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Der Traum von Europa ist für 202 Flüchtlinge zerplatzt

Die Rückführung der Migranten ist auch ein symbolischer Akt, der zeigen soll: Kommt nicht in die EU – ihr werdet zurückgeschickt.

Die erste Fähre verlässt den Hafen Mytilene auf Lesbos, um Migranten nach Dikili in der Türkei zurückzuschaffen.(4. April 2016)
Die erste Fähre verlässt den Hafen Mytilene auf Lesbos, um Migranten nach Dikili in der Türkei zurückzuschaffen.(4. April 2016)
Orestis Panagiotou, AFP
Auf zu türkischen Ufern: Migranten besteigen im Hafen von Mytilini, Insel Lesbos, eine Fähre. Diese bringt die Flüchtlinge in die Türkei. (4. April 2016)
Auf zu türkischen Ufern: Migranten besteigen im Hafen von Mytilini, Insel Lesbos, eine Fähre. Diese bringt die Flüchtlinge in die Türkei. (4. April 2016)
Petros Giannakouris, AFP
Auch in Idomeni an der mazedonisch-griechischen Grenze harren immer noch Tausende aus. Sie sollen in Auffanglager und von dort in die Türkei gebracht werden. (20. März 2016)
Auch in Idomeni an der mazedonisch-griechischen Grenze harren immer noch Tausende aus. Sie sollen in Auffanglager und von dort in die Türkei gebracht werden. (20. März 2016)
AP Photo/Darko Vojinovic
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Als das türkische Passagierboot «Lesvos» die Leinen löst, ertönen Sprechchöre im Hafen von Lesbos. «Shame on you, EU!», «Schande über dich, Europa!», rufen ein paar Dutzend Aktivisten, die am Montagmorgen vor Ort die erste Rückführungsaktion von Flüchtlingen und Migranten in die Türkei verfolgen. Doch schnell verstummen auch sie, und bald ist ausser den Schiffsmotoren nichts mehr zu hören.

202 Menschen, hauptsächlich aus Pakistan und aus nordafrikanischen Ländern, wurden mit drei kleinen Passagierschiffen von den griechischen Inseln Lesbos und Chios in die gegenüberliegende türkische Küstenstadt Dikili gebracht. Die erste Rückführungsaktion im Rahmen des Flüchtlingspaktes zwischen der EU und der Türkei verlief reibungslos – dafür sorgten auf Lesbos und Chios ein grosses Aufgebot griechischer Polizisten und Mitarbeiter der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Die ersten beiden Schiffe mit Migranten sind auf dem Weg zurück in die Türkei. (via Twitter/Gultuysuz

Gespräche und Fotografieren verboten

Nach Angaben der griechischen Polizei gab es auch zuvor im «Hotspot» von Lesbos kein Problem, als die Flüchtlinge zu den Bussen geleitet wurden, die sie zum Hafen brachten. Überprüfen liess sich das allerdings nicht - die Polizei patrouilliert mittlerweile vor dem Auffanglager und um den «Hotspot» herum. Fotografieren - selbst von aussen - ist dort neuerdings ebenso verboten wie das Gespräch mit den Lagerbewohnern durch den meterhohen Maschendrahtzaun hindurch.

Dafür spricht die Körpersprache der Menschen Bände, die am Hafen umringt von Sicherheitsleute die Boote besteigen. Die Schultern gebeugt, das wenige Hab und Gut in kleinen Rucksäcken, werfen sie keinen einzigen Blick zurück. Lediglich zwei Syrer sollen unter ihnen sein – sie hätten sich wegen familiärer Umstände in der syrischen Heimat freiwillig zur Rückreise gemeldet, heisst es. Alle anderen hatten laut Katerina Kitidi, UNHCR-Mitarbeiterin auf Chios, als Staatsbürger «sicherer» Herkunftsländer ohnehin keinen Anspruch auf Asyl oder haben keinen Asylantrag gestellt.

Weiter ins nächste Auffanglager

Das Passagierschiff «Nazli Jale» ist das erste der drei Boote, das kurze Zeit später im 25 Kilometer östlich gelegenen Dikili ankommt. Türkische Beamte gehen an Bord und schütteln den Vertretern von Frontex die Hände. Dann verlassen die Migranten einer nach dem anderen das Schiff. Sie werden zur Registrierung in drei Zelte gebracht, die am Hafen aufgeschlagen wurden; anschliessend steigen sie in Busse, mit denen es zu türkischen Auffanglagern gehen soll.

Auch in Dikili geht die Prozedur völlig ruhig vonstatten. Am Strand entwirren ein paar Fischer ihre Netze; sie berichten von einer Gruppe Flüchtlinge, die gerade erst am Morgen von der türkischen Küstenwache an der Überfahrt nach Lesbos gehindert worden sei. Ob also diese erste Rückführung wirklich den Anfang vom Ende des unkontrollierten Flüchtlingszustroms in die EU markiert?

Mangel an Experten

Fast alle Flüchtlinge in den «Hotspots» der griechischen Inseln haben mittlerweile Asyl beantragt. Es sei zwingend nötig, endlich aus anderen EU-Ländern ausreichend Asylexperten zur Verfügung zu stellen, fordert Katerina Kitidi. «Es muss sichergestellt werden, dass jeder Antrag individuell bearbeitet wird und dass es keine Art Rundum-Entscheidung gibt», sagt sie. Bisher seien viel zu wenige Asylfachleute vor Ort – das bestätigte auch ein Mitarbeiter der griechischen Küstenwache auf Chios am Montag .

Die korrekte und zügige Bearbeitung der Asylanträge jedoch ist der nächste, wenn nicht sogar der entscheidende Knackpunkt des ganzen Flüchtlingspaktes. Denn selbst bei einem «Schnellverfahren» muss mit bis zu vier Wochen Bearbeitungszeit gerechnet werden. Schon bald könnte es deshalb niemanden mehr geben, der zurückgeschickt werden kann – weil die Anträge noch nicht fertig bearbeitet wurden.

Täglich kommen weitere an

Hinzu kommt, dass die Flüchtlinge derweil interniert bleiben sollen. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk sieht aber die Zustände etwa im «Hotspot» von Lesbos äusserst kritisch. «Hier leben 2800 Menschen, obwohl das Lager nur für 2000 ausgelegt ist, und täglich kommen weitere hinzu», sagt Boris Cheshirkov, UNHCR-Sprecher vor Ort. Man arbeite bereits mit den griechischen Behörden an Alternativen zur Internierung - nicht zuletzt, weil auch griechische Gesetze es nicht zulassen, die Menschen unbegrenzt festzuhalten.

«Eigentlich dürfte diese Inhaftierung nur eine allerletzte Massnahme sein», sagt Cheshirkov. «Die meisten hier im Lager sind Kriegsflüchtlinge, viele Frauen, Kleinkinder, Schwangere, aber auch verletzte und traumatisierte Menschen, sogar Folteropfer. Diese Menschen brauchen besonderen Schutz statt eingesperrt zu werden.»

SDA/afo

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