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Erdogan gegen den türkischen Snowden

Er sagt Festnahmen voraus und kündigt Attentate an: Ein Whistleblower bringt den türkischen Regierungschef Erdogan seit einiger Zeit ins Schwitzen. Wer ist Fuat Avni?

Der mysteriöse Online-Whistleblower beschuldigt Erdogan sogar wegen «False Flag»-Angriffen: Fuat Avnis englischer Twitter-Account. (14.1.2015)
Der mysteriöse Online-Whistleblower beschuldigt Erdogan sogar wegen «False Flag»-Angriffen: Fuat Avnis englischer Twitter-Account. (14.1.2015)
Screenshot / Twitter

Es klingt ein bisschen wie ein Hollywoodthriller: ein anonymer Informant aus dem inneren Kreis einer Regierung, der einen Staatspräsidenten an der Nase herumführt. Seit längerer Zeit hält «Fuat Avni» die türkische Bevölkerung in Atem. In über 2000 Kurznachrichten verbreitete er über Twitter heikle Informationen – angeblich direkt aus dem «inneren Kreis» der Regierung von Präsident Erdogan, wie er selber behauptet. Tatsächlich hat sich Fuat Avni über die letzten Monate mit zum Teil akkuraten Vorhersagen zu politischen Geschehnissen in der Türkei eine gewisse Kredibilität erarbeitet. Mittlerweile folgen dem «türkischen Deep Throat», wie er von zahlreichen Medien genannt wird, auf Twitter über 800'000 Menschen. Auf der englischsprachigen Version seines Kanals sind es immerhin rund 25'000. Doch damit nicht genug: «Today’s Zaman», die englische Schwesterpublikation der türkischsprachigen, regierungskritischen Zeitung «Zaman», ernannte ihn zur «Person des Jahres». Der Einfluss von Fuat Avni sei mittlerweile so gross, dass letzten September sogar die Geldmärkte auf seine Meldung reagierten, wonach Erdogans Regierung zehn Banken genauer überwachen würde.

32 Festnahmen prognostiziert – 33 tatsächlich abgeführt

Weiter sagte Fuat Avni in einer Serie von Twitter-Nachrichten voraus, Erdogan plane die Festnahme von knapp 150 Journalisten am 12. Dezember. Nur wenig später berichtet er, die «Operation sei vertagt» worden. Tatsächlich wurden am darauffolgenden Wochenende mindestens 23 Journalisten verhaftet. Darunter primär Sympathisanten von Erdogans Erzfeind und ehemaligem Verbündeten, dem islamischen Prediger Fethullah Gülen, wie Ekrem Dumanli, Chefredaktor der Zeitung «Zaman», und Hidayet Karaca von Samanyolu TV – einem Sender, der auf Initiative Gülens hin gegründet wurde.

Beide Festgenommenen figurierten zuvor in den «Top 10» einer Liste der angeblich zu verhaftenden Journalisten, die Fuat Avni im Vorfeld der Razzien getwittert hatte. Ähnliches geschah im August letzten Jahres, als Fuat Avni die Prognose stellte, 32 Polizisten würden verhaftet. Tatsächlich wurden gemäss «Spiegel online» am nächsten Tag 33 Beamte abgeführt.

Nicht zuletzt sah Fuat Avni die Sperrung seines eigenen Twitter-Kontos voraus.

«False Flag»-Anschuldigungen gegen Erdogan

Am 11. Januar stellte Fuat Avni wieder Informationen bereit. Da es der Regierung bei den Festnahmen der Journalisten im Dezember nicht gelungen sei, die Gülen-Bewegung als «Terroristenorganisation zu brandmarken», seien weitere Unternehmungen nötig. Dies, weil die internationalen Medien die Verhaftungen in der Türkei als Angriff auf die Pressefreiheit verurteilt hatten.

Diese «nächsten» Unternehmungen sind die schwersten Anschuldigungen Fuat Avnis gegenüber Erdogans Regierung. Der Whistleblower behauptete, Erdogan schrecke nicht davor zurück, die eigene Bevölkerung zu attackieren, um die Oberhand gegen die Gülen-Bewegung zu gewinnen und die Kritik an der eigenen Person nach den Anschlägen in Paris zu minimieren. Er warnte davor, in der nächsten Zeit «grosse Einkaufszentren» oder ähnliche Einrichtungen zu besuchen. Am selben Tag wurde in einem Istanbuler Zentrum eine Bombe gefunden und später durch die Polizei entschärft. Seit dem 11. Januar hat sich Fuat Avni auf Twitter nicht mehr gemeldet. Auch Anfragen von Redaktion Tamedia blieben unbeantwortet.

Schon im vergangenen März sah sich Erdogans Regierung mit den Anschuldigungen konfrontiert, einen «False Flag»-Angriff inszenieren zu wollen, nachdem angebliche Mitschnitte von vertraulichen Sitzungen, an denen unter anderen Aussenminister Ahmet Davutoglu und Geheimdienstchef Hakan Fidan zu hören waren, auf der Videoplattform Youtube geteilt worden waren. Erdogan verurteilte die veröffentlichten Tondokumente als «schändlich». Wenig später sperrte die Türkei den Zugang zu Youtube.

Wer ist Fuat Avni?

Ob Fuat Avni tatsächlich aus dem inneren Kreis Erdogans stammt und inwieweit seine Prognosen mit den tatsächlichen Geschehnissen zusammenhängen, ist aktuell nicht eruierbar. In einem Interview mit dem amerikanischen Onlinemagazin Vocativ gibt er bekannt, er werde seine Identität «unter keinen Umständen» preisgeben und habe auch keine Pläne, das in der Zukunft zu tun. Obwohl es Angriffe auf seinen Account gegeben habe und Erdogan aktiv gegen ihn versuche vorzugehen, sei er noch nicht aufgeflogen. Auf Twitter schrieb er über seine Unternehmungen: «Ihr könnt keine Leute fortscheuchen, die bereit sind, ihr ganzes Leben zu geben.»

Regierungsnahe türkische Medien bezeichneten Fuat Avni bisher primär als «Gülenisten-Propaganda» und bringen den Whistleblower somit direkt mit der Gülen-Bewegung in Verbindung. Fuat Avni selber behauptet im Interview mit Vocativ, die einzige Verbindung zu den Gülenisten sei eine ideologische.

Kampf zwischen Gülen und Erdogan

Der islamische Prediger Fethullah Gülen ist bei Tayyip Erdogan in Ungnade gefallen. Der einstige Weggefährte Erdogans wird seit einiger Zeit aktiv verfolgt. Im Dezember erliess Erdogan einen Haftbefehl gegen ihn mit der Begründung, er sei «Kopf einer Terroristenorganisation». Man wirft der Bewegung ausserdem sektenähnliche Praktiken vor.

Seit längerem findet in der Türkei ein Machtkampf zwischen Gülenisten und Erdogans Regierung statt. So wird Fethullah Gülen ein enormer Einfluss auf Justiz und Polizei nachgesagt. Die Türkei warf Gülen vor, einen Staat im Staat gründen und das Justizsystem systematisch unterwandern zu wollen. Ähnliches schrieb auch der türkische Journalist Ahmet Sik in seinem Buch «Die Armee des Imams», für dessen Veröffentlichung er mittlerweile in Haft genommen wurde. Selber porträtiert sich die Gülen-Bewegung, landläufig auch als Hizmet – der Dienst – bezeichnet, als Exponent eines modernen Islam.

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