«Es waren regelrechte Hinterhalte vorbereitet»

Im Dauereinsatz beim G-20-Gipfel: Polizist Bernd Bürger erzählt, was dabei mit einem geschieht.

«Mit den normalen Demonstranten hatten wir null Probleme»: Bernd Bürger (40) ist Leiter des Unterstützungskommandos der Bereitschaftspolizei Dachau.

«Mit den normalen Demonstranten hatten wir null Probleme»: Bernd Bürger (40) ist Leiter des Unterstützungskommandos der Bereitschaftspolizei Dachau.

Wie geht es Ihnen?
Ziemlich bescheiden. Geistig und auch körperlich. Wir waren insgesamt mehr als 60 Stunden auf den Beinen. Donnerstagmittag ging es los bis Sonntagmorgen um vier Uhr, halb fünf. Zwischendrin gab es drei Pausen, einmal eine Stunde, dann zwei, dann drei Stunden. Das zehrt ganz schön.

Manche Polizisten berichten, dass sie in Hauseingängen geschlafen haben. Erging es Ihnen auch so?
Von diesen Fällen habe ich gehört. Wir hatten aber ein Riesenglück, wir waren in einem sehr guten Hotel untergebracht. Die haben sich sehr um uns gekümmert, selbst mitten in der Nacht wurde uns Frühstück gemacht. Also die kurze Zeit, die wir Ruhe hatten, war wirklich top.

Wie kommt man nach einer Stunde Schlaf wieder auf die Beine?
Ich war überrascht, wie es dann doch geht, wir hatten jede Menge Laufstrecken hinter uns zu bringen, teilweise bei enormer Hitze und immer in voller Montur. Der Helm, die Arm- und Tiefenschoner, alles zusammen wiegt schon an die 20 Kilo. Aber komischerweise ging das Laufen ab einem bestimmten Ermüdungszustand sogar leichter. Da passiert irgendetwas im Körper, das war völlig verrückt.

Das war auch für Sie eine Grenzerfahrung?
Absolut. Das Denken fällt nach einer Weile wirklich schwerer. Man kann sich noch merken, wo die nächste Lage ist, wie viele Täter dort vermutet werden, aber alles, was sonst so nebenher mitläuft, die Festnahmezahlen, solche Sachen, das geht dann nicht mehr.

«Auf so eine Situation konnte niemand vorbereitet sein.»

Ist es überhaupt zu verantworten, die Beamten so lange im Einsatz zu lassen?
Zu verantworten war es bestimmt, was soll man auch sonst machen. Es gibt nur eine bestimmte Zahl an Polizisten und auf so eine Situation konnte niemand vorbereitet sein. Etwas anderes ist, ob ein Einsatz von solch einer Dauer noch sinnvoll ist. Man weiss ja, dass chronische Übermüdung das Kurzzeitgedächtnis beeinflusst, dass es schwerer wird, die Emotionen unter Kontrolle zu halten. Das ist nicht optimal. Aber ich muss sagen, dass meine Kollegen auch bei den ganz schweren Lagen ruhig geblieben sind. Da zahlt sich vermutlich unsere Spezialausbildung aus; man hat es ja bei anderen Einheiten gesehen, wo Kollegen teilweise zusammengebrochen sind.

Keiner hat mal gesagt: «Mir reichts»?
Nein, im Gegenteil. Selbst die, die verletzt wurden, sind wieder angetreten. Man will dann ja auch seine Arbeit machen und die Rädelsführer auch schlicht festnehmen. Intensiver Einsatz: Polizisten in der Nähe des Millerntor-Stadions in Hamburg. (Bild: Keystone/Filip Singer)

Wie ist das Verhältnis von Autonomen und friedlichen Protestierern?
Die haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Ich bin seit zehn Jahren beim Unterstützungskommando. Man entwickelt einen Sinn für diese Extremisten, die hassen den Staat und die Polizei einfach. Die waren den ganze Tag in Kleingruppen unterwegs, die zerstören, dann ziehen sie sich um, und sehen aus wie 18-jährige Schüler. Die sind hochprofessionell. Mit den normalen Demonstranten hatten wir null Probleme. Wenn man die gebeten hat, Platz zu machen, haben die das einfach gemacht.

Haben Sie solch einen Einsatz wie Hamburg schon einmal erlebt?
Ich war in Gorleben mit dabei, auch beim G-8-Gipfel in Heiligendamm. Auf einen Tag gesehen, haben wir da so etwas wie jetzt in Hamburg schon gesehen. Aber die Dauer und die Intensität bei diesem Einsatz – das war einzigartig.

Hatten Sie Angst?
Es war mir jedenfalls klar, dass Lebensgefahr besteht. Da waren regelrechte Hinterhalte für uns vorbereitet, in der Schanze sollten wir mit schweren Steinplatten und Molotowcocktails empfangen werden. Und wenn Sie mich fragen, ob ich das noch mal erleben will? Nein, danke.

Zwei Videosequenzen zeigen die Gewaltbereitschaft der Straftäter. Video: Polizei Hamburg

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