. Haroun hat am Montag erfahren, dass ihm die britische Regierung Asyl zugesteht. Wie der Rechtsbeistand des 40-jährigen Flüchtlings erklärte, sei die Nachricht überbracht worden, als Haroun vor Gericht in Canterbury erschien, wo ein Prozess wegen Verkehrsbehinderung starten sollte. Denn die Lahmlegung des Verkehrs im Eurotunnel verursachte Verspätungen für Passagiere und Güterzüge. Wegen des bewilligten Asylantrages wurde die Gerichtsanhörung um zwei Wochen vertagt. Die Anwältin des Flüchtlings erklärte, dass die Staatsanwaltschaft sogar erwäge, die Anklage wegen Behinderung der Eisenbahn fallen zu lassen. Das Gesetz, nach dem Haroun bestraft werden soll, stammt noch aus dem Jahr 1861.

Kritik von Politikern

Die Milde der britischen Regierung stösst auf Kritik. Mehrere Politiker und auch der Tunnelbetreiber sind enttäuscht über deren Entscheidung. Was der Flüchtling getan habe, sei extrem riskant gewesen und habe das Leben von Passagieren und Arbeitern im Tunnel in Gefahr gebracht, sagte Eurotunnel-Sprecher John Keefe. Die Behörden hätten die Härte des Gesetzes zur Abschreckung nutzen sollen. «Wir glauben, dass dies nur ein Anreiz für andere illegale Migranten wäre, in unser Land zu kommen», so Keefe.

Damian Collins, ein Parlamentarier der Konservativen, ist derselben Meinung. Zur Zeitung «Daily Mail» sagte er: «Menschen, die das Gesetz brechen, sollten das Recht auf Asyl verlieren. Das ist die komplett falsche Botschaft an die anderen Flüchtlinge, die in Calais warten.» Peter Bone von der Tory-Partei fragt sich ebenfalls, welches Signal mit einer solchen Entscheidung ausgesendet wird. «Es muss eine Bestrafung geben für diesen Gesetzesbruch», meinte Bone. Es könne doch nicht sein, dass dieser Mann sowohl Asyl erhalte und auch noch straffrei davonkomme.

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