Er zeichnete die Deals heimlich auf

Reporter Ismaele La Vardera wollte Bürgermeister von Palermo werden und filmte alle Hinterzimmergespräche, auch jene mit Matteo Salvini. Nun kommt der Film ins Kino.

«Italian Politics for Dummies»: Ismaele La Vardera (l.) tourt mit Matteo Salvini durch Palermo (Szene aus dem Film). Video: Ismaele La Vardera

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Eine rote Haartolle, damit fing alles an. Der Sizilianer Ismaele La Vardera, 23 Jahre alt, trägt sie wie ein Markenzeichen. «Das ist schon die halbe Geschichte», sagt er und lacht. In einigen Wochen kommt sein Dokumentarfilm in die italienischen Kinos, der diese Geschichte erzählt: «Italian Politics for Dummies», Italienische Politik für Anfänger. Und da die italienische Politik gerade ziemlich verrückt spielt, ist jedes Sittenbild daraus vielleicht eine Hilfe zum Verständnis. Es kommt darin auch Innenminister Matteo Salvini vor, der neue starke Mann im Land, unfreiwillig freilich. Und das kam so.

In Palermo, wo er herkommt, kennt man den Journalisten La Vardera, seitdem er für «Le Iene» arbeitet. «Die Hyänen», so heisst ein erfolgreiches Fernsehprogramm auf Italia Uno, das harte Enthüllung mit Satire mischt. Vor anderthalb Jahren beschloss La Vardera, das Angebot einer Bürgerbewegung anzunehmen und für das Amt des Bürgermeisters von Palermo zu kandidieren, der fünftgrössten Stadt im Land, 680'000 Einwohner. Ohne jede Erfahrung, ohne Partei. «Die Politik war immer schon meine Leidenschaft», sag er.

30 Euro pro Stimme

Seine Förderer hatten ihn in einer Talkshow gesehen. La Vardera sagte da, um die Mafia zu besiegen, müsse man zuerst den Mafioso in sich besiegen und die alltäglichen Illegalitäten überwinden: Falschparken, Wegwerfen von Müll. Ziemlich banal. Die Bewegung aber fand: Toll, der hat ein frisches Gesicht und einen «ciuffo rosso», eine rote Tolle.

Palermo wird seit einer halben Ewigkeit von Leoluca Orlando regiert, einem linken Christdemokraten, und das auch noch gut. Aber es gibt viele junge Palermitaner, die nie ein anderes Gesicht an der Macht ihrer Stadt gesehen haben als das von Orlando. Wahltermin: 12. Juni 2017.

Als La Vardera seine Bewerbung verkündet hatte, flogen ihm die Herzen in Schwärmen zu. Gleichaltrige meldeten sich, es roch nach Revolution. «Ich glaubte an unsere Chance», sagt La Vardera. Er steckte seine gesamten Ersparnisse, 6000 Euro, in riesige Wahlplakate. Sie sahen aus wie Filmposter: «Il Sindaco», stand da neben seinem Kopf, «der Bürgermeister». Dazu, ebenfalls wie bei einem Kinoplakat: «Ab 12. Juni.» Vielleicht war das ein Hinweis für das, was folgen würde.

Ein Hinweis? Ismaele La Varderas Wahlplakat im Kinofilmstil. Bild: PD

La Vardera liess seine ganze Kampagne offen filmen. Doch er filmte auch verdeckt. Wenn er sich mit Politikergrössen traf, lokalen und nationalen, um im Stillen über Deals und Posten zu reden, nahm er alles mit einer versteckten Kamera auf. Es seien ihm nämlich schon bald solch «denkwürdige Dinge» widerfahren, dass er fand, das gehöre dokumentiert. «Für die Transparenz», sagt La Vardera, «und aus Selbstschutz.»

Einmal führte man ihn in einen Keller in der Altstadt, Piazza Kalsa, wo ein Mafiaboss wartete, der Enkel von Gino «das Maschinengewehr» Abbate. Der sagte, er könne 300 Stimmen besorgen – «für 30 Euro pro Stimme». Die Leute hätten Hunger. «Und ich sage ihnen, wen sie wählen sollen.» La Vardera gab sich geschockt. Aber wirklich überrascht war er wohl nicht.

Zentral ist die Passage mit Salvini, dem Chef der Lega. Die beiden treffen sich in Rom. Die norditalienische Lega hatte immer gegen den Süden gewettert, klischiert und vulgär. La Vardera war ihre Hoffnung, ein bisschen mitzumischen. «Ich kenne mich in Mailand aus», sagt Salvini in der Szene, «in Palermo nicht.» Er sehe da eine Chance. «Jetzt kommen wir und sagen: ‹Im ganzen Morast der Alten, der Orlandos und Co., gibt es eine Neuigkeit.› Das kann funktionieren.» Über Programme, Ideale, Ideen sprechen sie nicht. Zwei Stunden später sitzt Salvini in einem Fernsehstudio: «Bald sind Wahlen in Palermo», sagt er, «neben dem alten Zeugs gibt es einen 23-jährigen Jungen, er heisst Ismaele, er hat eine rote Tolle, der gefällt mir.»

In La Varderas Team kam das nicht gut an. Ausgerechnet Salvini! La Vardera redete sich ein, er könne Salvini dazu bringen, sich bei den Sizilianern für die Unsäglichkeiten zu entschul­digen, die seine Lega über die Jahre abgesondert hat. Und er sagte sich, Salvini würde seine harte Linie in der Immigrationspolitik mildern – für Palermo und die legendäre Willkommenskultur der Stadt. «Ich liess mich blenden», sagt er. Dann kam Salvini nach Palermo, fuhr mit ihm durch die Stadt, ass ein Panino mit Milz, machte seine Show, filmte alles mit seinem Handy, teilte es mit seinen Fans in den sozialen Medien. La Vardera war Salvinis Mann. Natürlich entschuldigte sich der nicht bei den Sizilianern. Und Milde in der Migrationsfrage? Ach was!

Am Ende sind es 2,7 Prozent

Das konnte nicht gut gehen. Orlando gewann die Wahl schon im ersten Durchgang. La Vardera erhielt nur 7140 Stimmen. 2,7 Prozent. Das gab keinen einzigen Sitz im Stadtrat. Da enthüllte er seinem Team und dem ganzen Land, dass er alles heimlich gefilmt habe. Für die Nachwelt, als Lehrstück.

Man warf ihm vor, er sei ein Betrüger, er wolle sich nur gross machen. Doch La Vardera beteuerte immer, seine Kandidatur sei kein Bluff gewesen. Er habe das wirklich gewollt, die Idee vom Film sei erst nachher gekommen – und überdies: «Wenn ich drei, vier Tage vor der Wahl gesagt hätte, dass ich die ganzen Deals gefilmt habe, dann hätte ich zehn Prozent der Stimmen gewonnen.» Vielleicht.

Salvini gefällt der «ciuffo rosso» nun nicht mehr. Als man ihn fragte, ob er einverstanden sei, dass die Szenen mit ihm im Film gezeigt werden, antwortete er nicht. Richtig skandalös ist nichts, was er im Vertrauen sagt. Salvini ist einfach Salvini, und das reicht schon zum Spiegel dieser verrückten Zeit. La Vardera übrigens ist jetzt wieder bei den «Hyänen» auf Italia Uno.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 20:24 Uhr

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